RUSSLAND: Welche Restauration?
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Wladimir Putin wird vom Westen und von der


liberalen russischen Opposition beschuldigt, die «UdSSR rehabilitieren zu wollen», also des «Neosowjetismus» verdächtigt. Jener aber setzt den



4. November, Jahrestag des Sieges über die Polen 1613, als Nationalfeiertag an die Stelle des 7. November, den Jahrestag der «Grossen Sozialistischen Oktoberrevolution». Wie soll man sich da zurechtfinden? Welchen Sinn haben diese symbolischen Auseinandersetzungen? Wozu dient das Hervorholen historischer Ereignisse? Welche politischen Zielsetzungen werden heute damit verfolgt?



Befreit von «Ideologien» – wenn man davon ausgeht, dass der Kult des Marktes und des Geldes keine Ideologie ist – gibt es in der ehemaligen Sowjetunion immer wieder etwas «für’s Gemüt».


Die orthodoxe Kirche fordert von ihrem treuen Anhänger Putin die Einführung des obligatorischen Religionsunterrichts in den Schulen. Sie sieht sich schon bald als «Staatsreligion», doch das in einem Land, in dem 20 Prozent der Bevölkerung anderen Religionen angehören, vor allem dem Islam, der in Russland schon genauso lange präsent ist wie das Christentum


(10. Jahrhundert). Rauschende Feste der Zarenzeit begeistern Massen von Fernsehzuschauern. Der Wunsch nach einem neuen «Väterchen der Völker» könnte sich auf Wladimir Putin übertragen, dessen Bild überall zu sehen ist.


In Kasachstan propagiert der Schwiegersohn des derzeitigen Präsidenten Nursultan Nasarbajev die Wiederherstellung eines Sultanats. Die Herrschaft des turkmenischen Präsidenten Niasov steht mit ihrem Personenkult Nordkorea in nichts nach. In Tadschikistan, das dem Iran von Sprache und Kultur her nahe steht, holt Präsident Emomali Rachmanov als Sinnbild des «Ariertums» die Swastika wieder hervor. Aus denselben «arischen» Gründen verwenden die russischen und ukrainischen Neonazis ein stilisiertes Hakenkreuz. Der sehr liberale Präsident Georgiens, Michail Saakaschwili, der Mann mit der Rose, hat die republikanische Fahne Georgiens durch die nationalistische, religiöse Fahne mit dem Kreuz des georgischen Reiches des Hochmittelalters ersetzt. Und das in einem Land, in dem 30 Prozent der Bevölkerung anderen Ethnien und Religionen angehören, vor allem dem Islam.


Ethnizistische Gedanken leiten auch die Spitzenpolitiker und Nationalisten in den baltischen Staaten und in der Westukraine. In Galizien und Lettland finden unter dem Einfluss einer von diesen Traditionen geprägten Diaspora Veranstaltungen zu Ehren faschistischer Bewegungen der 1930-40er Jahren und der ehemaligen SS-ler statt, ohne dass die «Internationale Gemeinschaft», sonst so streng in Bezug auf die Shoah, einen Ton von sich gibt. Genau in diesen Regionen haben die Nazi-Einsatzgruppen und ihre nationalistischen lokalen Verbündeten, später Polizei und SS, 1941 mit der massiven Vernichtung von Juden, Zigeunern und Slawen begonnen. Überall in der ehemaligen UdSSR scheinen Identitätsfragen «heiße» (manchmal brandstifterische) Strömungen aufkommen zu lassen. Sollen sie die eisigen Wasser des Kapitals kompensieren? Wie es 1989-91 hieß, stehen wir vor dem «Ende der Ideologien». Sehen wir uns das einmal genauer an.


 


Eine gegenwärtige Vergangenheit


Wie kann in einem solchen geistigen Chaos ein Bezug zur sowjetischen Vergangenheit hergestellt, die Geschichte neu betrachtet werden, wenn nicht in einem Klima von Leidenschaft und Konfusion, das bekanntlich Erkenntnis und Wissen nicht sonderlich fördert? Wir lesen Arbeiten von Historikern, Schulbücher, wir stoßen auf manch neue und interessante, im Westen unbekannte Überlegungen, die es aber verdienen würden, bekannt gemacht zu werden.


Doch die Medien belasten sich nicht allzu sehr mit «ernsthaften» Arbeiten. Was dominiert heute in den Moskauer Kiosken? Bestseller mit sensationellen Enthüllungen, die Geheimnisse des Kreml, Okkultismus und schwarze Magie. Auf die Welle von Schriften und Fernsehsendungen, welche die Revolution, Lenin und Stalin verteufelten, folgen seit kurzer Zeit Bücher, welche dieselben «rehabilitieren», wobei das traditionelle und in Russland sehr geschätzte Genre beibehalten wird: sektiererisches Schwarz-Weiß-Denken, der Hang zum normativen, moralisierenden Verurteilen und neuerdings dieser «Rückwärts-Stalinismus» – die antikommunistische Ideologie.


Man braucht nur die Themen zahlreicher Studien über den Bolschewismus unter die Lupe zu nehmen: Gesellschaftskrankheit, Folge der psychologischen Verwirrung Lenins, Auswuchs eines sektiererischen Hirngespinstes, das schon im Anarchismus und Populismus präsent war, Ausdruck des sozialen Abschaums, ausländisches Komplott, um Russland zu zerstören, die Hand des Teufels usw. Man ertappt sich dabei, das Ende der sowjetischen Ära wieder herbeizusehnen, als unter Gorbatschov die großen Medien die Wege für echte und konsistente politische und geschichtliche Debatten eröffnet hatten. Diese Zeiten sind endgültig vorbei!


Nach dem 11. September 2001 erklärten russische Kommentatoren, dass der internationale Terrorismus seine Ursprünge in Russland habe: Die Populisten des 19. Jahrhunderts, die Anarchisten, die Bolschewiken hätten Bin Laden den Weg gewiesen. Unter dem sowjetischen Regime sei Moskau «die Hauptstadt des internationalen Terrorismus» gewesen. Kürzlich schloss sich George W. Bush diesen Kommentatoren an, indem er Bin Laden mit Lenin und Hitler verglich. Es handelt sich also nicht um isolierte sprachliche Ausrutscher, sondern um eine allgemeine Verschärfung des politischen Diskurses. «Das Reich des Bösen», die «Achse des Bösen» sind Denkweisen, die wir in der zeitgenössischen politischen Landschaft wieder finden.


 


Die Enthüllungen


Im Gegensatz zum Westen gibt es in der ehemaligen UdSSR kein «Einheitsdenken» über die UdSSR. In Bezug auf die sowjetische Vergangenheit lassen sich in zwanzig Jahren zwei Phasen unterscheiden:


Die erste, von der Glasnost (1986) bis in die Mitte der 1990er Jahre, ist die Zeit der Enthüllungen. Die Archive geben lange behütete Geheimnisse preis, das Aufdecken von Verbrechen nach jahrzehntelangem Schweigen führt zu emotionalen und moralischen Erdbeben. Die Infragestellung der Mythen, die ganze Generationen «erleuchtet» haben, geht etappenweise vor sich: Von der Denunzierung des Stalinismus – begonnen zwischen 1956 und 1961, eingefroren unter Breschnev 1966, wieder aufgenommen von Gorbatschov 1986 – wird übergegangen zur Verwerfung der Revolution von 1917, von Lenin, Trotzki (er war gerade erst rehabilitiert worden) sowie der Tradition der «Aufklärung» und des Progressismus. Reuige Stalinisten (der Chefideologe Alexander Jakowlev steht an der Spitze der Denunzierungen), liberale Historiker (Juri Afanassiev), national-demokratische Ideologen (Alexander Tsipko), reformistische oder nationalistische Intellektuelle arbeiten an der «Ausmerzung des Kommunismus». Ein «neuer Historiker» tritt auf, der General Dmitri Wolkogonov, ehemals Verantwortlicher für die politische Bildung der Armee (bis 1986 führte er einen sehr orthodoxen Diskurs). Boris Jeltsin ließ für ihn immer wieder gezielte Informationen aus den Archiven durchsickern, im Westen wurden seine Schriften viel übersetzt. Viele «gründlichere» Historiker kritisierten diese voreilige Art und Weise, mit den Archiven umzugehen. Auch westliche Kollegen auf der Suche nach den «Verbrechen des Kommunismus» haben dies praktiziert. Aber es nützt nichts: Die Medien der liberalen Oligarchen und ihre entfesselten Journalisten rühren die Trommeln. Dabei sieht man, dass der Antikommunismus auch dazu dient, die Arbeiter zu stigmatisieren («Komplizen des alten Regimes»), die «Faulen», die Abhängigen, welche vor privaten Initiativen zurückschrecken, die Sowki – Kehrschaufeln, ein Ausdruck, den die «neue russische Sprache» auf die Sowjets anwendet.


 


Nostalgie


Eine zweite Phase geht von der Mitte der 1990er Jahre bis ca. 2000. Die Übertreibungen des Antikommunismus rufen allmählich feindselige Reaktionen hervor. Und dies nicht nur bei Kommunisten und «Nostalgikern» (die Meinungsumfragen behaupten, sie wären eine Mehrheit), sondern inzwischen auch bei einem großen Teil der Bevölkerung welche zur sowjetischen Vergangenheit eine durchaus nuancierte und manchmal erstaunliche Wertung zum Ausdruck bringt (verschiedene Studien belegen dies), keines-wegs schwarz-weiß wie die eine oder die andere Propaganda. Dazu kommen Ansuchen an die Fernsehkanäle, alte sowjetische Filme wieder zu bringen. Es gibt heute einen «Kanal Nostalgie», welcher die Lieblingssendungen des Publikums aus den 1960er und 70er Jahren wieder elt sendet sowie Liederfestivals, ausgewählte sowjetische Theaterstücke und Filme. Sogar die liberalen Kritiker geben zu, dass es sich hier zum Teil um echte Kunstwerke handelt, vor allem wenn man sie mit den amerikanischen Filmen und soap-operas vergleicht, welche die russischen Bildschirme seit 1991 überfluten.


Es sei vital, die Vergangenheit wieder aufzuwerten, meint der radikal antikommunistische Intellektuelle Alexander Tsipko, um den Leuten ein besseres Bild von sich sowie ein bisschen Hoffnung zu vermitteln. Die Medienpropaganda und die «neurussische», westenfreundliche Arroganz haben das Selbstwertgefühl von Millionen Menschen verletzt, denen man zu verstehen gegeben habe, sie hätten umsonst gelebt und gearbeitet, sie seien Sowki, Nichtsnutze.


In der Tat haben sich die meisten, die keine Verantwortung «innerhalb des Regimes» trugen und von seinen sozialen Einrichtungen profitierten, bedingungslos aufgeopfert, hart gearbeitet am Aufbau neuer Städte, Fabriken, Kraftwerke, an Schulen, in Spitälern, erlebten einfache Freuden und Leiden, glaubten manchmal an eine leuchtende Zukunft, liebten jedenfalls «ihr Land» – dieses Land, das die «neuen Russen» plündern und verwüsten und zum Alteisen werfen wollen.


Die «Nostalgie der UdSSR» ist hier begleitet von einem tiefen Groll gegen die besitzende Klasse, die sie zerstört und dabei noch die öffentlichen Güter privatisiert hat.


Neben dem verletzten Selbstwertgefühl und der Empörung über die Demograby (von grabit, plündern) gibt es noch die zeitlichen Verschiebungen, es wird nicht immer von der gleichen «sowjetischen Vergangenheit» gesprochen. Die Denunzierung der bolschewistischen und stalinistischen Verbrechen, des Gulag und des Terrors beziehen sich auf eine Periode der Gewalt, von 1914 bis 1945 (Ende des Krieges) oder 1953 (Tod Stalins), deren meiste Zeitzeugen nicht mehr leben. Die ehemaligen noch lebenden Sowjetbürger, welche zwischen 1950 und 1970 erwachsen wurden und heute zwischen 50 und 70 Jahren alt sind, lebten die meiste Zeit in einem friedlichen, konsensuellen Land, in dem sich der Lebensstandard bis zum Beginn der 1980er Jahre ständig verbesserte. Diejenigen, die damals 20 Jahre alt waren, heute also ca. 45, haben bereits andere Erfahrungen gemacht: Kindheit unter Breschnew, Beginn des Erwachsenenalters im Wirbelsturm der Krise und der «Reformen», in ein neues Leben hineingetrieben – dort wo die älteren häufig desorientiert waren und zerbrachen.


Neben der zeitlichen Verschiebung gibt es noch die unterschiedlichen Erfahrungen. Ehemalige unterdrückte Dissidenten haben nicht die gleichen «Erinnerungen» wie jene, die unter der breschnewschen «Normalität» gelebt haben. Die Gewinner des Liberalismus haben nicht denselben Standpunkt wie die Verlierer. Letztere, die bei weitem die Mehrzahl darstellen, haben oft aus der Verzweiflung heraus, die viele in den 1990er Jahren ergriffen hatte, die sowjetische Vergangenheit idealisiert.


 


Jean-Marie Chauvier


Brüssel


 


 


Anhaltspunkte zur sowjetischen Zeit


1902 Kongress von Brüssel und London der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands. Spaltung zwischen radikalen Bolschewiken (Mehrheit) und reformistischen Menschewiken (Minderheit).


1902-07 Bauernaufstände (85% der Bevölkerung Russlands lebt auf dem Land).


1905 Erste russische Revolution. Entstehung der Sowjets.


1917 Februar: demokratische Revolution. «Doppelte Macht» – liberal und sowjetisch.


 Juli/August Anarcho-bolschewistische Rebellion, Beginn der Konterrevolution.


Oktober Machtergreifung durch die Bolschewiken. «Sozialistische Revolution» (25. Oktober oder 7. November im neuen Kalender).


1918-22 Internationaler Bürgerkrieg auf russischem, weißrussischem, ukrainischem und kaukasischem Territorium.


1919 Gründung der Kommunistischen Internationale (Komintern).


1920 Gemischtes Wirtschaftssystem, Diktatur der Einheitspartei, Handels- und kulturelle Freiheiten (NEP). Wachsende Spannungenzwischen der Arbeitern in den Städten und den Bauern (80% der Bevölkerung).


1928-32 Stalinistische Wende. Kollektivierung, Industrialisierung, Verstaatlichungen.


1929 Schaffung des Gulag (Lager, Zwangsarbeit).


30er Jahre Alphabetisierung, sozialer Aufstieg, Stachanowismus.


1941-45 Krieg gegen Nazi-Deutschland


9.5.45 «Tag des Sieges». Kapitulation der Nazis (8. Mai im Westen wegen der Zeitverschiebung)


1953 Tod Stalins. Beginn der Auflösung des Gulag. Massive Rehabilitationen der befreiten politischen Gefangenen.


1956-61 Entstalinisierung am 20. und 22. Kongress der Kommunistischen Partei (Chruschtschow). Kulturelles und politisches «Auftauen».


1956 Antistalinistische Aufstände in Polen (erfolgreich) und Ungarn (unterdrückt).


1965 Erste Handelsreform (Kossygin-Breschnew). Die UdSSR ist nun zu über 50% urbanisiert, die Sekundarschulausbildung ist generalisiert, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 65 Jahren (nahe bei derjenigen in Westeuropa)


1966 Ende der Entstalinisierung am 23. Kongress (Breschnew). Die wirtschaftliche Liberalisierung wird fortgesetzt.


1968 Militärische Niederwerfung des «Prager Frühlings». Ende der demokratischen Reformen in der Tschechoslowakei und der UdSSR. Fortsetzung in Ungarn und in Jugoslawien. Breschnewsche «Modernisierung»: Import von fertigen Fabriken und westlichen Managementmethoden, neue Generation von Technokraten.


1982 Tod Breschnews. Ende der Stagnation (1969-82). Neuauflage der Diagnose von der allgemeinen Krise des Systems.


1983 Juri Andropov. Beginn neuer Reformen.


1985 Michail Gorbatschov. «Perestroika» und «Glasnost».


1986 27. Kongress. Grünes Licht für die «radikale Reform». Selbstverwaltung, Kooperativen, Joint-ventures.


1988 Priorität der politischen Demokratie (Gorbatschov). Wiederwahl der Sowjets (1989), Abschaffung des Monopols der KP (1990).


1989 Fall der Berliner Mauer. Auflösung des Ostblocks. Neoliberalismus en vogue in Moskau.


1990-91 Machtergreifung durch die Demokraten von Boris Jeltsin in Russland. Krieg in Jugoslawien und im Golf.


Aug. 1991 Missglückter Putsch der Konservativen, gelungener Putsch von Jeltsin.


Dez. 1991 Auflösung der UdSSR und Rücktritt von Gorbatschov. «Neue Weltordnung» (Vater Bush). Unabhängigkeit der 15 Republiken der UdSSR. Zwölf davon bilden die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS).


Jan. 1992 Grünes Licht für die «Schocktherapie» und die Privatisierungen (Jeltsin, Gaidar, Tschubais). Bildung eines privaten Finanzkapitals und einer «Erdöl-Oligarchie».


Sept./Okt. 93 Auflösung der Sowjets. Militärische Unterwerfung des Obersten Sowjets (Parlament)*. Beginn eines starken Präsidialregimes im Dienste liberaler Reformen.



*Die zuvor von der KP kontrollierten Sowjets waren 1989 und 91 demokratisch wieder gewählt worden und hatten in der Mehrheit Jeltsin unterstützt. Als sie sich gegen den Liberalismus auflehnten, wurden sie zerschlagen. Die «Ära der Sowjets», begonnen 1905, unterbrochen durch die Diktaturen der bolschewistischen Partei (1918-34) und Stalins (1934-53) und der kollektiven Nomenklatura (1953-85) geht also 1993 zu Ende.


 

verfasst von Jean-Marie Chauvier,Brüssel,  27.11.2006, eingestellt von ute
Thema im Archipel 143 (11/2006)
Tags: RUSSLAND
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 143 (11/2006)

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