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SPANIEN: Widerstand auf der Finca Somonte

Die seit dem 4. März von Landarbeitern der Gewerkschaft SOC besetzte Finca Somonte in Palma del Rio in der andalusischen Provinz Córdoba ist in dieser von Krise und Arbeitslosigkeit geschüttelten Zeit ein grosser Hoffnungsträger. Das Landstück ist jedoch von der Räumung durch die Guardia Civil bedroht.
Anfangs April haben Martina und ich drei Tage mit den Besetzern verbracht. Der Hof Somonte ist zu einem Treffpunkt geworden, wo man diskutiert, Pläne schmiedet, Zukunftspläne entwirft und arbeitet. In einem großen Garten wird gesät und gepflanzt und die Bewässerungskanäle werden gesäubert. Für die Besetzer und die vielen Besucher, die das Projekt unterstützen wie zum Beispiel Journalisten aus dem In- und Ausland, werden kollektive Mahlzeiten zubereitet.
Die «Somontener» beginnen sich auszumalen, was sie auf diesem 400 ha großen Landgut – ein weites, leicht hügeliges, eintöniges Gebiet ohne Hecken – realisieren könnten. Sie werden den Schwerpunkt auf eine arbeitsintensive landwirtschaftliche Betriebsweise legen, um Qualitätsprodukte herzustellen. Die menschliche Arbeit soll wieder aufgewertet werden. Als wir da waren, wurde gerade mit dem Agronom, der für die Gemüsekulturen im benachbarten Marinaleda verantwortlich ist, nach einer Geländetour zu zehnt im Pick-up, diskutiert.


Eine andere Landwirtschaft


Das Dorf Marinaleda ist eine Bastion der SOC und liegt etwa 50 km von Somonte entfernt. Dank der Kooperative «El Humoso», die auf großen Landflächen Gemüse anbaut und dieses in einer Konservenfabrik weiterverarbeitet, gibt es hier keine Arbeitslosigkeit. Der Betrieb wurde von der SOC mitaufgebaut und produziert auf die hier übliche Art und Weise: Monokulturen, industrielle Produktionsweise, Export. Neuerdings gibt es jedoch Überlegungen, auf biologische Landwirtschaft und regionale Vermarktung umzustellen. Das spannende Abenteuer der Finca Somonte ist für die andalusischen Tagelöhner die ideale Gelegenheit, einen landwirtschaftlichen Betrieb auf einer menschen- und umweltfreundlichen Basis aufzubauen. Sie könnten hier verschiedenste Gemüsesorten anbauen und Tierzucht entwickeln, Hecken und Obstbäume pflanzen. In diesem Sinne knüpften die Besetzer bereits Kontakte zu Praktikern aber auch zu Forschern der Universität in Cordoba. Vorläufig gibt es den Gemüsegarten, etwa 40 Hühner und einen Hektar mit Paprika, die in der Konservenfabrik von Marinaleda verarbeitet werden sollen.
Die 30 BesetzerInnen – Frauen, Männer, Familien mit kleinen Kindern – sammeln auch kollektive Lebenserfahrungen: sie leben vorläufig gemeinsam in einem Haus mit drei Zimmern. Matratzen liegen auf dem Fußboden und manchmal auch Spannungen in der Luft. Doch im Großen und Ganzen ist die Stimmung freundschaftlich, herzlich und voller Enthusiasmus. In täglichen Vollversammlungen werden die Aktivitäten für den nächsten Tag geplant, Informationen ausgetauscht und Solidaritätsbotschaften von nah und fern vorgelesen. Während unseres Aufenthalts kam ein Delegierter der brasilianischen Landlosenbewegung MST zu Besuch. Anhand eines Films erzählte er von ihren Landbesetzungen in Brasilien.


Eigentum von Land – nein danke!


Auch wenn die andalusischen Tagelöhner seit ihrer Jugend auf den Feldern ausgebeutet wurden, fühlen sie sich doch der Landarbeit tief verbunden. Gerne würden sie sich an den Früchten ihrer gemeinsamen Arbeit erfreuen. Hingegen liegt ihnen die Idee fern, die Finca zu ihrem Eigentum zu machen. Eine französische Journalistin fragte sie nach dem Schätzwert des Anwesens. «Ungefähr 4,5 Millionen Euro», war die Antwort. «Wenn ihr eine Sammlung organisiert, könnt ihr das Geld sicher zusammenbekommen und die Finca kaufen!» meinte die Journalistin. Die Besetzer sind da anderer Meinung: «Wir haben aber überhaupt keine Lust, sie zu kaufen. Dieser Hof muß öffentliches Eigentum bleiben und den Arbeitern, die ihn bewirtschaften, zur Verfügung gestellt werden!»
Die Besetzer sind wild entschlossen, ihren Traum zu verwirklichen, denn die Landarbeiter Andalusiens haben keine Zukunftsperspektiven; die Lebensbedingungen sind sehr hart. Juan zum Beispiel, wird sein Haus verlassen müssen, die Bank wird es pfänden, weil er die Hypothek nicht mehr bezahlen kann. Vladimir hat während der letzten sechs Monate nur 22 Tage Arbeit gefunden. Und auch mit einer Anstellung in der Landwirtschaft ist die Situation nicht viel besser: 40€ für 6,5 Stunden Arbeit. Während der Kälteperiode im Winter ist ein Großteil der Orangen erfroren. In der Gegend von Palma del Rio schätzt man den Verlust auf 100.000 Tonnen: Das bedeutet 215.000 Arbeitstage weniger.
Trotz der Wahlresultate vom 25.April, welche der Vereinten Linken, zu der auch die SOC gehört, eine entscheidende Position in Andalusien verschafft haben, ist das Projekt der Finca Somonte immer noch in Gefahr. Am 13.April hat der Richter von Posadas, einer Stadt zwischen Palma de Rio und Cordoba, die Räumung angeordnet. Schon am 16.April fuhr ein Auto der guardia civil vor, um eine baldige Operation anzukündigen.
Die SOC hat einen dringenden Appell an alle ihre Mitglieder und Sympathisanten verschickt: «Kommt auf die Finca – so zahlreich wie möglich – um eine starke Präsenz zu zeigen, oder interveniert beim Präsidenten der Regierung Andalusiens, dem Besitzer der Finca, damit er die Anordnung, die Finca zu räumen, rückgängig macht und den Landarbeitern das langfristige Nutzungsrecht zugesteht! (…) Wir werden uns von den Handlangern der Korruption und des Kapitalismus nicht verjagen lassen. Somonte widersteht und wird widerstehen. Der brutalen Gewalt der Politiker und Grossgrundbesitzer werden wir mit mehr Landbesetzungen, mit mehr Arbeit und mit mehr Würde begegnen.» (Aus dem Appell der SOC vom 15.April 2012).


Zur Unterstützung
Um den Besetzern eure Unterstützung auszudrücken, schreibt an somontepalpueblo@gmail.com, siehe auch forumcivique.org
Um dem Regierungspräsidenten Andalusiens zu schreiben, muss man auf
folgende Webside gehen: http://www.juntadeandalucia.es/presidente/contact
Per Post: José Griñán, Presidente del Gobierno de la Junta de Andalucia:
Consejeria de la Presidencia - Junta de Andalucía
Av. Roma, S/N, 41013, Sevilla
Fax: 955 035 522 (Presidencia); 955 035 526 (Consejeria de la Presidencia); 955 032 134 (Consejeria de Agricultura), Adresse Twitter: @PepeGrinan
Adresse des PSOE (Sozialistische Partei, die derzeit die Regierung in Andalusien stellt): San Vicente, nº 37, 41002 Sevilla, Fax: 955550001
email: info@psoeandalucia.com, Adresse Twitter: @psoedeandalucia

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 204 (05/2012)

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