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SCHWEIZ: Eine andere Landwirtschaft?

Die Volksinitiative für «Für Ernährungssouveränität. Die Landwirtschaft betrifft uns alle» in der Schweiz bringt neuen Schwung in die Diskussion um eine andere Landwirtschaft, die Menschen, Umwelt, Boden und Wasser respektiert.
In der Schweiz wie in Europa hat die aktuelle Landwirtschaftspolitik katastrophale Auswirkungen für die kleinen Landwirtschaftsbetriebe. Kalte Wirtschaftszahlen bestimmen in Bern und in Brüssel die weitere Ausrichtung der Landwirtschaft. Soziale, kulturelle und ökologische Dimensionen der traditionellen Landwirtschaftsstrukturen in Europa werden ausgeblendet. Das «kalifornische Modell» einer stark industrialisierten Landwirtschaft wird privilegiert und massiv subventioniert. Die weltweit durch die Industrialisierung der Landwirtschaft hervorgerufenen Schäden sind dramatisch für viele Menschen und verheerend für die Re-ssourcen des Planeten: Landflucht, Zerstörung der sozialen und wirtschaftlichen Kreisläufe in den ländlichen Regionen, Wasser- und Bodenverschmutzung durch Pestizide, wiederkehrende Skandale wie Vogelgrippe, Rinderwahnsinn, Hormonfleisch, unkontrollierte Ausbreitung von GVO in der Umwelt, etc…. Die Landwirtschaftspolitik in der Schweiz und in Europa verpflichtet sich jedoch weiterhin der Restrukturierung und Rationalisierung der Landwirtschaft und unterwirft sich den Ideologen der freien Marktwirtschaft und der Profitmaximierung. Gemüse und Hühnerfleisch aus China oder anderen fernen Ländern machen der lokalen Produktion Konkurrenz. Unsere Ernährung ist zum Spielball der Börsen und unkontrollierbarer Handelstransaktionen verkommen. Freihandelsabkommen wie TTIP und TISA werden zurzeit in Bern und Brüssel verhandelt und bedrohen die Grundlagen von selbstständigen lokalen und regionalen Wirtschaften. Die schweizerische Bauerngewerkschaft Uniterre widersetzt sich diesen Entwicklungen und startet mit der Volksinitiative «Für Ernährungssouveränität. Die Landwirtschaft betrifft uns alle» eine Debatte, die auch über die Schweizergrenzen hinaus dringend ist. Die Initiative richtet sich an uns alle und fordert zu grundsätzlichen Überlegungen über das tägliche Essen, dessen Produktion, Ursprung und Qualität auf – wichtige gesellschaftsrelevante Fragen, die schon zu lange unter den Tisch gekehrt wurden. Die internationale Bauernbewegung La Via Campesina hat das Konzept der Ernährungssouveränität schon in den 1990er Jahren entwickelt und vorgestellt. Dieses bezeichnet das Recht der Bevölkerung eines Landes oder einer Region, die Landwirtschafts- und Verbraucherpolitik selbst zu bestimmen, ohne ein Preis-Dumping gegenüber anderen Ländern zu praktizieren.
Die Initiative
Die Initiative von Uniterre möchte die Ernährungssouveränität in der Schweiz umsetzen. Während mehreren Jahren organisierte Uniterre Seminare und Treffen, um mit Menschen aus Stadt und Land eine gemeinsame Diskussion zu führen: Wie könnte das Konzept der Ernährungssouveränität in der Schweiz aussehen? Welche konkreten Schritte sind nötig?
Das Resultat dieser Diskussionen ist ein Vorschlag für eine andere Landwirtschaftspolitik, die der herkömmlichen diametral entgegengesetzt ist und eine Basis für eine langfristige Landwirtschaftspolitik legt. Eine der Grundlinien ist ein Schutz und eine gute Nutzung der lokalen und regionalen Ressourcen und Möglichkeiten. Sie verlangt dafür mehr Menschen in der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelproduktion. Sie fordert faire Preise, gerechte Löhne, einen Markt mit mehr Transparenz, eine Stärkung kurzer Kreisläufe, einen gerechteren internationalen Handel, … In den nächsten Nummern von Archipel werden wir einige der wichtigsten Aspekte der Initiative vorstellen. Im Initiativkomitee gibt es Persönlichkeiten wie Jean Ziegler und Hans-Rudolf Herren. Dieser hat in Kenia gezeigt, dass traditionelle komplementäre Kulturen langfristig und insgesamt höhere Erträge bringen können als die heutigen GVO-Kulturen. Jean Ziegler, Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats und ehemaliger UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, hat den Tod durch Mangel an Nahrung von täglich 37‘000 Menschen als «Verbrechen gegen die Menschheit» bezeichnet. Er spricht eine klare Sprache: «Flächenspekulanten, Hedge-Fonds und Agrar-Energiekonzerne bilden die Spitze eines neuen weltweiten Ansturms auf Land, der hunderttausende Kleinbauern von ihren Feldern verdrängt, ihnen die Existenzgrundlage und die Wasserversorgung nimmt.» Die industrielle Landwirtschaft besetzt oft Böden, die vorgängig der Grundversorgung der lokalen Bevölkerung gedient haben. Die von Hunger bedrohten Menschen befinden sich mehrheitlich in ländlichen Gebieten und wurden ihres Landes beraubt oder haben zu wenig Land, um damit zu überleben.
Unterschriften sammeln
In den nächsten 18 Monaten müssen 100‘000 Unterschriften von Schweizer Bürger_innen gesammelt werden, damit die Initiative vom Parlament behandelt und danach den Stimmbür-ger_innen vorgelegt wird. In der Schweiz liegt dieser Nummer des Archipel ein Unterschriftenbogen bei. Am besten wäre es, ihn im Familien- und Bekanntenkreis gleich zu unterschreiben und weitere Bögen zu bestellen. Unterschriftenbögen, der komplette Initiativtext sowie zahlreiche Informationen zur Initiative können auch von der folgenden Webseite heruntergeladen werden: www.ernaerungssouveraenitaet.ch


Mehr zum Thema lesen:
Zahlreiche Beiträge zum Thema «Ernährung – Agrobusiness oder Agrikultur» im Widerspruch Nr. 64: zu bestellen bei Widerspruch, Postfach, CH-8031 Zürich,
Fr. 25.- + Porto.
Die Broschüre «Wege aus der Hungerkrise. Die Erkenntnisse und Folgen des Weltagrarberichts: Vorschläge für eine Landwirtschaft» von morgen fasst die Ergebnisse des Weltagrarberichts auf 52 Seiten zusammen. Zu bestellen bei: Bioforum Schweiz; Lukas van Puijenbroek, Aebletenweg 32, CH-8706 Meilen Fr. 7.- inkl. Porto, oder bei AbL Bauernblatt Verlags-GmbH, Bahnhofstr. 31, D - 59065 Hamm.

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 231 (11/2014)

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