SÜDFRANKREICH: Saisonarbeiterstreiks in den Pfirsichplantagen
ute

Die Autobahn, die Salon de Provence mit Arles verbindet, durchquert die Crau-Ebene. Jeden Tag rasen auf dieser Strecke tausende Menschen durch die provençalische Landschaft. Kaum jemand von ihnen weiß, was sich nur ein paar hundert Meter von hier, nahe der Ausfahrt von St. Martin de Crau – versteckt hinter Pappelhainen – abspielt.


 


Das Poscrosgut gehört der Firma SEDAC an und damit dem Imperium von Laurent Comte, dem größten Pfirsichproduzenten Frankreichs. Mit seinen 1.100 Hektar versorgt er elf Prozent des heimischen Marktes. Wie jedes Imperium baut auch das von Comte auf Sklaverei auf.


Bei Poscros arbeiten etwa 120 landwirtschaftliche Saisonniers aus dem Maghreb, die zusammengepfercht in den alten Gebäuden des Gutes leben, ohne Trinkwasser, mit nur zwei Duschen und unhygienischen, undichten Toiletten. Sie müssen alles selbst kaufen, ihr Bettzeug, ihr Besteck, das Gas, um zu kochen... und sogar ihre Arbeitswerkzeuge.


Die Pflücker schuften elf Stunden täglich in gleißender Hitze, Schweiß und Staub, davon sind sieben bezahlt, drei zählen als überstunden, die später abgegolten werden sollen, und eine Stunde ist „gratis“. Leitern für die Ernte werden nicht zur Verfügung gestellt, sodass sie auf die Bäume klettern oder sich wackelige Türme aus Obstkisten bauen müssen, um an die obersten Zweige heran zu kommen. Stürze und Verletzungen sind vorprogrammiert. Das Tagespensum liegt bei mindestens 300 Kisten à 20kg, das macht sechs Tonnen Pfirsiche pro Tag und Person. Dafür bekommen sie knapp 40 Euro. Offiziell ist der Stundenlohn mit sieben Euro festgesetzt, aber vom Verdienst zieht die Firma noch 62 Euro im Monat für die Unterkunft ab.


Während ein Großteil mit der Ernte beschäftigt ist, behandeln andere – direkt daneben – die Bäume mit Pestiziden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch verbotene Produkte verwendet werden, da die Etiketten der Verpackungen systematisch  verschwinden. Es gibt viele Fälle von Übelkeit und Krankheit. Jene, welche die Behandlung der Bäume vornehmen, müssen ohne Kabine am Traktor arbeiten und haben weder Masken noch Schutzkleidung. Sie behelfen sich mit Tüchern, die rasch von den Chemikalien durchtränkt sind. Auf jede Beschwerde über Missstände dieser Art, reagiert die Betriebsleitung mit der Drohung, den Arbeitsvertrag aufzulösen.


Der rechtliche Status der ErntehelferInnen beruht auf dem von der französischen Einwanderungsbehörde (Office des Migrations Internationales) geregelten OMI-Vertrag.1 Seit nunmehr dreißig Jahren werden alljährlich Tausende Saisonkräfte aus Marokko, Tunesien und Polen für sechs bis acht Monate ins Land geholt, um jene Jobs zu übernehmen, die kein Franzose und keine Französin akzeptieren würde. Laurent Comte ist im Département Bouches de Rhône der größte Arbeitgeber für OMI-Saisonniers: 240 Marokkaner und Tunesier verteilen sich auf das Poscrosgut und die anderen Betriebe der SEDAC, darunter eine Sortier- und Verpackungseinheit, die ihren Standort ebenfalls in der Gemeinde Saint Martin de Crau hat.


Die haarsträubenden Zustände in der Pfirsich- und Aprikosenernte kamen erstmals durch den Streik, der am 12. Juli von allen 240 OMI-Saisonniers der SEDAC-Gruppe begonnen wurde, an die breite Öffentlichkeit: Infolge der wiederholten Weigerung des Unternehmers, sein Versprechen zu halten und die 300 bis 400 unbeglichenen überstunden seit 2004 zu bezahlen, entschlossen sie sich spontan, die Arbeit nieder zu legen und erhielten sofort Unterstützung durch die Gewerkschaft CGT (Confédération Générale du Travail). Am Sonntag, dem 17. Juli, nahmen mehrere Mitglieder des EBF an einer Versammlung auf dem Gelände der SEDAC teil und hatten dabei Gelegenheit, mit vielen ArbeiterInnen ins Gespräch zu kommen und zwei Obstplantagen zu besuchen.


Beeindruckend war die Entschlossenheit der Marokkaner und Tunesier, von denen einige bereits seit 10 bis 15 Jahren mit OMI-Vertrag nach Frankreich arbeiten kommen, und dies in vielen Fällen immer beim selben Unternehmer – Laurent Comte. Die seit langem aufgestaute Wut und das Gefühl der Ohnmacht gegenüber den Ungerechtigkeiten, den Einschüchterungen und der Verachtung, welche die Grundfesten dieses industriellen Landwirtschaftsmodells darstellen, wurden zum ersten Mal öffentlich zum Ausdruck gebracht: Es handelte sich um den ersten Streik der OMI-Saisonniers in der Geschichte, und der spielte sich beim größten aller Unternehmer ab. Die 240 Männer wussten, dass sie mit dem Streik ein großes Risiko auf sich nahmen. Auf legalem Weg nach Frankreich und zu einer Arbeit zu kommen, anstatt die risikoreiche überfahrt in einem Fluchtboot (einer so genannten patera) nach Spanien anzutreten, ist angesichts der ökonomischen und der Einkommensunterschiede ein in Marokko und Tunesien sehr begehrtes Privileg. Jedoch musste bisher jeder OMI-Arbeiter, der den Kopf erhoben und seine vertraglichen, vom französischen Staat zugesicherten Rechte eingefordert hat, damit rechnen, im nächsten Jahr nicht mehr nach Frankreich zurückkommen zu können. Die Tatsache, dass der Vertragsabschluss vom Unternehmer abhängt2, billigt letzterem dieselben Möglichkeiten der Einschüchterung und der Druckausübung zu, die er im Fall der illegalisierten Arbeit hätte – mit dem Unterschied, dass er sich im Rahmen der Legalität bewegt.


Dieser Druck geht oft über die betroffenen Einzelpersonen hinaus: Die Drohung vom OMI-Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu werden, gilt auch für Familienmitglieder oder gar für Menschen aus dem gleichen Dorf. Naima beispielsweise war eine der ersten, die Klage gegen den Missbrauch erhob, dem sie während ihrer zehnjährigen OMI-Anstellung ausgesetzt war – in der Folge wurde auch ein Dutzend ihrer Angehörigen von ihrem Unternehmer entlassen. Umso wichtiger ist es, dass die Streikenden von der CGT und anderen Mitgliedsorganisationen des CODETRAS3 unterstützt werden.


Konfrontiert mit dem ersten Streik in seiner Firma, drohte Laurent Comte sofort damit, Konkurs anzumelden. Eine Woche später musste er jedoch in einer vom Präfekten von Marseille einberufenen Verhandlungsrunde in mehreren Punkten nachgeben. Am nächsten Tag, dem Morgen des 19. Juli, nahmen die Streikenden ihre Arbeit wieder auf.


Das Unternehmen hatte sich verpflichtet, die ausständigen Lohnzahlungen bis Ende August nachzuholen. Der Staat übernahm, rund 90 Arbeiter aus den prekärsten Unterkünften zu evakuieren und für den Rest der Saison in Wohnheimen in der Umgebung von St. Martin de Crau unterzubringen, sowie den Standards entsprechende Saitäranlagen einzurichten (vermutlich zu Lasten der SEDAC). Darüber hinaus hat sich Laurent Comte mit seiner Unterschrift verpflichtet, alle Werkzeuge, Leitern, Schutzkleidung etc. innerhalb einer einwöchigen Frist zur Verfügung zu stellen. Diese ersten Punkte des Abkommens wurden eingehalten.


Der Streik war ein Erfolg und das Beispiel hat Schule gemacht: Nur einen Tag nach Ende des Streiks bei SEDAC, traten die nordafrikanischen Pflücker einer benachbarten Pfirsichplantage – ebenfalls wegen Lohnforderungen und mangelhafter Unterkünfte – in den Ausstand. Der Arbeitskonflikt wurde innerhalb eines Tages mit der Erfüllung der Forderungen der Erntehelfer beigelegt. Am 29. Juli begannen 40 chinesische StudentInnen, die während der Ferien im Sortier- und Verpackungsbetrieb der SEDAC in St. Martin de Crau temporär beschäftigt sind, mit einem unbefristeten Streik, um die Auszahlung von ausständigen Löhnen und Überstunden durchzusetzen. Auch sie nahmen die Arbeit am 2. August wieder auf, nachdem ihre Forderungen erfüllt worden waren.


Die katastrophalen Zustände in der Obstproduktion wurden bisher von den Behörden immer als Ausnahmen heruntergespielt. Die Streiks des Sommers 2005 und die Aussagen der Angestellten verschiedener anderer landwirtschaftlicher Betriebe, die zur Solidaritätsversammlung gekommen waren, beweisen das Gegenteil. Und die Streikbewegung beweist ebenso, dass der Widerstand wächst und auch erfolgreich sein kann. In diesem Zusammenhang sind auch die von OMI-Saisonniers mit der Unterstützung von CODETRAS angestrengten Prozesse, die gewonnen werden konnten, zu erwähnen.


Besondere Wachsamkeit ist bezüglich des letzten und fast wichtigsten Punktes des Abkommens geboten: Der Präfekt hat sich dazu verpflichtet, 2006 keinen einzigen OMI-Erstvertrag im Département zu bewilligen, solange nicht jeder am Streik beteiligte OMI-Saisonnier eine Anstellung gefunden hat – sei es bei der SEDAC oder in einem anderen Unternehmen. Auch die nächste Saison verspricht heiß zu werden...


 


Nicholas Bell, EBF


nicholas.bell@gmx.net


 


1. Als Grundlage für den OMI-Vertrag dienen bilaterale Abkommen, die Frankreich mit Marokko, Tunesien und Polen abgeschlossen hat. Ähnliche Ausnahmeregelungen für temporäre Saisonbeschäftigung gibt es auch in anderen europäischen Ländern, wo sie meist 'Herkunftsverträge‘ genannt werden. Eine detaillierte Erklärung dieses Vertragswerk findet sich im Beitrag „Der OMI-Vertrag“ von Marion Henry und Peter Gerber in: „Bittere Ernte – Die moderne Sklaverei in der industriellen Landwirtschaft Europas“, Europäisches BürgerInnenforum/CEDRI, 2004, Basel, Seiten 27-34.


2. Der Vertrag für eine OMI-Arbeitskraft ist nominativ, d. h. die Auswahl der Person und die Ausfertigung des Vertrags erfolgen direkt durch den/die UnternehmerIn, und nicht durch das Arbeitsamt. Darüber hinaus ist der Vertrag an den Betrieb gebunden und es besteht keine Möglichkeit, auf eigene Initiative den Arbeitsplatz zu wechseln.


3. CODETRAS (Collectif de Défense des Travailleurs Etrangers dans l’Agriculture provençale – Gemeinschaft zur Verteidigung ausländischer ArbeiterInnen in der provençalischen Landwirtschaft) ist eine Plattform mit folgenden Mitgliedsorganisationen: ASTI de Berre, L’Association de Coopération Nafadji Pays d’Arles, ATTAC Martiques, CFDT CGT, CIMADE, Confédération Paysanne, CREOPS, Droit Paysan Aureille, Espace-Accueil aux étrangers, Europäisches BürgerInnenforum, FSU 13, LDH du Pays d’Arles und MRAP 13.


Kontakt: CODETRAS, BP 87, 13303 Marseille Cedex 3,


 


codetras@espace.asso.fr


 

verfasst von Nicholas Bell (EBF),  12.09.2005, eingestellt von ute
Thema im Archipel 130 (09/2005)
Tags: SÜDFRANKREICH
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 130 (09/2005)

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