SCHWEIZ : MigrantInnen erhalten Preis «für fleißiges Arbeiten»
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Dimitri, Clown aus Verscio, überreichte am 11. November 2003 im Hotel Bern vor 150 Gästen die vier erstmals verliehenen Preise "für fleißiges Arbeiten in der Schweiz".


VertreterInnen der rund hundert MigrantInnen-, Flüchtlings- und Solidaritäts-Organisationen, die das Manifest für eine gemeinsame Zukunft "Ohne uns geht nichts". lanciert haben, wohnten der Preisverleihung bei.


Die vier PreisträgerInnen zeichnen sich durch ihre grossen Arbeitsleistungen als LohnarbeiterInnen sowie durch ihren hervorragenden Einsatz für das Gemeinschaftsleben im Bereich von Kultur, Sport, Sozialem und Politik aus. Sie repräsentieren Hunderttausende von zäh arbeitenden Menschen, die einen massgeblichen Beitrag zum gesellschaftlichen und kulturellen Wohlstand in der Schweiz leisten. Würden sie ihre Arbeit für nur einen Tag niederlegen, erlitte die Schweizer Gesellschaft einen Kollaps.


Mit der Kampagne "Ohne uns geht nichts" solidarisieren sich Migrantinnen, Migranten und Asylsuchende über alle Statusschranken hinweg, um gegen diskriminierende Gesetze im Migrations- und Asylbereich zu protestieren. Geplant ist - neben weiteren Aktionen - die Organisation eines nationalen MigrantInnenstreiks.


Johnson Belangenyi hielt eine eindrückliche Rede über die schwierigen Jahre, die er in der Schweiz verbracht hat.


Hier die Porträts der PreisträgerInnen:


Johnson Belangenyi

ist Vollzeitangestellter der mobilen Railbar, der zu fast allen Tages- und Nachtzeiten die Zugpassagiere mit Getränken und Brötchen bei Laune hält. Oft sind die Schichten durch ein- oder zweistündige Aufenthalte an irgend einer Endstation unterbrochen, eine Zeit, die er für seine politische Arbeit nutzt. Er steht in leitender Funktion von vier Vereinen.


An drei Morgen pro Woche kümmert er sich um den anderthalbjährigen Sohn. Der Preisträger ist Asylsuchender und wartet seit vier Jahren auf den Asylentscheid – eine zermürbende Wartezeit mit schlechtem Aufenthaltsstatus und beschränkter Berufswahl. Der Railbarverkäufer hat vier Berufs- und Universitätsabschlüsse und ist dabei, im Fernstudium einen fünften zu erwerben.


Frau "Maria"

ist eine Hausangestellte, die seit sechseinhalb Jahren in der Schweiz arbeitet. Als zweitältestes Kind einer achtköpfigen Familie in einem südamerikanischen Land unterstützt sie mit ihrem kleinen Lohn den kranken Vater und finanziert die Ausbildung von drei Geschwistern zu Hause. Eine Schwester ist teilinvalid.

Zuerst arbeitete Maria in einer Familie zu einem monatlichen Lohn von Fr. 500.-. Bei der nachfolgenden Anstellung verrichtete sie die gesamte Kinder- und Hausarbeit für ein erwerbstätiges Ehepaar mit zwei Kindern. Was da so an Arbeit anfällt, ist ein Vollpensum: Waschen, Putzen, Kochen, Aufräumen, Kinder betreuen – alles für Fr. 800.- im Monat. Heute arbeitet Maria stundenweise in neun bis zehn Haushalten. Auch hier erleichtert sie ihren Arbeitgeberinnen durch die Entlastung im Haushalt die Übernahme einer Erwerbsarbeit.


Die Preisträgerin musste als junge Frau alles zurücklassen, was ihr lieb und teuer war. Unter der Trennung hat sie enorm gelitten. Ihre Familie und ihr Freundeskreis fehlen ihr noch heute sehr. Trotzdem hat sie nur selten Kontakt mit ihnen. Telefonieren kostet zu viel. Die ausgebildete Sekretärin besucht, wenn sie nicht erwerbstätig ist, intensiv Sprachkurse, um sich beruflich weiterzubilden. Und weil sie sich politisch ihrer prekären Situation bewusst ist, besucht sie die Treffen des Sans-papiers-Komitees und der Frauengruppe.


Frau Boyka Kirova

ist eine Volleyballspielerin, die für die Schweiz Gold geholt hat. Als sie nicht mehr im ersten Rang spielte, verhängte die Fremdenpolizeibehörde ihre Ausweisung. So wurde sie vom obersten Podest direkt in den gesellschaftlichen Abgrund gestürzt, wo sie die demütigende Existenz von Personen ohne Aufenthaltsbewilligung kennen lernte. Die Sportlerin kämpfte vier Jahre lang für eine Aufenthaltsbewilligung. Mit unzähligen Rekursen hat sie alle schier unüberwindbaren Hürden genommen. Anfang Oktober 2003 gewinnt sie das fast endlose, kräfteraubende Match gegen Kanton und Bund. Mit der neu erhaltenen Aufenthaltsbewilligung kann sie sich wieder eine Zukunft gestalten.

Herr Anantharaan Indiran

ist tamilisch-schweizerischer Koch in einer REHA-Klinik. Sein Arbeitstag beginnt um 6 Uhr in der Früh. Nach der neunstündigen Schicht ist sein Arbeitstag noch nicht fertig. Dann wechselt er in seinen zweiten, allerdings nicht entlöhnten Beruf. Er ist Leiter und Administrator der tamilischen Schule im Sandgrubenschulhaus in Basel. An dieser Schule werden jeden Mittwoch 175 tamilische Schulkinder in ihrer Muttersprache durch 14 tamilische LehrerInnen unterrichtet - eine ist Indirans Frau. Die Schule ist vorbildlich organisiert und für die tamilische Bevölkerung in der Region Basel und den angrenzenden Kantonen ein wichtiges Bildungszentrum mit vernetzender Funktion.

Eigentlich hätte Indiran in Sri Lanka nach dem Abitur Zoologie, Botanik, Physik und Chemie studieren wollen. Er musste aber fliehen – in der Schweiz stand ihm nur die Gastronomie offen. Unterdessen haben er und seine Familie einen Schweizer Pass erhalten.


 


 


Auszug aus der Rede von Johnson Belangely


Ich möchte mich bei den Organisatoren dieser Initiative bedanken und gebe zu, daß ich berührt und erstaunt mit dieser Auszeichnung heute vor Ihnen stehe. Dieser Preis bedeute mir mehr als ein Friedensnobelpreis.


Es ist nicht mein persönlicher Preis, sondern eine Auszeichnung für alle Anwesenden, für unsere gemeinsame Anstrengung. Wäre er teilbar, würde ich jedem hier ein Stück davon abgeben.


Für den heutigen Abend brauchte es ein Symbol und vielleicht verkörpere ich für dieses Jahr dieses Symbol, morgen sind Sie es, eine oder ein anderer. Was wir darüber nicht vergessen sollten, ist unser gemeinsames Schicksal. Ein Leid, das von vielen Menschen nicht verstanden wird, denn die Völker haben ein kurzes Gedächtnis.


Ich habe einige Bücher über die Schweizer Geschichte gelesen und so erfahren, daß auch sie eine Vergangenheit als Migranten, um nicht zu sagen Emigranten haben. Auch die Schweizer mußten erfahren, was es heißt aus dem ein oder anderen Grund sein Land verlassen zu müssen, um erst sehr viel später zurück zukehren.


Heute haben sich die Verhältnisse geändert. Wir finden uns in der Schweiz wieder und haben gehofft, daß dieses Volk, das nie Kolonialmacht war, nie Unterdrücker, das dieses Volk uns besser verstehen würde, humanistischer sein könnte. Leider ist die Realität eine ganz andere.


Wenn ich jetzt diese Arbeit mache, die ich als solche akzeptiert habe, war das auch, um zum Ausdruck zu bringen: Glaubt nicht, daß wir wegen der Butter und dem Honig gekommen sind. Man kann auch eine Arbeit verrichten, von der man niemals auch nur geträumt hat, sie tun zu müssen. Während meiner Universitätslaufbahn, den ehrenvollen Aufgaben und Positionen, die ich in meinem Land inne hatte, ist mir keinen Augenblick lang auch nur der Gedanke gekommen, daß ich einmal eine Minibar schieben werde. (...)


Was ich vor allem sagen will: Wir sind hier und wurden von diesem Volk aufgenommen. Wenn wir Ärger und Ausschreitungen vermeiden wollen, muß es uns gelingen ihnen zu vermitteln, daß auch wir wesentlich zum Erfolg dieses Landes beitragen. Ich sage Erfolg und bewußt nicht Reichtum, denn eigentlich ist die Schweiz nicht reich, sie ist erfolgreich. Würde ich von Reichtum ausgehen- das Land aus dem ich komme ist geographisch und vom Potential her achtzig mal größer als die Schweiz. Aber wir sind nicht erfolgreich. Gott und die Geschichte wissen warum.


Also alle, die mit uns hier bleiben und nicht demnächst vor die Tür gesetzt werden, sollten wissen: Die beste Antwort auf jede Art der Provokation ist die Fähigkeit, lächeln zu können. Leute haben mich schon gefragt: "Wie schaffst du das, morgens um fünf so freundlich zu lächeln?" Ich habe geantwortet- und das soll auch mein Schlußwort sein: Mit der Zeit lernt man es, gute Laune zu kultivieren.

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 111 (12/2003)

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