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SPANIEN: Zwischen Hoffnung und Enttäuschung

Seit bald drei Jahren finden aufgrund der Krise Besetzungen verschiedenster Art in Spanien statt. Über einige haben wir bereits im Archipel berichtet. Hier eine Beschreibung der aktuellen Situation in den besetzten Fincas und Häusern, sowie der Krisenproteste in der spanischen Region Andalusien.


«Nein, schau, so musst du das halten!» Asifa 1, eine Aktivistin der Gruppe Jonaler@s Sin Patron (Tagelöhner_innen ohne Chef), erklärt, wie man das gewundene Drahtgestell richtig benutzt, um die vermodernden Tomaten zusammenzukehren. Schnell und geschickt hantiert sie mit dem Gerät, einer Mischung aus Hacke und riesiger Harke. Seit 2010 arbeitet sie auf der Finca in San Nicolas in der südspanischen Provinz Almería, schon immer schlecht bezahlt, seit Mai 2013 ganz ohne Geld. Simon Sabio, der Besitzer, ist im Mai einfach verschwunden - und mit ihm die Möglichkeit, den ausstehenden Lohn noch zu bekommen.
Ähnlich wie Asifa geht es hier beinahe allen: «8.000 Euro Lohn schuldet er mir noch, seit 2007», sagt Mehammed. Der junge, ernste Mann ist seit sechs Jahren auf der Finca, zuvor hatte er für den Bruder von Simon Sabio in einem marokkanischen Treibhaus gearbeitet. Dieser hatte ihm erzählt, dass er in Almería, der Herzregion der spanischen Agrarindustrie, mehr Geld verdienen könne. Und so ist Mehammed mit einem Touristenvisum nach Almería gereist und geblieben.
Auf der Finca waren fast ausschliesslich Marokkaner_innen beschäftigt. Fast 130 Menschen arbeiteten auf 30 Hektaren; kaum jemand bekam den vollen Lohn. Viele der Landarbeiter_innen haben keine Papiere und sind über Freund_innen oder Verwandte in San Nicolas gelandet, dem kleinen Dorf inmitten von Treibhäusern. Offensiv ihr Geld zu fordern, haben sie sich zuvor nicht getraut - aus Angst, den Job zu verlieren oder gar abgeschoben zu werden. Die schlechten Arbeitsbedingungen, die selbst gefertigten Werkzeuge, die provisorischen Karren und Anlagen stehen im krassen Kontrast zum sauberen Plastik der Treibhäuser, den kleinen, rot glänzenden Tomaten und dem Image des gesunden Gemüses.
Die Bewegung der Corralas
Genau solches Gemüse soll aus diesen Treibhäusern wieder nach (Nord-)Europa geliefert werden. Die Jornaler@s Sin Patron haben zusammen mit der regionalen Landarbeitergewerkschaft SOC-SAT die Finca besetzt und im August mit der Instandsetzung begonnen. Die Arbeiter_innen sehen hierin die einzige Chance, doch noch an ihr Geld zu kommen, denn für die von der Provinzverwaltung eingesetzten Konkursverwalter_in-nen existieren sie nicht: papierlose Arbeiter_innen, die nicht nachweisen können, dass sie überhaupt in einem Anstellungsverhältnis standen.
«Es geht nicht darum, jemandem etwas wegzunehmen», stellt eine Bewohnerin des besetzten Häuserblocks Corrala Utopía2  in Sevilla in einem Video fest. «es geht darum, Häuser zu nutzen, die schon lange leer stehen.» Die Corrala Utopía war im vergangenen Mai die erste einer Reihe von Hausbesetzungen in Andalusien. Inzwischen ist auf diese Weise Wohnraum für über 100 Familien entstanden.
Die Besetzungen entstanden meist aus wöchentlichen Versammlungen zu Hypothekenschulden, bei denen sich Betroffene gegenseitig beraten und vernetzen. Organisiert werden die Vollversammlungen in Sevilla von der Intercomisión de Vivienda (Wohnkommission) der Bewegung 15M 3, in der sich neben der lokalen Plattform der Hypothekenbetroffenen (PAH) auch zahlreiche Stadtteilversammlungen vernetzen.
Nur wenige Aktivist_innen der Bewegung gegen Zwangsräumungen waren vorher politisch aktiv. Für viele ist es das erste Mal, dass sie sich an kollektiven Protestformen beteiligen. «Die Vollversammlungen helfen der individuellen Verzweiflung entgegenzuwirken, die mit Hypothekenschulden und drohenden Zwangsräumungen einhergeht. Sie zeigen kollektive Handlungsmöglichkeiten auf», berichtet Isabel, die sich in der PAH engagiert. Dass die Plattform durchaus erfolgreich darin ist, nicht nur Protest zu organisieren, sondern auch echte Verbesserungen im alltäglichen Leben zu erreichen, zeigt die Tatsache, dass seit ihrer Gründung im vergangenen Jahr keine der Aktivist_innen zwangsgeräumt wurden.
Auch die Hausbesetzungen gehören zum Repertoire der kollektiven Protestformen. Wegen der enormen Arbeitslosigkeit, Hypothekenschulden und der fehlenden sozialen Absicherung sind sie für viele die einzige Möglichkeit, überhaupt adäquaten Wohnraum zu finden. «Über die kollektiven Besetzungen der Corralas hinaus werden auch zahlreiche Wohnungen individuell besetzt», erzählt Juan von der Pressegruppe der Corrala Utopía. Mehr als zwei Dutzend Corralas dürfte es in Andalusien inzwischen geben, hinzu kommen allein in der andalusischen Region Huelva mindestens 250 ‚kleine‘, unabhängig organisierte Besetzungen.
Die Besetzungen bleiben stets umkämpft, viele Häuserblocks wurden bereits geräumt. «Die Corrala Utopía gibt nicht auf», heisst es daher kämpferisch im Aufruf zu einer Aktionswoche im November. Stattdessen fordern die Besetzer_innen die Bank Ibercaja, der das Gebäude gehört, auf, sich zu ergeben und die Schlüssel auszuhändigen.
«... pero no quieren» (aber sie wollen nicht)
Trotz der erfolgreichen Besetzungen von Fincas und Häusern in Andalusien tun sich die spanischen Bewegungen nach den Massenprotesten der vergangenen Jahre derzeit schwer, ihre Strukturen aufrechtzuerhalten und sich den Aggressionen der Austeritätspolitik entgegenzustellen. Juan von der Corrala Utopía erzählt, dass die Beteiligung an der Intercomisión de Vivienda deutlich nachgelassen habe. Auch die Dynamik der Corralas habe sich seit der Hochphase der Hausbesetzungen im vergangenen Jahr abgeschwächt, man sei vor allem mit der Verteidigung der bereits besetzten Objekte beschäftigt. Ein Aktivist der PAH beklagt, dass viele Menschen, trotz der Erfolge der Bewegung gegen Zwangsräumungen, nicht bereit seien, den Einsatz zu bringen, der für kollektive Proteste notwendig sei. Gleichwohl gehören die Bewegung gegen Zwangsräumungen und die Besetzungen in der Landwirtschaft derzeit zu den erfolgreichsten Projekten der Krisenproteste in Spanien, nicht zuletzt, weil sie kleine Erfolge erzielen und konkrete Verbesserungen im Alltag erreichen konnten.
Anderen Bewegungen fällt das deutlich schwerer: Von den zahlreichen Stadtteilversammlungen und Arbeitsgruppen der Bewegung 15M sind in Sevilla kaum noch arbeitsfähige Strukturen jenseits der Wohnrauminitiativen übrig. Die Marea Verde zum Beispiel, eine nach dem ‚Prinzip 15M‘ radikaldemokratisch in Vollversammlungen organisierte Protestbewegung gegen Kürzungs- und Reformprogramme im Bildungsbereich, hat deutlich an Dynamik verloren.
Und auch die Repression gegen Landbesetzungen nimmt zu: «275.000 Euro wollen sie wegen der Besetzungen von uns», sagt Manolo, der die Öffentlichkeitsarbeit für die SAT macht. Einigen Aktivist_innen drohen sogar Gefängnisstrafen. Dabei besetzen sie nur ungenutzte Flächen wie die verlassene Finca von Simon Sabio oder das Militärgelände Las Turquillas.
Viele Aktivist_innen reagieren mit Sarkasmus oder Enttäuschung auf die Reformversprechen der Regierung. Lange haben sie die Parole «Si se puede!» (Ja, es geht!) hochgehalten. Nun wird sie, gerade auf Demonstrationen oder öffentlichen Veranstaltungen, häufig durch ein «Pero no quieren» (Aber sie wollen nicht) ergänzt. «Sie», das ist der spanische Staat, die Regionalverwaltung oder die andalusische Autonomiebehörde. Und dennoch oder vielleicht auch deswegen: Asifa und Mehammed haben sich ebenso wie viele der ehemaligen Landarbeiter_innen entschlossen weiterzuarbeiten, zu bleiben und die Finca weiter in Stand zu setzen. «Wir machen weiter, wir arbeiten weiter und wir kämpfen weiter für ein besseres Leben!» sagt Asifa. Mehammed nickt, und ein leises Lächeln erscheint auf seinem Gesicht.
Nikolai Huke und Olaf Tietje*


*Nikolai Huke forscht über die Eurokrise, Demokratie und Protestbewegungen in Spanien. Olaf Tietje über Migration, Gender, Arbeit und gewerkschaftliche Organisierung in Südspanien.
1. Alle Namen der Arbeiter_innen geändert
2. Corrala ist die historische Bezeichnung für Armenmietblöcke - meist mehrstöckige Gebäude mit Innenhof -, die bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Andalusien, aber auch in Madrid typisch waren. In vielen Corralas haben die Bewohner_innen Solidarstrukturen gegenseitiger Hilfe entwickelt. Im Zuge der Stadtmodernisierung im 20. Jahrhundert wurden die meisten Corralas abgerissen. Die Bewohner_innen der jüngst besetzten Häuser nennen ihre Gebäude nun wieder Corralas in Bezugnahme auf die Tradition dieser solidarischen Wohnformen.
3. 15M  ist die Abkürzung für die Bewegung der Platzbesetzungen in spanischen Städten, die am 15. Mai 2011 starteten.


 

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 223 (02/2014)

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