RUSSLAND: Symbiose von kollektiver Wirtschaft und Familienbetrieb.
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Im Krasnodarsker Gebiet führten Absolventen der Moskauer Hochschule für Wirtschaft und ­Soziales über zwölf Monate budgetorientierte ­Untersuchungen von siebzehn Landwirtschaftsbetrieben durch. Dabei interviewten sie eine große Anzahl von Leuten und arbeiteten mit den örtlichen Statistiken. Die Langzeitstudien in diesen Dörfern begannen bereits 1995 und 1996, damals wurden auch die Familienbudgets untersucht. 2001 wurden diese Untersuchungen wiederholt, um die Veränderungen im Familienbudget in ­diesen fünf Jahren zu vergleichen.



Es gibt da einen russischen Witz, er ist schon 200 Jahre alt. Ein in Paris lebender Dichterfreund des Historikers Karamsin bat diesen, ihm zu schreiben, was in Russland vorgehe. Karamsin antwortete: «Das ist sehr einfach: Man klaut». In der Regel ist diese Sicht unter Russen bis heute sehr populär. Niemand denkt allerdings im konkreten, empirischen Sinn darüber nach, was das bedeutet.


Die Aufgabe der Forscher bestand nun darin, empirisch genau zu beschreiben, in welchem Maße das «Klauen» stattfindet, wie geklaut wird, wie dieser ganze Prozess abläuft. Wenn nach den Unterlagen eine dörfliche Familie in Kuban von 600 oder 1000 Rubeln leben soll (rd. 30 Dollar), dann beträgt das reale Einkommen - das Familieneinkommen kombiniert mit dem aus der Kolchose - zwischen 200 und 300 Dollar. Das sind so genannte nichtformelle Einkünfte, die üblicherweise nicht ­de­klariert werden. Den Forschern gelang es, sie dokumentarisch zu belegen.


 


Welche Landwirtschaft für Russland


Es gibt in Russland einen aktuellen Disput darüber, was im Bereich der Landwirtschaft besser sei - kleine oder große Betriebe, also familiäre, bäuerliche Wirtschaften oder Kolchosen und Sowchosen. Die Untersuchungen zeigen, dass in der bäuerlichen Sphäre eine Symbiose zwischen dem Kleinen und dem Großen besteht, es gibt ein gewisses Konglomerat von familiärer Wirtschaft und Großstruktur. Die Aufgabe bestand darin, die reale Funktion dieser Modelle zu beschreiben. Die alleinige Ausrichtung auf das Kleine ebenso wie auf das Große führen zur Krise und Degradierung. Als das Wichtigste stellt sich die harmonische Ko­existenz des Kleinen und des Großen in Russland heraus. Das geschieht häufig in den merkwürdigsten Formen des naturalen Austausches: Man zahlt seinen Kolchosmitglieder nichts, dafür nutzen die Kolchosmitglieder nicht legal die Ressourcen. Dadurch erhält und reproduziert sich das ganze System und fährt fort zu funktionieren. Die Aufgabe besteht darin, die Balance zwischen dem einen und dem anderen zu halten: Wenn die Kolchosmitglieder zu viel klauen, dann geht die agrarische Produktionspotenz der Kolchose zugrunde und mit ihr verschwinden die Ressourcen. Wenn sie es nicht schaffen, etwas zu nehmen, verelenden die Familien.


Es existiert also im landwirtschaftlichen Bereich so etwas wie eine informelle Wirtschaft, die am Leben erhalten wird durch «Diebstahl». Aber was heisst «Diebstahl»? Der sogenannte Diebstahl hat auf den Kolchosen eher einen positiven als einen negativen Sinn. Wenn die russische Bevölkerung nicht «klauen» würde, dann würde sie einfach vor Hunger sterben. Hier vollzieht sich ein gegenseitiger «Diebstahl»: Auch die Kolchose raubt die Bauern aus, indem sie monatelang keinen Lohn zahlt.


In diesem gegenseitigen Diebstahl vollzieht sich die Reproduktion des Systems, sogar seine Entwicklung. Darin liegen also auch eine ganze Reihe positiver Aspekte. Die Forscher ersetzen den Begriff des Diebstahls durch «nichtformelle Einkünfte», weil Diebstahl negativ bewertet wird. Ein Kolchosnik, der darauf angesprochen wurde, dass die Gebote fordern «Du sollst nicht stehlen», antwortete: «Damals hat es ja keine Kolchosen gegeben».


Der eigentliche Inhalt dieses Stehlens ist ein informelles Verfahren, um die Balance zwischen Familienwirtschaft und großen, industriellen Strukturen herzustellen.


Es ist fast unmöglich, vergleichbare Termini in der Landwirtschaft des Westens zu finden. So gibt es in Russland z.B. «litschnoje podsobnoje choseistwo» (LPCHA) - die persönliche, ergänzende Wirtschaft. Das ist faktisch der Familienhaushalt, die familiäre Wirtschaft, das ist auch die Datscha u.ä., also sehr verschiedene Formen. Anderseits gibt es «agrarni promischlinij komplex» (APK) - der agrar­industrielle Komplex.


LPCHA – das ist die kleine, familiäre Wirtschaft, APK – das ist die große, industrielle Struktur. Sie existieren überall miteinander in Wechselwirkung. Theoretisch betrachtet man beides be­dauer­lich­erweise getrennt, sogar in Russland. Es gibt Spezialisten für APK, für große Schweinekombinate, für große Milchfabriken, die absolut nicht auf die Familienwirtschaft achten. Andererseits gibt es Spezialisten für LPCHA, für die persönliche, unterstützende Wirtschaft. Diese untersuchen, wie viele Kartoffeln, wie viele Tomaten die Menschen in ihren Gärten ziehen.


Doch in diesem Zusammenhang liegt ein Grundunterschied Russlands zu westlichen Ländern. Man kann hier an die Erfahrungen Max Webers anknüpfen, der sagt, dass der heutige Kapitalismus dort beginnt, wo die Trennung der Familie vom Unternehmen beginnt: Familie das eine, Unternehmen das andere. In Russland sind sie bis heute miteinander verwachsen. Sie bilden einen Komplex und darin gibt es einen gigantischen, nichtformellen Fluss des Austausches von Ressourcen zwischen den Familien und den Betrieben, auch in der Industrie, nicht nur in der Landwirtschaft.


 


Die Kolchose, eine soziale Sicherheit


Im Prinzip war dieses System schon typisch für feudale Verhältnisse. Da gab es die Wirtschaft des Gutsbesitzers und hier die Wirtschaft der Bauern und zwischen ihnen fand ein vergleichbarer Austausch statt. Natürlich hat sich das geändert, änderten sich viele Bedingungen, aber das patrimoniale Modell hat sich in vieler Hinsicht erhalten.


Abhängige Bauern bringen in ihren Witzen zum Ausdruck, dass sie einverstanden wären, wenn der Kolchosvorsitzende den Status eines Gutsherren bekäme, vorausgesetzt, er würde dafür die Verantwortung für die Versorgung der bäuerlichen Gemeinschaft übernehmen.


In den 90er Jahren haben die Kolchosen und Sowchosen in einem erstaunlichen Ausmaß ihre Überlebensfähigkeit erwiesen. Die Hoffnungen solcher Reformer wie Gaidar, welche die Entstehung einer Klasse von privaten Bauern erwarteten, haben sich nicht erfüllt, bis heute ist die Landwirtschaft Russlands von den Großbetrieben abhängig.


Heute sind Kolchosen und Sowchosen umbenannt in Aktiengesellschaften. Das ist nicht wichtig. Die Menschen sagen: «Das ist eine Kolchose, wir sind Kolchosniki wie früher, und die Ordnung bei uns ist die einer Kolchose». Es ist erstaunlich, in welchem Maße sich das alte System reproduziert,  ungeachtet der Aktien, Anteile, neuer Namen. Einer der Gründe dafür ist, dass die Kolchose einen mächtigen sozialen Schutz für die Landbevölkerung darstellt. Sie übernimmt die soziale Infrastruktur. Sehr viele juristische und wirtschaftliche Fragen entschied früher die Kolchose, so wie einst die «Obschtschina», die alte Bauerngemeinschaft. Der Mensch, der die Kolchose verlässt, sieht sich allein der rauen, postsowjetischen Welt ausgesetzt, und er zieht die Kolchose vor. Die Kolchose ist oft die rationalere Form eines Betriebes im modernen Sinn des Wortes.


Im Untersuchungszeitraum waren viele Kolchosen zu sehen, die bankrott waren, die ihren Mitgliedern keinen Rubel Lohn mehr zahlen konnten.


Aber selbst in diesen Kolchosen war es üblich, schwachen Mitgliedern Hilfe zu leisten, indem die Kolchose Mittel zur Hochzeit, zum Begräbnis, zur Einberufung des Sohnes zur Armee, zur Reparatur des Hauses beisteuerte. Dafür gab es spezielle Verordnungen. Das ist auch eines der Paradoxa. Für die Forscher ergibt sich daraus, dass der Hauptweg der Entwicklung für die Landwirtschaft im heutigen Russland die innere Reorganisation dieser Symbiose ist, der Symbiose des Kleinen mit dem Großen. Unter heutigen Bedingungen entwickeln sich die Betriebe, die sich bemühen, diese Symbiose zu fördern - die organische Symbiose zwischen Familie und Betrieb – erfolgreicher als andere.


 


Die Tradition des Kollektivismus


Der Kollektivismus ist sehr traditionell, und in gewissem Sinne liegen die Misserfolge der Perestroika in der Krise des russischen Kollektivismus begründet. Hierzu gab es eine Prophezeiung Kropotkins, des großen anarchistischen Revolutionärs. Nach der Revolution von 1917 kehrte er zurück nach Russland und kritisierte die Bolschewisten, vor allem Lenin. Es gibt einen Briefwechsel zwischen Lenin und Kropotkin, in dem Kropotkin schrieb: «Sie schaffen einen nicht-effektiven Gesellschaftsaufbau, aber schließ­­lich, nach ein paar Generationen, wird dieser Bau untergehen. Doch das hauptsächliche Elend und die hauptsächliche Tragödie für die Gesellschaft und für die Menschheit liegt darin, dass Sie, indem sie einen kasernenartigen Staatskollektivismus aufbauen, die spontane Fähigkeit der Menschen zur gegenseitigen Hilfe und zum freien Kollektivismus zerstören. Die Menschen werden derart eingeschüchtert sein, sie werden ihren kasernenartigen Zwangs-Kollektivismus derart satt haben, dass dann, wenn Ihre Gesellschaft in ihre Bestandteile zerfällt, alle diese Menschen erschreckende Individualisten werden. Sie werden nicht mehr in der Lage sein, sich miteinander zu verbinden.» Das geschieht heute in Russland.


Wenn heute die Rede ist von der hehren russischen «Obschtschinost» (soziale Gemeinschaft) und «Sobornost» (geistige Gemeinschaft), dann kann der Forscher davon nichts sehen. Er sieht nur, wenn er sich umschaut, dass russische Menschen sich nicht verbinden können - nicht im Kollektiv, nicht in der Obschtschina, nicht im Verein... Sie haben es verlernt, sie haben kein Vertrauen, sie haben Angst. Wenn einer zu ihnen sagt: Kommt, lasst uns ein Kollektiv aufbauen, dann heißt es sofort: Ah, das ist doch Sozialismus. Da wird uns wieder einer betrügen, wird uns wieder einer kommandieren wollen.


In den 90er Jahren liegt die Geburt eines anarchistischen Individualismus der russischen Menschen. Man konnte oft beobachten, wie Vereine von Bauern gegründet wurden und sofort wieder zerfielen. In der Regel riss der Bauer, der sie gründete, nach Kurzem als Chef die Ressourcen an sich, nahm alle aus und machte sich davon. Kooperativen sind hier in Russland dringend notwendig. Doch die Menschen sind kaum in der Lage sie aufzubauen, weil die vorangegangene Gesellschaft sie einen freien, kreativen Kollektivismus verlernen ließ. (...)


 


Die Gefahren der Bürokratie


Die Hauptgefahr für die russische Gesellschaft, für die Selbstorganisation örtlicher Gemeinschaften, besteht im berüchtigten Bürokratismus. Die russischen Bürokraten haben die Wende der letzten zehn Jahre mehr oder weniger erfolgreich überstanden. Putin geht jetzt daran, diese Bürokratie wiederherzustellen und zu stärken, ohne im Kern irgendetwas zu ändern. Das ist sehr gefährlich. (...)


Zum Beispiel die «Stanitza», das Dorf  Novaja Deriwiankowskaja. Der Direktor der Schule, ein Landeskundiger, der die Geschichte des Heimatlandes lehrt, war sehr beunruhigt. Er erzählte eine Geschichte, die sich dort zugetragen hat: Üblicherweise besteht eine «Stanitza» aus zwei Kolchosen. Hier gab es zwei - eine mehr oder weniger starke, die andere zerfallen. Vor einem Jahr wurde in der armen Kolchose ein neuer Vorstand gewählt. Und wie so oft in Russland, wo so viel von der Leitung, dem Hausherrn, usw. abhängt, schaffte der Vorstand es, die Situation merklich zu verbessern. Der zentrale Punkt seiner Reform bestand darin, dass er eben genau diese symbiotische Beziehung zwischen den großen Strukturen der Kolchose und den Interessen der Familie an privaten Wirtschaften beachtete. Lohn wurde nicht in Geld ausgezahlt, sondern in Naturalien. Merklich stieg der Stimulus für die Arbeit, die Margen für die Wirtschaftsleistung stiegen an, und die Leute spürten innerhalb eines Jahres, dass sie besser leben konnten.


In derselben Zeit sammelten sich in diesem Gebiet ein paar private Bauern, so genannt effektive Bauern oder Chef-Bauern. Einer von ihnen war der Führer des Distrikts, der andere war der Staatsanwalt des Distrikts. Das heißt, formal waren sie Bauern, aber in Wirklichkeit musste die arme Kolchose ihnen die Felder bestellen. Der neue Chef erklärte nun, dass sie die Felder nicht weiter für diese Chefs bearbeiten würden. Buchstäblich zwei Monate nach dieser Weigerung betrieben die «Chefbauern» gegen den Leiter der Kolchose ein Strafverfahren wegen nicht gezahlter Steuern und erklärten, dass sie ihn vor Gericht bringen und ins Gefängnis setzen würden. Und hier geschah, was sonst nicht so häufig vorkommt: Die Leute solidarisierten sich massen­weise mit ihrem Vorstand. Sie erklärten, dass sie ihren Vorstand nicht herausgeben würden, sie versammelten sich zu Demonstrationen im Distriktzentrum - ländliche Gemeinschaft und örtliche Bürokratie.


Es gibt da noch andere Fakten zu spontanen Protesten, zu spontanen Formen der Selbstorganisation aus den empirischen Untersuchungen: Das, was seit 1990 geschieht, hat die russische Bevölkerung total verwirrt. Es gibt keinen Widerstand: Man zahlt den Menschen keinen Lohn, man raubt sie aus, man ver­höhnt sie, aber die Menschen ertragen das geduldig. Doch im Jahr 1995 versuchten zwei kleine Dörfer im Omsker Oblast in Sibirien, bewaffneten Widerstand gegen das Regime Jelzins zu leisten. Sie bereiteten diese Revolte vor, nahmen dann aber von ihrem Vorhaben Abstand. Allein die Tatsache, dass sie es versuchten, ist schon ein interessanter Fakt.


 


Der Unterricht in den Dörfern


Für jede beliebige kleine ländliche Gemeinschaft ist der wichtigste Indikator für seine Überlebensfähigkeit der Zustand der Dorfschule. Vor 1990 waren die Schulen staatlich. In den 90er Jahren veränderte sich viel, das meist mit den Gehältern und Löhnen zusammenhing. Die Reform der Landwirtschaft beginnt hier nicht mit der Wirtschaft, sondern mit der örtlichen Bildung, mit der örtlichen Schule. Die ländliche Gemeinschaft, wenn sie sich in der Krise befindet, gibt - wie eine kleine Burg - nach und nach ihre Positionen auf. Das letzte, was sie aufgibt, ist die Schule. Es wird das Krankenhaus geschlossen, die Bibliothek, das Haus der Kultur, es geht die Produktion zugrunde, aber wenn die Schule schließt, dann geht die ländliche Gemeinde zugrunde.


Es ist immer wieder erstaunlich, welche Reserven mobilisierbar sind, wenn es um Bildung geht. Natürlich hauptsächlich zu Lasten der Familie und häufig der Kolchose. In dem Maße, wie sich der Staat von seiner Verpflichtung zur Finanzierung der Bildung lossagt, haben Familien und Kolchosen Ressourcen mobilisiert, damit die Schulen weiter arbeiten können. Die größte Gefahr im Bereich der Bildung aber ist die Korruption, ebenso in der Medizin. Formal sind Bildung und Medizin kostenlos, aber in der Realität muss man für die Schule zahlen, muss «Wsatki», Geschenke, geben für die Aufnahme. Die Untersuchungen der Familienbudgets belegen, in welchem Maße die Familienkasse strapaziert wird, um den Kindern die Aufnahme in ein Institut und ihnen dann fünf Jahre lang dessen Besuch zu ermöglichen.


 


Nomadismus zwischen Stadt und Land


Die Beziehung zwischen Dorf und Stadt ist in Russland sehr stark. Der Grund dafür ist, dass die Mehrheit der Stadtbewohner noch Dorfbewohner der ersten oder zweiten Generation sind. Die stalinsche Zwangsindustrialisierung hat sie in die Stadt geworfen, aber ihrer Mentalität nach blieben sie Bauern. Die engen Beziehungen zwischen Bewohnern der Stadt und ihren Freunden auf den Dörfern, z.B. die Verwandtschaft, interessierten die Forscher besonders. Zweimal im Jahr wird diese Verbindung real hergestellt. (...)  Zu diesen Tagen bemühen sich die Menschen aus der Stadt, in ihr Dorf zu fahren. Und wenn man dort über Ostern oder bei den Elterntagen zum Friedhof geht, dann trifft man dort die halbe Stadt. Man stützt einander emotional und auf diesem Wege stellen sich auch sozial-ökonomische Verbindungen her, durch Pakete, Gegenstände, Geld, gegenseitige Hilfe. Hier existiert auch dieser Naturalaustausch zwischen Stadt und Dorf oder auch Datscha. Diese Verbindungen sind sehr stark. Sie haben sich in den letzten Jahren paradoxerweise weiterentwickelt, als ein Teil der Bevölkerung, der früheren bäuerlichen Bevölkerung, durch die Reformen die Möglichkeit hatte, ein kleines Stückchen Land zu bekommen, und das ganze Land sich dieser kleinen, persönlichen familiären Wirtschaft zuwandte, welche diese Symbiose zwischen Stadt und Land, zwischen Datschen und Wohnungen bildet.


Es gibt gegenwärtig eine Blüte dieser Lebensweise in Russland. Die Statistiken zeigen, dass Anfang der 90er Jahre ein Ansturm der städtischen Bewohner aufs Land einsetze. Und ungefähr anderthalb bis zwei Prozent der städtischen Bevölkerung verschwand zurück ins Dorf. Im Zuge der 90 Jahre hat sich die Balance zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung ungefähr gehalten. Dabei spielt wieder diese administrative Besonderheit Russlands eine Rolle, dass in diesem Bereich ständig zuviel Veränderungen und ständig zu hohe Registrierungen stattfinden, wenn große Dörfer offiziell in Städte umbenannt und die Dorfbewohner zu Stadtbewohnern werden. Oder umgekehrt, kleine Orte erklären sich zum Dorf und die Bewohner werden zur Landbevölkerung. Ungefähr 55 bis 60 Prozent der russischen Bevölkerung, nicht nur in Dörfern, sondern auch in Städten, gehören zur Landbevölkerung. Denn auch in den kleinen Städten lebt man hauptsächlich von der Landwirtschaft.


Dazu kommen noch die Datschniki in Moskau. Im Maschasiki Distrikt, einem der äußersten des Moskauer Oblast, mehr als hundert Kilometer von Moskau entfernt, gibt es ungefähr 200 Datschengelände. Daraus ergibt sich, dass ungefähr 40 Prozent des Maschaiski Distrikts aus Datschniki bestehen. Die Russen (...) nomadisieren ge­wisser­maßen zwischen Stadt und Dorf und zwischen Dorf und Stadt. Eine gigantische Wanderung findet da ständig statt, oft gemeinsam, als Obschtschina, als Gemeinschaft. Zum Beispiel werden einige Fabriken im Frühjahr geschlossen und die Arbeiter fahren hinaus, um ihre Gärten zu bestellen. Sie setzen die Kartoffeln, machen alles fertig, dann kehren sie in die Fabrik zurück. Später fahren sie für zwei Wochen raus und holen die Ernte ein.


Zu sowjetischen Zeiten geschah ähnliches, nur zentralisiert. Die Fabrik arbeitete, aber eine bestimmte Abteilung der Bezirksorganisation musste hinaus auf die Felder. Jetzt gibt niemand solche Befehle, jetzt sagt die örtliche Leitung nur: Der Lohn ist gering, wir sind nicht in der Lage, die Menschen mit dem Lohn zu ernähren. Das heißt, sie müssen sich selbst erhalten durch ihre Gartenstücke. Deshalb schließen wir die Fabrik, sollen sie selbst sehen, dass sie ihre Dinge geregelt kriegen und dann machen wir die Fabrik wieder auf. So läuft das heute. Unter den gegebenen Bedingungen ist das effektiv.


Die Statistiken sagen - hier kann man ihnen mal glauben - dass es in Russland 40 Millionen persönliche, unterstützende Wirtschaften gibt, von denen, grob geschätzt, zwei Drittel der Bevölkerung in dieser oder jener Form leben. Das ist entweder die Datscha oder der Garten der Kolchosniki in der ländlichen Bevölkerung. Ungefähr ein Drittel der Bevölkerung lebt in ländlichen Gebieten, auf dem Dorf, ungefähr ein Drittel in kleinen Städten und ungefähr ein Drittel in Großstädten. Großstadt - das sind Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern; als mittlere Städte gelten solche von 50.000 bis 100.000, als kleine solche mit weniger als 50.000 Einwohnern.


 


Symbiose zwischen Individuum und Kollektiv


Die russische Landwirtschaft wäre imstande, Russland zu ernähren. In vielen Produkten ist Russland vollkommen autark. (...) Um die Produktivität der Landwirtschaft zu erhöhen, muss vor allem der Beamtenapparat reorganisiert, beschränkt werden, und auf der anderen Seite müssen die örtlichen ländlichen Gemeinschaften, die Selbstverwaltung plus Familienwirtschaft reorganisiert werden. Die ideale Variante wären Kooperativen, aber leider ist Kooperative für die russische Bevölkerung auch ein Schimpfwort geworden, weil unter Gorbatschow das, was damals Kooperative genannt wurde, in Wirk­­­lichkeit die ersten kleinen kapitalistischen Unternehmen waren. Deshalb ist das Wort Kooperative gegenwärtig ein Synonym für Kapitalismus. Und den liebt man nicht sehr.


Für Russland ist das Modell Tschajanows aktuell. Tschajanow war ein großer russischer Agrarwissenschaftler am Anfang des 20. Jahrhunderts, der die Theorie der ländlichen Kooperative ausgearbeitet hat. Diese Theorie ist eine Kom­bination des Individuellen und des Kollektiven, wenn einzelne Persönlichkeiten in begrenzte kollektive Prozesse eingebunden sind, z.B. in Prozesse, die man einschätzen, die man rationalisieren kann. Das wäre ein perspektivreicher Weg.


Alexander Nikulin


Es gibt da einen russischen Witz, er ist schon 200 Jahre alt. Ein in Paris lebender Dichterfreund des Historikers Karamsin bat diesen, ihm zu schreiben, was in Russland vorgehe. Karamsin antwortete: «Das ist sehr einfach: Man klaut». In der Regel ist diese Sicht unter Russen bis heute sehr populär. Niemand denkt allerdings im konkreten, empirischen Sinn darüber nach, was das bedeutet.


Die Aufgabe der Forscher bestand nun darin, empirisch genau zu beschreiben, in welchem Maße das «Klauen» stattfindet, wie geklaut wird, wie dieser ganze Prozess abläuft. Wenn nach den Unterlagen eine dörfliche Familie in Kuban von 600 oder 1000 Rubeln leben soll (rd. 30 Dollar), dann beträgt das reale Einkommen - das Familieneinkommen kombiniert mit dem aus der Kolchose - zwischen 200 und 300 Dollar. Das sind so genannte nichtformelle Einkünfte, die üblicherweise nicht ­de­klariert werden. Den Forschern gelang es, sie dokumentarisch zu belegen.


 


Welche Landwirtschaft für Russland


Es gibt in Russland einen aktuellen Disput darüber, was im Bereich der Landwirtschaft besser sei - kleine oder große Betriebe, also familiäre, bäuerliche Wirtschaften oder Kolchosen und Sowchosen. Die Untersuchungen zeigen, dass in der bäuerlichen Sphäre eine Symbiose zwischen dem Kleinen und dem Großen besteht, es gibt ein gewisses Konglomerat von familiärer Wirtschaft und Großstruktur. Die Aufgabe bestand darin, die reale Funktion dieser Modelle zu beschreiben. Die alleinige Ausrichtung auf das Kleine ebenso wie auf das Große führen zur Krise und Degradierung. Als das Wichtigste stellt sich die harmonische Ko­existenz des Kleinen und des Großen in Russland heraus. Das geschieht häufig in den merkwürdigsten Formen des naturalen Austausches: Man zahlt seinen Kolchosmitglieder nichts, dafür nutzen die Kolchosmitglieder nicht legal die Ressourcen. Dadurch erhält und reproduziert sich das ganze System und fährt fort zu funktionieren. Die Aufgabe besteht darin, die Balance zwischen dem einen und dem anderen zu halten: Wenn die Kolchosmitglieder zu viel klauen, dann geht die agrarische Produktionspotenz der Kolchose zugrunde und mit ihr verschwinden die Ressourcen. Wenn sie es nicht schaffen, etwas zu nehmen, verelenden die Familien.


Es existiert also im landwirtschaftlichen Bereich so etwas wie eine informelle Wirtschaft, die am Leben erhalten wird durch «Diebstahl». Aber was heisst «Diebstahl»? Der sogenannte Diebstahl hat auf den Kolchosen eher einen positiven als einen negativen Sinn. Wenn die russische Bevölkerung nicht «klauen» würde, dann würde sie einfach vor Hunger sterben. Hier vollzieht sich ein gegenseitiger «Diebstahl»: Auch die Kolchose raubt die Bauern aus, indem sie monatelang keinen Lohn zahlt.


In diesem gegenseitigen Diebstahl vollzieht sich die Reproduktion des Systems, sogar seine Entwicklung. Darin liegen also auch eine ganze Reihe positiver Aspekte. Die Forscher ersetzen den Begriff des Diebstahls durch «nichtformelle Einkünfte», weil Diebstahl negativ bewertet wird. Ein Kolchosnik, der darauf angesprochen wurde, dass die Gebote fordern «Du sollst nicht stehlen», antwortete: «Damals hat es ja keine Kolchosen gegeben».


Der eigentliche Inhalt dieses Stehlens ist ein informelles Verfahren, um die Balance zwischen Familienwirtschaft und großen, industriellen Strukturen herzustellen.


Es ist fast unmöglich, vergleichbare Termini in der Landwirtschaft des Westens zu finden. So gibt es in Russland z.B. «litschnoje podsobnoje choseistwo» (LPCHA) - die persönliche, ergänzende Wirtschaft. Das ist faktisch der Familienhaushalt, die familiäre Wirtschaft, das ist auch die Datscha u.ä., also sehr verschiedene Formen. Anderseits gibt es «agrarni promischlinij komplex» (APK) - der agrar­industrielle Komplex.


LPCHA – das ist die kleine, familiäre Wirtschaft, APK – das ist die große, industrielle Struktur. Sie existieren überall miteinander in Wechselwirkung. Theoretisch betrachtet man beides be­dauer­lich­erweise getrennt, sogar in Russland. Es gibt Spezialisten für APK, für große Schweinekombinate, für große Milchfabriken, die absolut nicht auf die Familienwirtschaft achten. Andererseits gibt es Spezialisten für LPCHA, für die persönliche, unterstützende Wirtschaft. Diese untersuchen, wie viele Kartoffeln, wie viele Tomaten die Menschen in ihren Gärten ziehen.


Doch in diesem Zusammenhang liegt ein Grundunterschied Russlands zu westlichen Ländern. Man kann hier an die Erfahrungen Max Webers anknüpfen, der sagt, dass der heutige Kapitalismus dort beginnt, wo die Trennung der Familie vom Unternehmen beginnt: Familie das eine, Unternehmen das andere. In Russland sind sie bis heute miteinander verwachsen. Sie bilden einen Komplex und darin gibt es einen gigantischen, nichtformellen Fluss des Austausches von Ressourcen zwischen den Familien und den Betrieben, auch in der Industrie, nicht nur in der Landwirtschaft.


 


Die Kolchose, eine soziale Sicherheit


Im Prinzip war dieses System schon typisch für feudale Verhältnisse. Da gab es die Wirtschaft des Gutsbesitzers und hier die Wirtschaft der Bauern und zwischen ihnen fand ein vergleichbarer Austausch statt. Natürlich hat sich das geändert, änderten sich viele Bedingungen, aber das patrimoniale Modell hat sich in vieler Hinsicht erhalten.


Abhängige Bauern bringen in ihren Witzen zum Ausdruck, dass sie einverstanden wären, wenn der Kolchosvorsitzende den Status eines Gutsherren bekäme, vorausgesetzt, er würde dafür die Verantwortung für die Versorgung der bäuerlichen Gemeinschaft übernehmen.


In den 90er Jahren haben die Kolchosen und Sowchosen in einem erstaunlichen Ausmaß ihre Überlebensfähigkeit erwiesen. Die Hoffnungen solcher Reformer wie Gaidar, welche die Entstehung einer Klasse von privaten Bauern erwarteten, haben sich nicht erfüllt, bis heute ist die Landwirtschaft Russlands von den Großbetrieben abhängig.


Heute sind Kolchosen und Sowchosen umbenannt in Aktiengesellschaften. Das ist nicht wichtig. Die Menschen sagen: «Das ist eine Kolchose, wir sind Kolchosniki wie früher, und die Ordnung bei uns ist die einer Kolchose». Es ist erstaunlich, in welchem Maße sich das alte System reproduziert,  ungeachtet der Aktien, Anteile, neuer Namen. Einer der Gründe dafür ist, dass die Kolchose einen mächtigen sozialen Schutz für die Landbevölkerung darstellt. Sie übernimmt die soziale Infrastruktur. Sehr viele juristische und wirtschaftliche Fragen entschied früher die Kolchose, so wie einst die «Obschtschina», die alte Bauerngemeinschaft. Der Mensch, der die Kolchose verlässt, sieht sich allein der rauen, postsowjetischen Welt ausgesetzt, und er zieht die Kolchose vor. Die Kolchose ist oft die rationalere Form eines Betriebes im modernen Sinn des Wortes.


Im Untersuchungszeitraum waren viele Kolchosen zu sehen, die bankrott waren, die ihren Mitgliedern keinen Rubel Lohn mehr zahlen konnten.


Aber selbst in diesen Kolchosen war es üblich, schwachen Mitgliedern Hilfe zu leisten, indem die Kolchose Mittel zur Hochzeit, zum Begräbnis, zur Einberufung des Sohnes zur Armee, zur Reparatur des Hauses beisteuerte. Dafür gab es spezielle Verordnungen. Das ist auch eines der Paradoxa. Für die Forscher ergibt sich daraus, dass der Hauptweg der Entwicklung für die Landwirtschaft im heutigen Russland die innere Reorganisation dieser Symbiose ist, der Symbiose des Kleinen mit dem Großen. Unter heutigen Bedingungen entwickeln sich die Betriebe, die sich bemühen, diese Symbiose zu fördern - die organische Symbiose zwischen Familie und Betrieb – erfolgreicher als andere.


 


Die Tradition des Kollektivismus


Der Kollektivismus ist sehr traditionell, und in gewissem Sinne liegen die Misserfolge der Perestroika in der Krise des russischen Kollektivismus begründet. Hierzu gab es eine Prophezeiung Kropotkins, des großen anarchistischen Revolutionärs. Nach der Revolution von 1917 kehrte er zurück nach Russland und kritisierte die Bolschewisten, vor allem Lenin. Es gibt einen Briefwechsel zwischen Lenin und Kropotkin, in dem Kropotkin schrieb: «Sie schaffen einen nicht-effektiven Gesellschaftsaufbau, aber schließ­­lich, nach ein paar Generationen, wird dieser Bau untergehen. Doch das hauptsächliche Elend und die hauptsächliche Tragödie für die Gesellschaft und für die Menschheit liegt darin, dass Sie, indem sie einen kasernenartigen Staatskollektivismus aufbauen, die spontane Fähigkeit der Menschen zur gegenseitigen Hilfe und zum freien Kollektivismus zerstören. Die Menschen werden derart eingeschüchtert sein, sie werden ihren kasernenartigen Zwangs-Kollektivismus derart satt haben, dass dann, wenn Ihre Gesellschaft in ihre Bestandteile zerfällt, alle diese Menschen erschreckende Individualisten werden. Sie werden nicht mehr in der Lage sein, sich miteinander zu verbinden.» Das geschieht heute in Russland.


Wenn heute die Rede ist von der hehren russischen «Obschtschinost» (soziale Gemeinschaft) und «Sobornost» (geistige Gemeinschaft), dann kann der Forscher davon nichts sehen. Er sieht nur, wenn er sich umschaut, dass russische Menschen sich nicht verbinden können - nicht im Kollektiv, nicht in der Obschtschina, nicht im Verein... Sie haben es verlernt, sie haben kein Vertrauen, sie haben Angst. Wenn einer zu ihnen sagt: Kommt, lasst uns ein Kollektiv aufbauen, dann heißt es sofort: Ah, das ist doch Sozialismus. Da wird uns wieder einer betrügen, wird uns wieder einer kommandieren wollen.


In den 90er Jahren liegt die Geburt eines anarchistischen Individualismus der russischen Menschen. Man konnte oft beobachten, wie Vereine von Bauern gegründet wurden und sofort wieder zerfielen. In der Regel riss der Bauer, der sie gründete, nach Kurzem als Chef die Ressourcen an sich, nahm alle aus und machte sich davon. Kooperativen sind hier in Russland dringend notwendig. Doch die Menschen sind kaum in der Lage sie aufzubauen, weil die vorangegangene Gesellschaft sie einen freien, kreativen Kollektivismus verlernen ließ. (...)


 


Die Gefahren der Bürokratie


Die Hauptgefahr für die russische Gesellschaft, für die Selbstorganisation örtlicher Gemeinschaften, besteht im berüchtigten Bürokratismus. Die russischen Bürokraten haben die Wende der letzten zehn Jahre mehr oder weniger erfolgreich überstanden. Putin geht jetzt daran, diese Bürokratie wiederherzustellen und zu stärken, ohne im Kern irgendetwas zu ändern. Das ist sehr gefährlich. (...)


Zum Beispiel die «Stanitza», das Dorf  Novaja Deriwiankowskaja. Der Direktor der Schule, ein Landeskundiger, der die Geschichte des Heimatlandes lehrt, war sehr beunruhigt. Er erzählte eine Geschichte, die sich dort zugetragen hat: Üblicherweise besteht eine «Stanitza» aus zwei Kolchosen. Hier gab es zwei - eine mehr oder weniger starke, die andere zerfallen. Vor einem Jahr wurde in der armen Kolchose ein neuer Vorstand gewählt. Und wie so oft in Russland, wo so viel von der Leitung, dem Hausherrn, usw. abhängt, schaffte der Vorstand es, die Situation merklich zu verbessern. Der zentrale Punkt seiner Reform bestand darin, dass er eben genau diese symbiotische Beziehung zwischen den großen Strukturen der Kolchose und den Interessen der Familie an privaten Wirtschaften beachtete. Lohn wurde nicht in Geld ausgezahlt, sondern in Naturalien. Merklich stieg der Stimulus für die Arbeit, die Margen für die Wirtschaftsleistung stiegen an, und die Leute spürten innerhalb eines Jahres, dass sie besser leben konnten.


In derselben Zeit sammelten sich in diesem Gebiet ein paar private Bauern, so genannt effektive Bauern oder Chef-Bauern. Einer von ihnen war der Führer des Distrikts, der andere war der Staatsanwalt des Distrikts. Das heißt, formal waren sie Bauern, aber in Wirklichkeit musste die arme Kolchose ihnen die Felder bestellen. Der neue Chef erklärte nun, dass sie die Felder nicht weiter für diese Chefs bearbeiten würden. Buchstäblich zwei Monate nach dieser Weigerung betrieben die «Chefbauern» gegen den Leiter der Kolchose ein Strafverfahren wegen nicht gezahlter Steuern und erklärten, dass sie ihn vor Gericht bringen und ins Gefängnis setzen würden. Und hier geschah, was sonst nicht so häufig vorkommt: Die Leute solidarisierten sich massen­weise mit ihrem Vorstand. Sie erklärten, dass sie ihren Vorstand nicht herausgeben würden, sie versammelten sich zu Demonstrationen im Distriktzentrum - ländliche Gemeinschaft und örtliche Bürokratie.


Es gibt da noch andere Fakten zu spontanen Protesten, zu spontanen Formen der Selbstorganisation aus den empirischen Untersuchungen: Das, was seit 1990 geschieht, hat die russische Bevölkerung total verwirrt. Es gibt keinen Widerstand: Man zahlt den Menschen keinen Lohn, man raubt sie aus, man ver­höhnt sie, aber die Menschen ertragen das geduldig. Doch im Jahr 1995 versuchten zwei kleine Dörfer im Omsker Oblast in Sibirien, bewaffneten Widerstand gegen das Regime Jelzins zu leisten. Sie bereiteten diese Revolte vor, nahmen dann aber von ihrem Vorhaben Abstand. Allein die Tatsache, dass sie es versuchten, ist schon ein interessanter Fakt.


 


Der Unterricht in den Dörfern


Für jede beliebige kleine ländliche Gemeinschaft ist der wichtigste Indikator für seine Überlebensfähigkeit der Zustand der Dorfschule. Vor 1990 waren die Schulen staatlich. In den 90er Jahren veränderte sich viel, das meist mit den Gehältern und Löhnen zusammenhing. Die Reform der Landwirtschaft beginnt hier nicht mit der Wirtschaft, sondern mit der örtlichen Bildung, mit der örtlichen Schule. Die ländliche Gemeinschaft, wenn sie sich in der Krise befindet, gibt - wie eine kleine Burg - nach und nach ihre Positionen auf. Das letzte, was sie aufgibt, ist die Schule. Es wird das Krankenhaus geschlossen, die Bibliothek, das Haus der Kultur, es geht die Produktion zugrunde, aber wenn die Schule schließt, dann geht die ländliche Gemeinde zugrunde.


Es ist immer wieder erstaunlich, welche Reserven mobilisierbar sind, wenn es um Bildung geht. Natürlich hauptsächlich zu Lasten der Familie und häufig der Kolchose. In dem Maße, wie sich der Staat von seiner Verpflichtung zur Finanzierung der Bildung lossagt, haben Familien und Kolchosen Ressourcen mobilisiert, damit die Schulen weiter arbeiten können. Die größte Gefahr im Bereich der Bildung aber ist die Korruption, ebenso in der Medizin. Formal sind Bildung und Medizin kostenlos, aber in der Realität muss man für die Schule zahlen, muss «Wsatki», Geschenke, geben für die Aufnahme. Die Untersuchungen der Familienbudgets belegen, in welchem Maße die Familienkasse strapaziert wird, um den Kindern die Aufnahme in ein Institut und ihnen dann fünf Jahre lang dessen Besuch zu ermöglichen.


 


Nomadismus zwischen Stadt und Land


Die Beziehung zwischen Dorf und Stadt ist in Russland sehr stark. Der Grund dafür ist, dass die Mehrheit der Stadtbewohner noch Dorfbewohner der ersten oder zweiten Generation sind. Die stalinsche Zwangsindustrialisierung hat sie in die Stadt geworfen, aber ihrer Mentalität nach blieben sie Bauern. Die engen Beziehungen zwischen Bewohnern der Stadt und ihren Freunden auf den Dörfern, z.B. die Verwandtschaft, interessierten die Forscher besonders. Zweimal im Jahr wird diese Verbindung real hergestellt. (...)  Zu diesen Tagen bemühen sich die Menschen aus der Stadt, in ihr Dorf zu fahren. Und wenn man dort über Ostern oder bei den Elterntagen zum Friedhof geht, dann trifft man dort die halbe Stadt. Man stützt einander emotional und auf diesem Wege stellen sich auch sozial-ökonomische Verbindungen her, durch Pakete, Gegenstände, Geld, gegenseitige Hilfe. Hier existiert auch dieser Naturalaustausch zwischen Stadt und Dorf oder auch Datscha. Diese Verbindungen sind sehr stark. Sie haben sich in den letzten Jahren paradoxerweise weiterentwickelt, als ein Teil der Bevölkerung, der früheren bäuerlichen Bevölkerung, durch die Reformen die Möglichkeit hatte, ein kleines Stückchen Land zu bekommen, und das ganze Land sich dieser kleinen, persönlichen familiären Wirtschaft zuwandte, welche diese Symbiose zwischen Stadt und Land, zwischen Datschen und Wohnungen bildet.


Es gibt gegenwärtig eine Blüte dieser Lebensweise in Russland. Die Statistiken zeigen, dass Anfang der 90er Jahre ein Ansturm der städtischen Bewohner aufs Land einsetze. Und ungefähr anderthalb bis zwei Prozent der städtischen Bevölkerung verschwand zurück ins Dorf. Im Zuge der 90 Jahre hat sich die Balance zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung ungefähr gehalten. Dabei spielt wieder diese administrative Besonderheit Russlands eine Rolle, dass in diesem Bereich ständig zuviel Veränderungen und ständig zu hohe Registrierungen stattfinden, wenn große Dörfer offiziell in Städte umbenannt und die Dorfbewohner zu Stadtbewohnern werden. Oder umgekehrt, kleine Orte erklären sich zum Dorf und die Bewohner werden zur Landbevölkerung. Ungefähr 55 bis 60 Prozent der russischen Bevölkerung, nicht nur in Dörfern, sondern auch in Städten, gehören zur Landbevölkerung. Denn auch in den kleinen Städten lebt man hauptsächlich von der Landwirtschaft.


Dazu kommen noch die Datschniki in Moskau. Im Maschasiki Distrikt, einem der äußersten des Moskauer Oblast, mehr als hundert Kilometer von Moskau entfernt, gibt es ungefähr 200 Datschengelände. Daraus ergibt sich, dass ungefähr 40 Prozent des Maschaiski Distrikts aus Datschniki bestehen. Die Russen (...) nomadisieren ge­wisser­maßen zwischen Stadt und Dorf und zwischen Dorf und Stadt. Eine gigantische Wanderung findet da ständig statt, oft gemeinsam, als Obschtschina, als Gemeinschaft. Zum Beispiel werden einige Fabriken im Frühjahr geschlossen und die Arbeiter fahren hinaus, um ihre Gärten zu bestellen. Sie setzen die Kartoffeln, machen alles fertig, dann kehren sie in die Fabrik zurück. Später fahren sie für zwei Wochen raus und holen die Ernte ein.


Zu sowjetischen Zeiten geschah ähnliches, nur zentralisiert. Die Fabrik arbeitete, aber eine bestimmte Abteilung der Bezirksorganisation musste hinaus auf die Felder. Jetzt gibt niemand solche Befehle, jetzt sagt die örtliche Leitung nur: Der Lohn ist gering, wir sind nicht in der Lage, die Menschen mit dem Lohn zu ernähren. Das heißt, sie müssen sich selbst erhalten durch ihre Gartenstücke. Deshalb schließen wir die Fabrik, sollen sie selbst sehen, dass sie ihre Dinge geregelt kriegen und dann machen wir die Fabrik wieder auf. So läuft das heute. Unter den gegebenen Bedingungen ist das effektiv.


Die Statistiken sagen - hier kann man ihnen mal glauben - dass es in Russland 40 Millionen persönliche, unterstützende Wirtschaften gibt, von denen, grob geschätzt, zwei Drittel der Bevölkerung in dieser oder jener Form leben. Das ist entweder die Datscha oder der Garten der Kolchosniki in der ländlichen Bevölkerung. Ungefähr ein Drittel der Bevölkerung lebt in ländlichen Gebieten, auf dem Dorf, ungefähr ein Drittel in kleinen Städten und ungefähr ein Drittel in Großstädten. Großstadt - das sind Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern; als mittlere Städte gelten solche von 50.000 bis 100.000, als kleine solche mit weniger als 50.000 Einwohnern.


 


Symbiose zwischen Individuum und Kollektiv


Die russische Landwirtschaft wäre imstande, Russland zu ernähren. In vielen Produkten ist Russland vollkommen autark. (...) Um die Produktivität der Landwirtschaft zu erhöhen, muss vor allem der Beamtenapparat reorganisiert, beschränkt werden, und auf der anderen Seite müssen die örtlichen ländlichen Gemeinschaften, die Selbstverwaltung plus Familienwirtschaft reorganisiert werden. Die ideale Variante wären Kooperativen, aber leider ist Kooperative für die russische Bevölkerung auch ein Schimpfwort geworden, weil unter Gorbatschow das, was damals Kooperative genannt wurde, in Wirk­­­lichkeit die ersten kleinen kapitalistischen Unternehmen waren. Deshalb ist das Wort Kooperative gegenwärtig ein Synonym für Kapitalismus. Und den liebt man nicht sehr.


Für Russland ist das Modell Tschajanows aktuell. Tschajanow war ein großer russischer Agrarwissenschaftler am Anfang des 20. Jahrhunderts, der die Theorie der ländlichen Kooperative ausgearbeitet hat. Diese Theorie ist eine Kom­bination des Individuellen und des Kollektiven, wenn einzelne Persönlichkeiten in begrenzte kollektive Prozesse eingebunden sind, z.B. in Prozesse, die man einschätzen, die man rationalisieren kann. Das wäre ein perspektivreicher Weg.


Alexander Nikulin

verfasst von Alexander Nikulin,  06.11.2004, eingestellt von ute
Thema im Archipel 119 (09/2004)
Tags: RUSSLAND
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 119 (09/2004)

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