SPANIEN: «Tierra y libertad»
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In den 1980er Jahren gab es an die 500.000 andalusische TagelöhnerInnen, von denen viele einige Monate im Jahr in anderen europäischen Ländern auf Arbeitssuche gingen. Da­mals führte das Europäische Komitee zur Verteidigung der Flüchtlinge und Gastarbeiter (CEDRI) zahlreiche Aktionen in Zusammenarbeit mit der SOC durch: Informationskampagne in mehreren europäischen Ländern mit der Broschüre «Land und ­Frei­­­­­­­­­heit», die auf Deutsch, Französisch, Englisch und Spanisch erschienen war, Beo­bachterdelegationen bei Prozessen gegen Tagelöhner, Unterstützung beim Aufbau von landwirtschaftlichen Kooperativen.


Alle Aktionen des Europäischen Bürgerforums seit den Unruhen vom Februar 2000 in El Ejido wurden mit aktiver Unterstützung der SOC durchgeführt. Heute lancieren wir eine neue Unterstützungskampagne für diese Gewerkschaft, diesmal im Zusammenhang mit ihrer Arbeit in der Provinz von Almeria (siehe «Das Gemüse des Zorns»).


Um die Geschichte der SOC besser zu verstehen, veröffentlichen wir hier einige Auszüge aus der 1985 erschienenen Broschüre des CEDRI «Land und Freiheit». Sie können sie (66 Seiten A5, als Fotokopie) beim EBF beziehen. In den folgenden Ausgaben des Archipel werden wir über die Aktivitäten der Gewerkschaft von 1985 bis heute berichten.


«Land und Freiheit»


Auszüge aus der Broschüre


Andalusien, die südlichste Region Spaniens, hat eine Oberfläche von 87.268 km2 (Spanien insgesamt: 504.782 km2) und rund 6,5 Millionen Einwohner (Spanien: 36 Millionen), davon 500.000 Landarbeiter ohne Land, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft an die Latifundienbesitzer leben.


Die Landschaft ist vielfältig: Ebenen und Berge, fruchtbare Täler und Wüsten. Hauptanbaugebiet ist das Tal des Guadalquivir; seine traditionellen Kulturen sind Reis in den Sumpf­­gebieten, ­Baum­wol­­­le, Oliven, Zuckerrüben, Wein, Hülsenfrüchte, Gemüse und Getreide. Die andalusische Erde ist die fruchtbarste in ganz Spanien - aber das Volk lebt im Elend: Denn 60 Pro­zent des bebaubaren Landes gehören 2500 Latifundienbesitzern, die mit ihren Familien nicht einmal 2 Prozent der Landbevölkerung ausmachen.


Geschichte


Die Geschichte des Großgrundbesitzes beginnt mit den katholischen Königen Spaniens, welche die arabische Kultur Andalusiens zerstört haben. Cordoba fiel im Jahr 1236, Granada 1492 in die Hände der Eroberer, welche die Bauern vertrieben und das Land an die «Kriegsherren» verteilten. Diese Besitzstrukturen sind bis heute erhalten geblieben.


Die Geschichte Andalusiens ist geprägt von Aufständen gegen die Misere und die sozialen Ungerech­tigkeiten. Seit über einem Jahrhundert fordern die Landarbeiter die Rückgabe des Bodens, den sie bearbeiten.


Im Februar 1936 kommt die Volksfront ans Ruder. In den fünf Monaten vom Wahlsieg der Linken bis zum faschistischen Putsch, vom Februar bis zum Juli 1936, werden in Spanien 500.000 Hektar Land enteignet und 100.000 Bauern­familien darauf angesiedelt.


Im Bürgerkrieg (1936 - 1939) wird ein großer Teil Andalusiens schon in den ersten Putschtagen (Juli 1936) von den Faschisten erobert. Der Widerstand des Volks wird im Blut erstickt. Am 19. August 1936 ermorden die ­­Fa­schis­ten den großen andalusischen Dichter Frederico Garcia-Lorca.


In manchen Gegenden Andalusiens hält der Widerstand länger an. Der Hafen Motril fällt erst im Januar.


Nach Francos Sieg wurden alle Errungenschaften der Bodenreform rückgängig gemacht. Die Faschisten nahmen den Bauern das verteilte Land wieder weg und gaben es den Gutsherren zurück. Die Latifundien waren der Hauptpfeiler des frankistischen Wirtschaftssystems in Andalusien - und diese Strukturen bestehen heute noch. Nach dem Bürgerkrieg konnten sich die Gutsherren alles erlauben, denn es gab keine Arbeiterorganisationen mehr, Andalusien spielte immer die Rolle einer inneren Kolonie Spaniens - als Lieferant von Rohstoffen und billigen Arbeitskräften. 90 Prozent der spanischen Baumwolle kommen aus Andalusien - aber sie werden in den Textilfabriken Kataloniens verarbeitet...


In den 1960er Jahren setzte die Mechanisierung der Landwirtschaft ein (Traktoren, Mähdrescher). Sie löste eine erste Auswanderungswelle der Tagelöhner und Kleinbauern aus, die vor der Arbeitslosigkeit, dem Hunger und der Not in ihren Dörfern flohen.


Seit damals gab es nicht nur saisonbedingte Wan­derbewegungen, sondern auch die Auswanderung ganzer Familien, die sich anderswo niederließen.


Von 1960 bis 1973 wanderten 780.000 Andalusier nach Katalonien aus, 250.000 nach Madrid, 170.000 nach Valencia, 50.000 ins Baskenland, 50.000 auf die Balearen, im ganzen 1,308.000.


Im selben Zeitraum wanderten 1,200.000 Andalusier ins Ausland ab, vor allem in die Bundesrepublik Deutschland, nach Frankreich und in die Schweiz. Damals fanden sie, dank der raschen Entwicklung der Industrie, noch leicht Arbeit in den hochindustrialisierten Ländern Europas.


Gleichzeitig entwickelten ausländische Investoren entlang der Küste mondäne Fremdenverkehrszentren, die in krassem Gegensatz zum verarmten Hinterland stehen und keinerlei Lösung für dessen wirtschaftliche Probleme bringen.


In den 1970er Jahren begann die zweite Phase der Mechanisierung (Baumwollpflückmaschinen, Erntemaschinen für Zuckerrüben, Vibratoren für die Olivenbäume).


Zugleich begann man die traditionellen Kulturen (Oliven, Wein, Zuckerrüben), die viel Handarbeit benötigen, durch Weizen und Sonnenblumen zu ersetzen, die den Großgrundbesitzern höhere Gewinne bringen. Es folgte eine zweite Auswanderungswelle - aber inzwischen war die Wirtschaftskrise ausgebrochen: Die Industrieländer brauchten keine ausländischen Arbeitskräfte mehr.


 


Geschichte der SOC


In den 1960er und 1970er Jahren bildeten sich unter den Landarbeitern Andalusiens die ersten Widerstandsgruppen. Aus ihnen entwickelten sich die Comisiones Jornaleras (Tagelöhnerkommissionen), die am Ende der Franco-Zeit die ersten illegalen Aktionen unternahmen.


Aus den Comisiones Jornaleras ging nach Francos Tod die Gewerkschaft der Landarbeiter, die SOC (Sindicato de Obreros del Campo), hervor.


Neben dem Untergrundkampf gab es auch legale Arbeit: Mitglieder der Kommissionen kandidierten bei den Wahlen zu den ständischen «vertikalen Gewerkschaften» des Franco-Regimes, die sich zu gleichen Teilen aus Vertretern des Staates, der Unternehmer und der Arbeiter zusammensetzten. Es gab Dörfer, wo alle Arbeitervertreter dieser Ständeorganisationen zugleich den Comisiones Jornaleras angehörten. Natürlich hatten diese «Gewerkschaften» nichts zu reden, aber sie dienten als Deckmantel für die organisatorische Arbeit unter den Landarbeitern.


1975 traten alle Mitglieder der Kommissionen aus diesen «Gewerkschaften» aus. Es war die Zeit der Halb-Legalität: Man wusste schon, dass Franco bald sterben würde. Im November 1975 war es soweit. Am 1. August 1976 wurde die SOC offiziell zugelassen. 1977 fand der Gründungskongress in Morón statt, der ein Regionalkomitee für ganz Andalusien wählte. Zugleich begann der Kampf für die Bodenreform. 1978 organisierte die SOC in Osuna, Morón und einer Reihe von anderen Dörfern, überall zur selben Zeit, die ersten Landbesetzungen seit dem Bürgerkrieg.


Bei den Gemeinderatswahlen 1979 kandidierte zum ersten Mal die CUT (Candidatura Unitaria de los Trabajadores - die Arbeitereinheitsliste), die vom SOC unterstützt wird und auch in Städten wie Sevilla und Huelva kandidiert.


Beim zweiten Kongress der SOC (1980) wurden die Organisationsstrukturen demokratisiert: Seither werden die Delegierten direkt von Dorfversammlungen gewählt. Der Kongress ernannte ein Exekutivkomitee von 17 Personen und ein Generalsekretariat von fünf Personen, wählte Diamantino Garcia Costa zum Vorsitzenden und Francisco Casero zum Generalsekretär.


Der dritte Kongress (Oktober 1983) in Marinaleda hob das Generalsekretariat auf, um die Organisationsform weiter zu demokratisieren. Es gibt jetzt nur mehr ein Exekutivkomitee von fünf Personen - aber ohne Vorsitzenden und ohne freigestellten Funktionär; der Generalsekretär, Diego Canamero Valle, hat im Wesentlichen die Funktion eines Sprechers.


 


Land und Freiheit


Angesichts von Arbeitslosigkeit, Hunger und Elend kann man die Forderungen der SOC auf eine einfache Formel bringen: Arbeit, Boden, Würde...


Die Landarbeiter kämpfen zunächst ums unmittelbare Überleben ihrer Familien. Das heißt: Sie zwingen die Gutsbesitzer, arbeits­lose Tagelöhner einzustellen.


In diesem Zusammenhang kämpft die SOC gegen das Verschwinden der «sozialen Kulturen», die viele Arbeitskräfte benötigen (Oliven, Wein, Zuckerrüben, Baumwolle, Spargel, Kapern...) - vor allem gegen das massenhafte Ausreißen der Ölbäume und gegen die «stupide Mechanisierung», die nur dazu dient, den Tagelöhnern ihre Arbeit wegzunehmen, ohne ihnen eine Alternative zu bieten, die ihr Überleben gewährleisten könnte.


Aber das ist keine grundsätzliche Ablehnung der Mechanisierung: Die SOC ist für den technischen Fortschritt - vorausgesetzt, dass er unter der Kontrolle derer steht, die das Land bebauen: der Tagelöhner und Kleinbauern.


Alle konkreten, punktuellen Kämpfe, bei denen die Landarbeiter kleine Siege erringen, sind Schritte auf ihrem Weg zum Hauptziel - der Bodenreform.


Auf ihrem dritten Kongress in Marinaleda (Oktober 1983) beschloss die SOC ihr Bodenreformprogramm.


Der Kampf um die Bodenreform


Seit den ersten Landbesetzungen im Jahre 1978 hat der Kampf um die Bodenreform nicht aufgehört. Er hat vielfältige Formen: Landbesetzungen, Demonstrationen, «Hungerstreiks gegen den Hunger» (an denen manchmal bis zu tausend Leute teilnahmen), Streiks und Straßensperren...


Im August 1983 fand der große Marsch für die Bodenreform auf Sevilla statt, an dem zuletzt 10.000 Landarbeiter teilnahmen.


1983 verstaatlichte die sozialistische Regierung die Güter der großen Holding Rumasa. Die SOC verlangte, dass dieser Boden den Landarbeitern gegeben wird, damit sie darauf Kooperativen gründen können - bisher ohne Erfolg... Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, besetzten Mitglieder der SOC mehrmals (zuletzt Anfang 1985) die Finca Romana, ein ehemaliges Besitztum von Rumasa.


Bisher ist die Finca Staatseigentum geblieben - mit einem von der Regierung eingesetzten Verwalter. Die Regierung hat versprochen, dass sie die Finca nicht an private Firmen verkauft, sondern dass sie die nächsten Wahlen abwarten will, um zu entscheiden, was damit geschehen soll...


Anfang 1985 weitete sich der Kampf aus: Die Landarbeiter aus zehn Dörfern besetzten am gleichen Tag eine Reihe von Fincas, um gegen die «Pseudo-Bodenreform» der Regierung zu protestieren.


Aber trotz der Verfolgung durch Polizei und Justiz und trotz wirtschaftlichem Druck auf die Mitglieder der SOC haben diese Kämpfe das Bewusstsein der andalusischen Öffentlichkeit entscheidend geprägt: Vor zehn Jahren sprach noch niemand von der Bodenreform - das Franco-Regime hatte jeden Gedanken daran aus dem Gedächtnis des Volkes ausgelöscht.


Als die Landarbeiter der SOC mit den Besetzungen begannen, bezeichnete man sie als Verrückte, als Maschinenstürmer, die sich dem Fortschritt in den Weg stellen; man sagte, dass sie die Demokratie destabilisierten und den Vorwand für einen neuen faschistischen Staatsstreich lieferten...


 


Terror gegen Landbesetzer


Dies sind Auszüge aus einem Bericht aus der Broschüre «Land und Freiheit» über die Kämpfe in der kleinen Stadt Osuna (20.000 Einwohner, 3000 Arbeitslose, davon ca. ein Drittel Jugendliche unter 18 Jahren). Damals besaßen 200 Kleinbauern durchschnittlich sieben Hektaren, 130 mittlere Bauern 12 bis 14 Hektaren und vier Großgrundbesitzer den Rest des Landes.


«1978 führten wir einen Streik durch, an dem alle Landarbeiter von Osuna zwei Monate lang teilnahmen. Durch Demonstrationen und Straßensperren zwangen wir die Gutsbesitzer, mit uns direkt zu verhandeln; schließlich setzten wir durch, dass 300 Familien zusätzliche Arbeit für drei Monate erhielten.


Bei diesem Streik wurden wir einmal, als das ganze Dorf auf dem Hauptplatz versammelt war, von der Guardia Civil überfallen. Es war genau zu der Zeit, als die Kinder aus der Schule kamen. Viele wurden verletzt, fünfzig verhaftet. Zwei von uns wurden wegen der Straßensperren zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt...


Während der Olivenernte 1978 stand das ganze Dorf eine Woche lang im Streik. Seither gibt es in Osuna keine Bezahlung nach Gewicht mehr, sondern einen fixen Tageslohn. Aber wir kämpften auch für die Gleichberechtigung der Frauen. Denn die Gutsherren wollten sie nicht für einen fixen Tageslohn unter Vertrag nehmen. Wir erzwangen, dass sie auch Frauen zu denselben Bedingungen und für den gleichen Lohn wie Männer einstellen.


1978 besetzten wir eine der Fincas des Gutsherrn Lopez de la Puerta. Es war die erste Landbesetzung in unserem Dorf. Am ersten Tag gingen dreißig von uns auf die Finca. Unterdessen hielt Francisco Casero, einer der Führer der SOC, auf dem Hauptplatz von Osuna eine Kundgebung ab und erreichte, dass sich 300 weitere Landarbeiter der Besetzung anschlossen. Zuletzt waren wir 500 Besetzer aus verschiedenen Dörfern. Nach zwei Tagen kam die Zivilgarde, um uns zu vertreiben. Es war Mittag, wir waren dabei, das Land zu roden, als sie kamen. Sie sagten: «Dieses Land gehört nicht euch.» Aber wir weigerten uns, zu gehen. Dieses Mal zogen sie sich zurück, aber am nächsten Abend um 8 Uhr kamen sie mit Verstärkung wieder. Sie umzingelten uns und begannen auf uns einzuschlagen. Eine Frau erlitt eine Fehlgeburt. Wir zogen uns ins Dorf zurück und hielten dort eine Kund­gebung ab.


Unsere letzte Aktion, 1985, war die Besetzung der Finca El Alcala, die zwei Tage dauerte. 200 Tagelöhner nahmen daran teil. Wir hissten die rote Fahne auf dem Haus des Gutsbesitzers und schrieben auf die Mauer: «Wir wollen dieses Land! Bodenreform!»


Eine Landbesetzung wird immer von einer Versammlung der Landarbeiter beschlossen. Wenn wir auf einer Finca sind und die Zivilgarde kommt, dann sagen wir, dass sie warten müssen, bis die Versammlung eine neue Entscheidung getroffen hat. Oft


lassen wir sie sehr lange warten...


Vor 1936 war die stärkste Gewerkschaft in unserer Gegend die anarchistische CNT. In unserem Ort hatte sie 300 bis 400 Mitglieder. Es gab viele Aktionen für die Bodenreform. Am Beginn des Bürgerkriegs leisteten die Anarchisten so erbitterten Widerstand, dass der Gegner die Luftwaffe einsetzen musste, um sie niederzuwerfen. Sie sind alle umgekommen.


Die Faschisten erschossen allein in unserem Dorf tausend Leute - unter ihnen viele Frauen, denen sie vorher die Haare geschoren hatten. Danach gab es während des Bürgerkriegs keinen Widerstand mehr. Das Land blieb in der Hand der Faschisten. Die Leute begannen sich erst viel später wieder in den Comisiones Jornaleras zu organisieren.


Wir haben unsere Kooperative 1979 begonnen. Wir waren sieben - alle arbeitslos und aktive Gewerkschafter in der SOC. Wir wollten mit dieser Kooperative nicht reich, sondern unabhängig von den Großgrundbesitzern werden. Die Hälfte von uns waren Saisonarbeiter seit dem 14. Lebensjahr; jetzt wollten wir endlich etwas in unserem eigenen Dorf machen. Als erstes suchten wir Land. Wir hatten gehört, dass die Caritas Land hat und bereit ist, es Leuten zur Verfügung zu stellen, die eine Kooperative machen wollen. Wir konnten sie überzeugen und erhielten ein Grundstück; dazu kamen Kredite von der Gemeinde und später von der andalusischen Regierung. Die Junta hat eine Art «Viehbank» eingerichtet; von dort bekamen wir 100 Ziegen, mit der Auflage, nach 4 Jahren 100 Ziegen zurückzuerstatten. Anfangs beteiligten wir uns nebenbei noch an den Gemeindearbeiten, und zwei von uns arbeiteten außerhalb der Kooperative. Mit dem Geld, das wir so verdienten, konnten wir die erste Zeit überleben.


Unser Weideland reicht nicht aus: Wir müssen auch auf den Ländereien der Gutsbesitzer weiden. Aber jedes Mal, wenn uns die Zivilgarde erwischt, müssen wir Strafe zahlen. In unserem Dorf gibt es kein Gemeindeland; der ganze Boden (außer den Wegen) gehört den Großgrundbesitzern.


Wir haben 300 Ziegen; wir verkaufen Milch und Fleisch. Kürzlich haben wir einen Züchterverband gegründet. Wir sind jetzt 40 Leute aus Osuna und 6 aus anderen Dörfern, die sich in einer Genossenschaft zusammenschließen wollen. Wir wollen unsere Produkte selbst weiterverarbeiten und Milch und Käse direkt an die Konsumenten im Bezirk verkaufen.»


José und Francisco, Osuna


 


Gemüse des Zorns


Kampagne zur Unterstützung der Landarbeitergewerkschaft SOC, die auch die ausländischen Saisonarbeiter in El Ejido verteidigt.


Die SOC ist erst seit 2000 in der Provinz von Almeria verankert. Hier ist die Situation anders als in den übrigen Teilen Andalusiens, in denen die Gewerkschaft seit 30 Jahren aktiv ist. Seit den 1980er Jahren hat sich die Landwirtschaft auf eine sehr besondere Art entwickelt: intensive Produktion von Gemüse in Treibhäusern. Die Bauern, zum Großteil ehemalige Auswanderer, besitzen Parzellen von einem bis fünf Hektaren. Dieses Produktionsmodell hängt völlig von der Anstellung von Saisonarbeitern - mit oder ohne Papiere - ab, die unter äußerst schlechten Bedingungen leben und arbeiten.


Es ist sehr schwer für die MigrantInnen, sich zu organisieren. Die meisten haben keine gültigen Papiere und fürchten eine Ausweisung. Daher hat die SOC beschlossen, in Almeria eine Anlaufstelle einzurichten. Zusammen mit der USTEA (andalusische Lehrergewerkschaft) wurde im Stadtzentrum ein Lokal erworben.


Die SOC steht nun vor neuen Herausforderungen. Im Gegensatz zu anderen Regionen, in denen die LandarbeiterInnen - zumin­dest formell - im Besitz ihrer Bürgerrechte sind, so gibt es in Alemria vor allem MigrantInnen aus dem nördlichen und dem subsaharischen Afrika, neuer­dings auch aus Lateinamerika und aus Osteuropa.


Die beiden Vertreter der Gewerkschaft von Almeria, der Marokkaner Abdelkader Chacha und der Senegalese Gabriel M’Binki Ataya, kennen die Verhältnisse vor Ort sehr gut, da sie mehrere Jahre in den Treibhäusern gearbeitet haben. In einer sehr angespannten Atmosphäre versuchen sie, den MigrantInnen zu helfen, indem sie Übergriffe konstatieren, den Betroffenen beistehen, wenn sie Klage erheben wollen, Aggressionen zu denunzieren usw. Die SOC hat einen Informations- und Orientierungsdienst eingerichtet, der die MigrantInnen bei Rechtsfragen, Wohnungs- und Arbeitsbeschaffung sowie der Regularisierung berät.


Der institutionalisierte Rassismus vor Ort macht der Gewerkschaft die Arbeit sehr schwer. Abdelkader und Gabriel bekommen oft Drohungen. Auch wenn die SOC über viel weniger Mittel verfügt als die großen Gewerkschaften, so ist sie die einzige Organisation, die hier präsent ist. Sie bekommt praktisch keine Subventionen.


Die MigrantInnen sehen die SOC nicht als eine gewöhnliche Organisation zu ihrer Unterstützung, sie betrachten sie als ihre eigene Organisation. Tatsächlich war sie im Lauf der letzten Jahre an allen Forderungen und Verhandlungen sowie an den Demonstrationen für die Regularisierung der Papierlosen maßgeblich beteiligt und mehrere Klagen wegen Angriffen auf MigrantInnen vor Gericht eingeleitet. Sie hat ebenfalls mehrere Kundgebungen gegen das rassistische Klima in El Ejido durchgeführt.


Die sozialen Zustände stellen die SOC vor große Probleme. Miserable Löhne, erschwerter Zugang zu Unterkünften und das rassistische Klima treiben die MigrantInnen dazu, andere Regionen Spaniens oder andere Länder Europas aufzusuchen, vor allem wenn sie gültige Papiere haben. Es ist also schwierig, Mitgliederbeiträge zu erheben, um eine unabhängige gewerkschaftliche Arbeit zu garantieren. Dies verhindert ebenfalls die Ausbildung von Aktivisten, welche die Kämpfe organisieren können.


Diese Instabilität wird durch die Politik der Behörden noch verschärft. Seit 2002 kommen immer mehr Saisonniers aus Lateinamerika und aus Osteuropa, zum Teil mit legalen Verträgen, genannt contratos en origen. Die Arbeitgeber versuchen, die Nordafrikaner zu ersetzen, weil diese bewiesen haben, dass sie mobilisieren und sich organisieren können. Andererseits erschweren die verschiedenen Revisionen der Ausländergesetzgebung die Regularisierung der Papierlosen, die schamlos ausgebeutet werden, weil sie jederzeit ausgewiesen werden können.


Dazu muss noch gesagt werden, dass die meisten Landarbeiter mehrere Kilometer von Almeria entfernt in meist miserablen Unterkünften wohnen und keinen Ort haben, an dem sie sich treffen und entspannen können.


 


Räumlichkeiten für


die SOC


Es ist dringend nötig, die Gewerkschaft an den Orten zu stärken, an denen Zehn­tausende ausländische Landarbeiter angestellt sind. Daher will die SOC in der Region der Treibhäuser mehrere Anlaufstellen einrichten. Hier werden den MigrantInnen mehrere Dienstleistungen angeboten: Information, Hilfe bei administrativen Problemen, Begleitung bei Behördengängen, Raum für Entspannung, Treffen und Diskussionen, Ausbildung von Aktivisten…


Die SOC möchte drei Lokale erwerben, in Campohermoso (Nijar), Roquetas de Mar und El Ejido. In Anbetracht des Drucks und der Einschüchterungsversuche ist es unmöglich, Räumlichkeiten zu mieten, kein Eigentümer wäre dazu bereit. Jedes Lokal soll einen Raum mit einer Bar und Telefonkabinen umfassen (welche eigene Einnahmen für den Unterhalt der Lokale liefern sollen), ein Büro für Verwaltungsarbeiten und Dokumentation sowie einen Aufenthaltsraum.


 


Die SOC unterstützen


Die SOC braucht finanzielle Hilfe aus dem Ausland, um diese Lokale in Betrieb nehmen zu können. Am 24. August 2004 fand in Arles ein Arbeitstreffen statt, an dem mehrere Gruppen, die sich in Frank­reich für Saisonarbeiter in der Landwirtschaft einsetzen, ATTAC-Méditerrannée, das EBF und die französische Menschrechtsliga, teilnahmen. Wir beschlossen, in Frankreich eine Kampagne für die Unterstützung der SOC zu lancieren, mit dem Ziel, die Kontakte zu vertiefen, Möglichkeiten für ein rasches Eingreifen im Fall von Repressionen und Aggressionen zu schaffen und unmittelbar eine Geldsammlung für die Eröffnung der Anlaufstellen zu beginnen. Wir haben vor, diese Kampagne auch in anderen europäischen Ländern durchzuführen. Jede Hilfe ist willkommen. Wenn Sie mehr Informationen wollen, kontaktieren Sie bitte das EBF.


 

verfasst von Nicholas Bell, EBF,  09.11.2004, eingestellt von ute
Thema im Archipel 120 (10/2004)
Tags: SPANIEN
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 120 (10/2004)

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