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SCHWEIZ: Das Feld der Mädchen

Weltweit fanden am 17. April über hundert Veranstaltungen und Aktionen auf Initiative von Via Campesina* statt. Mit ihnen wurde an den Tod von 22 Bauern erinnert, die vor einigen Jahren, während einer Besetzung der brasilianischen Autobahn BR-150, ums Leben kamen. Durch diese Besetzung sollte die brasilianische Regierung und die des Bundesstaates Pará dazu gebracht werden eine Agrarreform auszuarbeiten. Dieses Jahr haben GenferInnen mit der Besetzung des «Champ des Filles» am internationalen Aktionstag teilgenommen.
Das Terrain wurde 1996 durch eine Umdeklarierung Spekulationsobjekt und liegt seither brach. Hier einige Auszüge aus Texten, die während der Besetzung und in der Folge veröffentlicht wurden.

Warum ich dieses Feld besetze

Ich besetze dieses Feld, weil ich nicht tatenlos zuzuschauen will, wie aus der Plaine d’Aire eine tote Fläche gemacht wird, eine Wüste. Denn das ist für mich Wüste: Industriebauten, Banken, Autobahnen, Parkplätze, Supermärkte, Villenviertel, Schlafdörfer mit ihren renovierten Bauernhäusern und die von Geländewagen verstopften und verpesteten Straßen, die die Menschen zu ihren Büros bringen, Golfplätze und Reitställe...
Dieses Feld scheint zwar ein Feld zu sein, ist aber dennoch keines. Es hat zwar gute Erde, welche bestellt und auch bewohnt werden könnte. Aber es wurde zur Industriezone abgewertet und der Spekulation ausgeliefert. Das Feld wurde zur Wüste reduziert, um es danach wieder verbauen zu können - eine bekannte Methode.
Die Abwertung von Landwirtschaftsland ist eine Voraussetzung für die Entwicklung der Städte, das planmäßige Verschwinden der kleinen und mittleren Bauern ist eine Voraussetzung für die Entwicklung der liberalen Wirtschaft. Die Regierung unterstützt zwar die Ideen der Ernährungssouveränität, der lokalen Produktion, der regionalen Spezialitäten und der Ökologie, gleichzeitig schafft sie aber eine wehrlose Zone rund um die Städte, die sie später ohne weiteres abreißen kann. In diesen Nischen der Wirtschaft dürfen sich provisorisch einige lokale Produzenten und Direktvermarkter einrichten, einige lokale Amphibien und wilde Pflanzen. «In die Nische mit den Kleinbauern!» Genauso entmutigend ist es, dass viele Landwirte es vorziehen, ihr Land an den Meistbietenden zu verkaufen, anstatt es zu verteidigen. Aber nur indem wir das Land bestellen, können wir es verteidigen. Also machen wir aus diesem Feld wieder ein Feld und bepflanzen es. Wir beginnen die Tendenz umzudrehen, und wenn es nicht dieses Feld ist, dann wird es ein anderes sein, das wir bewohnen, um einen Ort des Widerstands aufzubauen. Symbolisch und ganz real, weil wir immer besser darin werden, uns gemeinsam für den Widerstand zu organisieren. Der Kampf um den Zugang zu Land ist nämlich auch dies: Solange aller Boden parzelliert, eingezäunt, kontrolliert, ausgebeutet, eingerichtet, definiert, limitiert, mit Labels belegt und eingezwängt ist, solange ist für uns aller Boden verlassen und wir rufen zum Kampf dagegen auf. (...)

Was wir wollen

Das landwirtschaftliche System jeder Region und jeder Epoche ist verbunden mit dem sozialen System als Ganzes und gleichzeitig mit den Kräften, die es gestalten. Heute verändert eine Strömung, die unbezwingbar scheint, weltweit die landwirtschaftlichen Systeme. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft scheint auf kurze oder lange Sicht, je nach Region, zum Verschwinden verurteilt, während sich die industrielle Großproduktion durchsetzt.
Dennoch hoffen Millionen von Bauern auf der ganzen Welt, den Boden weiterhin nach ihren Kräften bearbeiten zu können, mit den Techniken, die sie bisher angewandt haben, um von der Erde zu leben und weiterhin auf der Erde leben zu können, die sie bepflanzen. Und um sich vom Zwang zu befreien, bis zum Unfallen zu arbeiten, ersinnen sie einen eigenen Weg, wie sich die bäuerliche Wirtschaft entwickeln könnte, und mit ihr die menschlichen Beziehungen und das soziale System – einen bäuerlichen Weg.
Dafür braucht es aber eine Veränderung der Mentalität, denn jene Menschen, die die Erde bearbeiten, möchten ihre Autonomie ausüben und nicht mehr von den Interessen der Politiker und Finanziers abhängig sein. Sie glauben an die Möglichkeit, die Realität zu verändern und die Ordnung der Dinge umzustoßen.Wir realisieren das mit der Besetzung von fruchtbarem Boden, mit dem Bau unseres Hauses, mit der Aussaat von Pflanzen, die uns ernähren werden, und mit der Herstellung von neuem Saatgut. Das machen wir, in dem wir uns nicht verbiegen lassen und unsere Aktion nicht in einen gesetzlichen Rahmen zwängen, der gegen das gerichtet ist, was wir wollen.
Es geht nicht darum, den freien Willen des Individuums über alles zu stellen. Wenn wir nicht die Gärten der Rentner besetzen, die die Erde mit dem großzügigen Einsatz von Dünger und Pestiziden ersticken, dann nicht, weil «sie machen, was sie wollen». Denn an jenem Tag, an dem wir die Pestizidfabriken zerschlagen, werden die Sonntagsgärtner auch ohne deren Produkte gärtnern. Wir würden sie gerne motivieren, mit uns gegen die Chemiemagnaten zu kämpfen, aber wenn sie nicht wollen, werden wir ihnen nicht sagen, was sie zu tun haben. Wir werden die Tyrannei der Industrie nicht stürzen, indem wir eine kleine Bio-Oase im radioaktiven Regen einrichten, sondern indem wir die sozialen Verhältnisse radikal verändern, die ökonomische und industrielle Maschinerie zerstören und mit ihr die soziale Kontrolle. In diesem Rahmen können wir dann eine autonome bäuerliche Landwirtschaft entwickeln.
Eine autonome bäuerliche Landwirtschaft bedeutet nicht, dass ein Teil der Bevölkerung zu mehr oder minder freiwilligen Sklaven wird, indem er die Aufgabe übernimmt, die anderen Einwohner zu ernähren. Es sollte die Sorge aller sein, dass die Bearbeitung der Erde nicht zur Last wird, zumal wir sie alle zum Leben benötigen. Sie sollte auch nicht eine Rückkehr zur Vergangenheit bedeuten, sondern unsere eigene Wiederaneignung aller nötigen Arbeiten zur Lebensmittelproduktion und damit den Unterhalt des Humus, den Schutz des natürlichen Gleichgewichts, der Wasserressourcen, der Vielfalt der Pflanzen und Tiere, die Herstellung von Saatgut, die Erhaltung und Erfindung von Techniken, Wissen und Solidaritäten, aus denen das bäuerliche Leben besteht. Wir hoffen, dass sich der bäuerliche Weg durchsetzt. (...)

Einen Monat später

Vor bald einem Monat haben wir das «Feld der Mädchen» an der Rue de Tourbillon in der Industriezone von Plan-les-Oates in Genf besetzt. Menschen mit verschiedenem Hintergrund haben zusammen angepackt, um dieses verlassene Stück Erde in einen Ort für Gemüsegarten- und Kollektivexperimente zu verwandeln. Vor dieser Medienmitteilung haben sich verschiedene Personen erlaubt, an unserer Stelle zu reden. Sie haben uns als Hippies bezeichnet, als die unbeugsamen Gallier (aus Asterix und Obelix) oder sie haben suggeriert, dass unsere Aktion nur im Rahmen der Abstimmung über die Umdeklarierung des Landwirtschaftslandes in der Plaine d’Aire am 15. Mai 2011 zu sehen ist. Nichts dergleichen.
Hunderte Personen aus Genf und von außerhalb haben sich dieses Stück Land am diesjährigen Via Campesina-Aktionstag, dem 17. April, wieder angeeignet. Er ist Teil der weltweiten Bewegung zur Wiederaneignung der Erde und fand dieses Jahr unter der Kampfansage statt, das weltweite System der Agroindustrie zu beerdigen. In wenigen Stunden haben wir an jenem Tag gemeinsam mehr als einen Hektar Land gepflügt, Obstbäume gepflanzt, haben Hunderte von Gemüsesetzlingen mitgebracht, einen Turm aus Strohballen gebaut und einen Schuppen, wo wir das Werkzeug unterbringen können. Diese Aktion hätte eine symbolische bleiben können, sie hat aber eine konkrete Dimension bekommen und so haben wir am Ende des Tag beschlossen, auf dem Feld zu bleiben.
Der kollektive Elan hat auch die folgenden Tage angehalten und ist bis heute intakt. Wir bauen auf, was wir wollen und wie wir es wollen, ganz ohne Spezialisten. Eine Pergola, eine Küche und ein Vorratsraum sind entstanden. Genfer Bauern und Landschaftsgärtner haben uns einige Büsche und eine Eiche spendiert, die wir pflanzten. Die Bauern sind jedoch nicht die Einzigen, die kommen, um die Wiederaneignung der Erde konkret zu unterstützen. Zahlreiche Personen, Einwohner von Genf und aus anderen Orten, nehmen am Leben auf dem Feld teil, speziell bei der regelmäßigen Bewässerung.
Das Leben auf dem Feld ist reich an Austausch und Aktivitäten. Wir kochen und essen kollektiv und tauschen Rezepte mit alten vergessenen Gemüsesorten aus. Wir zeigen Spielfilme und Dokumentationen. Wir eignen uns Wissen um landwirtschaftliche Techniken an - all dies ohne einen finanziellen Austausch. Wir sind horizontal organisiert auf Basis der freien und freiwilligen Beteiligung.
Wir werden diese Aktivitäten fortsetzen. Die Verstädterung der Region Genf ist eine ökologische und soziale Katastrophe, gegen die wir ankämpfen. Wir wollen diesen Boden nicht brach liegen lassen und auch nicht der Spekulation ausliefern. Wir haben Lust, diese kollektiven Momente zu erleben als Gegenpol zu der Einsamkeit, in der uns der Alltag festhält. Wir haben Lust, das Gemüse, das wir gemeinsam essen werden, wachsen zu sehen. Wir haben Lust, gemeinsam die Welt zu bauen, in der wir leben möchten. Wir haben Lust, uns verlorenes Wissen wiederanzueignen. Wir laden euch ein mitzumachen.
Die Mädchen vom Feld
*Internationale Bewegung der Bauern, der kleinen und mittleren Produzenten ohne Erde, der Frauen und Jugendlichen aus dem ländlichen Raum, der indigenen Völker und der Landarbeiter. Via Campesina vereint ca. 150 lokale und nationale Organisationen auf vier Kontinenten und repräsentiert rund 200 Millionen Menschen.
Die Broschüre, aus der diese Textauszüge stammen, und in der sich auch neue Informationen finden, kann unter http://www.lereveil.ch/ angeschaut werden.
Die Parzelle wurde 1996 in den Plan zur Ausweitung der Industriezone Plan-les-Ouates (ZIPLO) integriert. Seither liegen diese drei Hektar Land brach. Es wurde beschlossen, 2001 ein Zentrum für Technologie darauf zu bauen. Aber seither ist nichts geschehen, außer dem Wuchern von Unkraut. Dies ist exemplarisch für eine Situation, in der sich die Immobilienwirtschaft mit den Spekulanten zusammenschließt. Die ZIPLO wird von der Fondation pour les Terrains industriels du canton (Stiftung für die Industriezonen des Kantons, FTI) verwaltet, einer Institution, die an der Wertsteigerung der Industriezonen im Kanton arbeitet. Seit 1996 und mit der Ansiedelung des Uhrenherstellers Patek Phillippe wurde die Zone tatsächlich attraktiv für große Unternehmen. Es folgten Piaget und Rolex und eine Schar kleinerer Start-up-Unternehmen. Auch die Biotechnologie ist mit dabei, unter anderem mit dem 1988 eingeweihten Zentrum für neue Technologien (CTN). Das ist übrigens dasselbe Projekt, aber in größeren Dimensionen, das zwischen 2002 und 2004 hier gebaut werden sollte. Aber nichts läuft wie geplant. Die letzte Verlängerung der Baugenehmigung stammt von 2008 und wurde seither nicht mehr erneuert. Es ist dazu zu sagen, dass die Gesellschaft Tivona-Terra, die auf den offiziellen Webseiten immer als Besitzerin angegeben wird, 2010 aus dem Handelsregister gestrichen wurde. Faktisch gehört die Gesellschaft der Jelmoli-Gruppe, der Riesenhydra auf dem schweizerischen Immobilienmarkt.

verfasst von Die Mädchen vom Feld,  15.07.2011, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 194 (06/2011)

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