TRIBÜN :Die Theorie als Herrschaftsinstrument 1. Teil: Theoretisches Fassadentum
ute

In den Gruppen politisch engagierter AktivistInnen und deren Anhängerschaft ist intellektuelle Aktivität als geeignetes, ja unverzichtbares Mittel in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen hoch angesehen: gebildet sein, moderne Nachschlagebücher kennen, Artikel schreiben, Seminare oder Versammlungen zu wichtigen Themen organisieren, eine Zeitung herausgeben, das zählt.


Diese hohe Bewertung hat zur Folge, dass das Terrain des Denkens und des theoretischen Diskurses von herausragenden und angesehenen Personen besetzt ist, die mehr als andere reden und schreiben - und denen man lauscht.


Es werden Foren, Seminare, Konferenzen veranstaltet, wo SpezialistInnen Reden halten, später Fragen des Publikums beantworten. Alles das ist auf den ersten Blick weder sehr selbstverwaltet noch egalitär - also könnte es doch interessant sein, zu vertiefen, welche Probleme sich  durch diese einseitige Zuweisung intellektueller Aktivität ergeben.


Eine weit verbreitete Praxis in der Kaste der Den­ker­Innen ist: Ausarbeitung eines Jargons, eines speziellen Vokabulars, entsprechend dem jeweiligen Feld der Reflexion oder der jeweiligen Strömung des Denkens. Uns wird erklärt: «Die Anwendung präziser Worte ist notwendig für die Ausarbeitung präziser Konzepte. Für die Teilnahme an der Diskussion muss man sich bemühen, zu lesen und zu verstehen.»


Jedoch sein Reden undurchschaubar zu gestalten für Personen, die in den Gebrauch esoterischer Ausdrücke nicht eingeweiht sind, ist ganz offensichtlich eine Praxis der Machtanwendung.


Mehr als einmal wird man Auftritten bekannter Personen beiwohnen können, deren Reden hohl sind und die Unbedeutendes referieren, ohne auf Widerspruch zu stoßen, weil sie ja verschwommene, obskure Begriffe verwenden.


Unsere politisch-alternativen Umfelder sind keineswegs frei von diesen Techniken des Prestigegewinns. Ziemlich oft scheint die Form bedeutender als das Wesen zu sein; das Verbreiten von Themen in Ausdrücken, die den politischen und intellektuellen Moden entsprechen, verleiht Glaubwürdigkeit von vorn­her­ein­.


Geben wir zu bedenken, dass die Formen des theoretischen Ausdrückens das Wesen der Sache überschatten, so bedeutet das jedoch nicht, dass dieses Wesen nicht vorhanden wäre. Eher noch ist es der Erkennbarkeit entzogen durch eine kräftige Dosis Nebel, eine Sorte von Maskerade, die Zustimmung oder Schweigen auferlegt, noch ehe der theoretische Sinn als sowieso nicht erkennbar erscheint.


Wir rufen hier im folgenden verschiedene Techniken des Undurchschaubar-Machens wach und ihre Anwendung aus Mangel an Theorie in unseren Umfeldern.


Die Trocken-Szientisten


Im Rahmen der institutionalisierten Forschung wird eine ganze Reihe von Normen und Formenkanons angewandt, die die Glaubwürdigkeit theoretischer Beiträge auf ihre rationalistische und objektivistische Verkleidung gründen: komplette und ordentliche Ausführung der Beweisführung, hergestellter Zusammenhang zwischen den Gegebenheiten des For­schungs­­­gebietes bzw. Arbeitsfeldes und der Ausarbeitung theoretischer Modelle, Erfassung und systematische Bezugnahme auf Quellen, Diskussion vorangegangener akademischer Produktionen etc. Diese Ansprüche machen akademische Arbeiten gleicher­maßen trocken und unzugänglich für Nichteingeweihte, immerhin sind sie geeignet, Eingeweihte zu ködern, die nach ihren Fachbereichen getrennt sind, Prestige markieren und durch Konventionen gebunden sind - es gibt nichts ungebildeteres und dümmeres als einen Intellektuellen, den du aus seiner Fachdomäne herausholst.


Ein ziemlich bekanntes Beispiel für dieses Phänomen in der aktuellen Wissenschaft der 1990er Jahre ist bekannt geworden unter  der Affäre Sokal-Briemont, den Namen der zwei Autoren des Buches «Intellektuelle Hochstapelei», welches kurz nach der bewussten Affäre publiziert wurde. Wir liefern Ihnen eine Zusammenfassung, weil es zugleich komisch und erhellend ist.


Im Mai 1996 hat die amerikanische Zeitschrift Social Text einen Artikel veröffentlicht von A. Sokal, Physiker an der Universität New York, mit dem hochtrabenden Titel: «Grenzen durchbrechen: Für eine umgestaltende Hermeneutik der Quantenschwere». Eines der behaupteten Ziele dieser Arbeit war das Wieder-Infrage-Stellen der Fundamente von orthodoxer Wissenschaft.


Fast zur selben Zeit ließ A. Sokal in einer anderen amerikanischen Zeitschrift, Lingua Franca, einen zweiten Artikel erscheinen, der enthüllte, dass er eine Parodie und Nachahmung verfasst hatte. Wohl überlegt hatte er ungefähre, fantastische, oft falsche und selbst absurde Aussagen zusammengetragen. Indem er darlegte, die zahlreichen Zitate, von postmodernen Autoren entlehnt, wären absolut exakt, gestand unser Spötter, dass er eine völlig haltlose Pseudo-Beweisführung aufgestellt hatte. Faktisch handelte es sich um ein Experiment: Eine renommierte Zeitschrift, verschrieben den Cultural Studies, würde sie sich dazu hergeben, einen mit Absurditäten gespickten Artikel zu veröffentlichen: a) weil er von sich hermachte, b) weil er den geistigen Voraussetzungen der Redaktion schmeichelte? Die Antwort, leider, heißt ja. (Auszug aus «Pour la Science», Nr. 234, April 1997, S. 14-16)


Der Grund, der Sokal zu derartigem Wellenschlagen trieb, trifft sich mit einem Teil der Fragen, die ich stelle, jedoch auf anderem Niveau und in anderer Richtung. Ich führe hier aber nicht näher seine Motive und den Verlauf der Polemiken aus, die dem folgten. Festhalten möchte ich jedoch den erbrachten Beweis dafür, dass man eine wissenschaftliche Zeitschrift mit der Publikation eines absurden Textes an der Nase herumführen kann, weil eben eine reputierliche Unterschrift hinreicht, um ihn glaubhaft zu machen. Das Machtverhältnis, das sich aus dem theoretischen Fassadentum ergibt, erscheint in Form einer Hierarchisierung zwischen denen, «die imstande sind zu verstehen» und allen anderen, und ebenso zwischen aufgehäuftem Wissen bzw. anerkannten Disziplinen und den Gebieten, die da nicht einzuordnen sind.


Solche Tendenz kann in den Texten, die wir produzieren und zirkulieren lassen, wiedergefunden werden, weil zweifelsohne einigen unter uns das Universitäre nicht allzu fern ist. Aber auch, weil aus der Bandbreite der akademischen Produktion bestimmte Ideen uns betreffen und unser Unvermögen wettmachen, Handlungen und Überzeugungen auf ein sichtlich potentes theoretisches Denken zu gründen.


Die Romantico-Virtuosen und Marketingo-Subversanten


Das «trocken-szientistische» Fassadentum steigert sich in unseren Umfeldern noch in einer anderen Tendenz, in die das akademische Milieu - ist das sicher? - hineinzurutschen sucht. Man könnte das als «romantico-virtuoses» oder «marketingo-subversantes» Fassadentum bezeichnen (diese Begriffe sind doch äußerst gelehrt…). Die Wirkung der Worte entsteht nicht mehr nur durch die vernebelnde Seite ihrer Kraft (he he), sondern auch durch ihre Fähigkeit, zu verführen. Das In-Szene-Setzen des Denkens erlebt also eine höhere Stufe, es ist nicht nur virtuos, weil es komplex ist, sondern auch, weil es schön ist. Diese Ästhetik intellektueller Virtuosität verläuft durch eine ganze Palette stilistischer Verfahren: bildhafte Schreibweise und Metaphern in Reihe, ausgefeilter Rhythmus der Sätze, unbeugsamer, «radikaler» Ton, inklusive feinsinniger Ausdeutungen, Dringlichkeit im Ausdruck, Kurzformen - sportlich und sexy. Kurz, umfassende Arbeit an der Form, die das Geheimnis, die Patina der Ernsthaftigkeit oder der Subversion zaubert und die, indem sie das Vergnügen der Leserin/des Lesers und Zuhörerin/Zuhörers, gar ihre/seine Faszination hervorruft, die Äußerungen unverständlich - oder zumindest deren Verstehen unbrauchbar -, die Zustimmung intuitiv macht und eine kritische Analyse hinter sich lässt. 


In seiner abgehobensten Version werden wir sehen, wie sich die Form dem akademischen Jargon annähert, indem sie ihm unter der Hand den Bezug zu politisch-intellektueller Wissenschaftlichkeit entlehnt. Die Ideen werden derma­ßen abstrakt und komplex formuliert sein, dass es gar nicht mehr die Frage sein wird, sie zu verstehen, sondern zu bewundern. Ihre Nebelhaftigkeit wird eine «subtile Intelligenz» bezeugen. In seiner «demokratisierten» Version werden die Sätze kurz und das Vokabular quasi-geläufig sein, der Gebrauch von Schockbildern aber und von gut gebauten Formulierungen wird noch krasser sein, allein dadurch eine Radikalität unter Beweis stellend, und so Übereinstimmung durch Intuition nahelegend. Sei es im Rahmen elitärer Zirkel von Eingeweihten (subversive Intellektuelle) oder solcher, die sich etwas mehr öffnen zu einer «Subversion der ver-marketing-ten Masse» (kaufen wir uns doch auch ein kleines Abzeichen mit dem Bildnis von Che oder Mao, die es überall in den en-vogue-Kramboutiquen gibt), ihre Texte wie auch ihre Haltungen werden sich vor allem als schönes Objekt ausnehmen, das man sich ans Revers heften und mit dem man ein bisschen Effekt heischen kann. Ohne Frage, wir wiederholen es, ihre Texte sind inhaltslos, und die Form maskiert dies. Es handelt sich auch gar nicht um das Ablehnen von Poesie und der Freude am Wort, sondern um das Klären der Ziele und Mittel, die wir unseren Texten oder Aussagen unterlegen, um das Deutlichmachen unseres Anspruchs gegenüber Intuitivem, Empfindungen und ästhetischem Bemühen als schöpferische Elemente der Sinnenfreude, der Subversion und des Vergnügens gegen ihren manipulatorischen Missbrauch: sich an den Regelwerken des subversiv brillierenden Intellektualismus oder am brillierend radikalen Aktivismus orientieren, das heißt wahrhaftigem Romantismus tätscheln und unsere Neigung zu Action-Filmen und Religion forcieren. Die Formen der Meinungsbildung, die von diesen Verfahrensweisen hervorgerufen werden, sind viel zu oft das Gegenteil der Überlegungen, auf denen wir unser Denken und Handeln gründen wollen.


Diese Arbeitsweise zieht die Aufrechterhaltung einer starren Rangfolge des Nachdenkens und der Kämpfe nach sich (prioritäre/sekundäre, globale/lokale, allgemeine/spezielle, theoretische/praktische etc.), zudem die Verstärkung der Hierarchien beim Fällen von Entscheidungen, das Verarmen der Diskussionsfelder durch Ausschließen von «nicht kompetenten» oder «uninformierten» Randgruppen, Fütterung von Modewellen für AktivistInnen, Unterstützung von Identitäts-Merkmalen, die uns durchdringen und Ausgrenzung sowie Herdenreflexe produzieren.


Im Allgemeinen entstehen diese Mechanismen aus der Logik, die in der Art und Weise von Diskussionen gründet, wo der Eindruck zählt, den man bei anderen erzielt (politische Gruppen, Mitglieder seiner eigenen Gruppe) und dem Erhalt der Macht über diese dient, noch ehe ein kollektives Ergebnis erreicht wird, das brauchbar und interessant wäre.


Wir kehren an dieser Stelle zurück zu Überlegungen über Art und Weise der Debatten und Entscheidungsfindung. Dabei berühren wir, ausgehend von unseren Differenzen und diese berücksichtigend, Grundprobleme des gemeinsamen Gestaltens - anstelle der Bildung von blinden Gefolgschaften, die sich im großen Spiel des «Wer-hat-die-Wahrheit-gepachtet» gegenüberstehen.


 


Ausdrucksweise und Strukturen der Macht


Man wird uns entgegenhalten, dass Ausdrucksweise, geschrieben oder gesprochen, immer ein Mittel ist, die und den auszuschließen, sollten ihnen die Schlüssel zur Meisterschaft nicht gegeben sein. Tatsächlich betrifft diese Feststellung nicht nur die Kasten der Intellektuellen sondern gleichermaßen auch die Leute, die die «dominierten Gruppen» bilden. Diese können über sprachliche Codes verfügen, die nur ihnen eigen sind - wie zum Beispiel Fremdsprachen oder das Kommunikationsgemisch in Flüchtlingsgemeinschaften, Slang oder der Jargon in bestimmten Bevölkerungsbereichen (Arbeitermilieu, bäuerliches Umfeld, solches spezifischer Berufsgruppen) oder in Gruppen, die dasselbe Generationslos teilen (jüngere oder ältere Personen). Im Allgemeinen erlaubt das Exklusivrecht auf kulturelle Codes (und der Werte, die sich darin ausdrücken) innerhalb eines bestimmten Umfeldes, dieses vor «anderen» zu bewahren, das Geheimnis bestimmter Erfahrungen und Know-Hows zu hüten, Praktiken von Solidarität wie auch solche spezifischer Unterdrückung aufrechtzuerhalten, kurz gesagt, sich vor Einmischungen, Neuerungen oder Vereinnahmungen zu schützen.


Indessen, die Kodifizierungen von intellektueller Ausdrucksweise durch die herrschenden Klassen zeichnen sich durch die Besonderheit aus, dass sie sich jenseits der speziellen Gruppenmilieus durchsetzen, aus denen sie hervorgehen, jedoch ohne dass diese Gruppen sich ihres Exklusivrechtes begeben. Was die dauerhafte Herrschaft dieser Personen und Gruppen kennzeichnet, das ist das Monopol auf Rechtmäßigkeit, das sich an ihre Codes knüpft. Oder anders gesagt - der Bezug zu, ja Besitz der «offiziellen Kultur», der «großen Kultur», der «ernsten Angelegenheiten», des «wahren, guten Geschmacks» etc. Diejenigen, die versucht sein werden, in die Regionen der Macht zu gelangen, werden bemüht sein, die Codes und Werte der Sphären, aus denen sie hervorgegangen sind, abzulegen, um sich von da an die Regelwerke anzueignen, die sie für die Kaste der Herrschenden legitimieren. Sie verstärken somit zugleich die Legitimität deren Codes. Demgegenüber werden diejenigen, die den beherrschten Gruppen zugehören, ihre Werte und Codes weit unten auf der Skala der Hierarchie wiederfinden als «mehr oder weniger legitime» und werden sich jenseits ihres kleinen Umfeldes nicht behaupten können, in der Kontrolle ihrer Lebenswelt und Autonomie gegenüber denen, die auf der Skala oben sind.


Sophie Roussel


 


Zu diesem Thema kann man auch einen Blick werfen in die Bücher von Pierre Bourdieu, «Die verborgenen Mechanismen der Macht» (VSA-Verlag Hamburg 2004), «Zur Soziologie der symbolischen Formen» (Suhrkamp-Verlag Frankfurt/M 2000),

verfasst von Sophie Roussel,  09.11.2004, eingestellt von ute
Thema im Archipel 120 (10/2004)
Tags: TRIBÜN
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Dieser Text stammt aus dem Archipel

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