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SCHWEIZ: Landbesetzung in Lausanne

In Lausanne sind die GärtnerInnen aus ihren Familiengärten vertrieben worden, um kommerziellen Projekten der Stadt Platz zu machen. Ein Kollektiv wehrt sich dagegen und hält das Land besetzt.
März 2011: Das Bourdache-Kollektiv besetzt die ehemaligen Familiengärten in Vidy bei Lausanne. Diese seit 1957 bestehenden Gärten lagen seit kurzem brach, nachdem ihre GärterInnen trotz einer Petition mit mehr als 7700 Unterschriften vertrieben worden waren. 170 Gartenparzellen samt ihrer Gemüseproduktion sollen verschwinden und durch ein Fussballstadion, ein Schwimmbad, ein Einkaufszentrum sowie einen Parkplatz ersetzt werden. So sieht das von der Stadt Lausanne getragene Projekt «Métamorphose» aus.
Warum legt die Stadt diese Eile an den Tag, um 30.000 Quadratmeter von fruchtbarer Erde in eine Wüste zu verwandeln, obwohl die Baustelle frühestens im Jahr 2013 beginnen kann? Bis dahin will die Stadt offenbar dieses Land verwahrlosen lassen. Trotzdem ist das Gelände noch produktiv: Zahlreiche QuartierbewohnerInnen ernten, was von alleine wächst. Dieses Land ist zudem ein Ort geblieben, wo sich die EinwohnerInnen der Stadt begegnen können und wo unter ihnen Solidarität entsteht. Es gibt nach wie vor rund 50 Gartenhäuser sowie das ehemalige Clubhaus, das früher oft für gemeinsame Feste verwendet wurde. Seit März 2011 engagiert sich das Kollektiv auf diesem Gelände, um einen regionalen Gemüsegarten aufzubauen:
«Uns interessiert es, direkte Verbindungen zu schaffen zwischen denen, die anbauen, und jenen, die essen. Wir wollen einen Ort schaffen, wo Wissen über den Gemüseanbau und Informationen über Probleme der heutigen bäuerlichen Welt ausgetauscht werden. Heutzutage ist es für einen Gärtner oder eine Gärtnerin sehr schwierig, Land für ein regionales Anbauprojekt zu finden. In der Umgebung einer Agglomeration ist dies praktisch unmöglich. Das verfügbare Land wird zubetoniert, in Golf- und Parkplätze verwandelt, oder es wird durch die industrielle Landwirtschaft ausgelaugt. Das brachliegende Gelände neben Vidy bietet heute die einmalige Möglichkeit, alternative Anbaumethoden in die Praxis umzusetzen. Seit Mai haben wir an unsere GenossenschafterInnen 250 Körbe mit Gemüse geliefert, das nach biodynamischen Kriterien angebaut wird. Momentan sind wir in Verhandlungen mit der Stadt über das Schicksal dieser Parzellen. Doch leider will die Stadt das Gelände so schnell wie möglich unbrauchbar machen.»
Trotzdem äussert die Stadt Lausanne im Juni 2011 die Absicht, dem Kollektiv 1,5 Hektaren Land zu überlassen, nachdem die Gruppe es beharrlich ablehnt, das Gelände zu verlassen. Danach verschlechtern sich die Beziehungen zur Stadt erneut, weil in die leer stehenden Hütten Romas und LateinamerikanerInnen eingezogen sind. Seitdem besteht die Strategie der Stadt darin, das Kollektiv zu spalten. So schlägt die Stadt dem Bourdache-Kollektiv vor, eine Übereinkunft zu unterschreiben, die das Gärtnern toleriert, aber das Wohnen verbieten will. Dieser Vorschlag wurde abgelehnt. Das Bürgermeisteramt lässt daraufhin einen Teil der Hütten mit einem Bagger zerstören.


Container statt Gartenhäuschen?


Die Stadtverwaltung toleriert also die Schweizer Garten-BesetzerInnen, den Romas und LatinamerikanerInnen schlägt sie hingegen Notunterkünfte vor, die gewöhnlich am Anfang des Winters öffnen. Gleichzeitig hofft die Stadtverwaltung, die verbliebenen Hütten zerstören zu können. Durch eine breite Mobilisierung kann dies verläufig verhindert werden. Die Stadt entscheidet sich daraufhin für den Gang vors Gericht. Der Richter ordnet eine Anhörung auf dem Gelände an. Dort schlägt die Stadt eine Umsiedlung der HüttenbewohnerInnen in Wohncontainer vor.Der Prozess führt zu einem Ultimatum: Die Stadt gewährt den BewohnerInnen von Vidy einen Aufschub bis zum 19. Dezember 2011. Die Romas sollen in Container im Stadtteil Rovéréaz oberhalb Lausannes umquartiert werden, obwohl es nicht genügend Platz gibt, um alle dort unterzubringen. Dieses teure und kontroverse Umquartierungsprojekt für die Romas geht nicht auf ein Barmherzigkeitsgefühl der linken Stadtregierung zurück, sondern wird eher vom Wunsch getragen, via Fürsorge die Kontrolle über die unliebsamen BewohnerInnen zu behalten. Zudem stört diese «Gartenhaus-Favela» das Bild einer modernen Grossstadt. Sicherlich wären die Romas unsichtbarer in Notschlafstellen oder in den Containern. Die von der Stadtverwaltung angestrebte Lösung wurde ohne Dialog mit den Direktbetroffenen ausgearbeitet und entbehrt jeglicher Logik. Das Bewohnen der Gartenhäuser erlaubt es den Betroffenen, sich nach eigenem Gutdünken in kleinen Wohngruppen zusammen zu tun. Dies ermöglicht bisher eine reibungslose Koexistenz auf dem Gelände.
Seit dem 19. Dezember 2011 ist die Besetzung der Hütten in Vidy durch das Bourdache-Kollektiv und durch die Romas und LateinamerikanerInnen illegal. Das Urteil für die Räumung des Geländes wurde am Tag vor Weihnachten gefällt. Die GärtnerInnen unterstützen die Romas und die LateinamerikanerInnen, damit diese ihre Rechte geltend machen können. lehnen es jedoch ab, für sie die Verantwortlichen zu spielen.
Trotz aller Unterschiede der Beteiligten: Ein Landstück gemeinsam zu bewahren und zu bepflanzen, Autonomie zu leben, dabei offen und grosszügig zu bleiben, all das macht die Stärke dieses Kampfes aus.
Momentan geht die Serie «BesetzerInnen gegen Stadtverwaltung» weiter. Die letzen Neuigkeiten besagen, dass das Bourdache-Kollektiv bis zum 30. März 2012 bleiben kann. Ausserdem kommt es in der Nähe möglicherweise zu archäologischen Ausgrabungen, welche die Pläne der Stadt verzögern könnten – zur Freude der GärtnerInnen.


Alle weiteren Episoden zwischen den Besetzer-Innen von Bourdache und der Stadt Lausanne sind auf der Internetseite lereveil.ch zu finden

verfasst von Paul Kister Radio Zinzine,  02.05.2012, eingestellt von ute
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Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 203 (04/2012)

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