UKRAINE : Die Medienlandschaft in Transkarpatien
ute


Die Region Transkarpatien liegt im westlichsten Zipfel der heutigen Ukraine und zählt 1,2 Millionen Einwohner. In den letzten Jahren, seit der Öffnung des Eisernen Vorhangs, wurden in dieser Gegend verschiedene Medien gegründet, welche für die regionale Bevölkerung bestimmt sind. Unabhängige Medien sind dabei die absolute Ausnahme wie z. B. das Lokalradio „Sviet", auf das wir später näher eingehen werden. Die Presse, Radio - und Fernsehsender werden im allgemeinen von politischen Parteien oder anderen Machtblöcken kontrolliert.


Die Printmedien


In Transkarpatien gibt es inzwischen zehn regionale Wochenzeitungen. Jeder Regionalpolitiker, der etwas auf sich hält, hat seine Hauspostille. Politiker zu sein, heisst hier auch erfolgreicher Geschäftsmann mit eigenem Einflussbereich zu sein. Die grösste Wochenzeitung mit Namen "Rio" hat eine Auflage von ca. 2.000 Exemplaren und gehört dem früheren Bürgermeister von Uschgorod, der Hauptstadt Transkarpatiens. Nach einem Gefängnisaufenthalt wegen mafiösen Umtrieben ist er jetzt oppositioneller Abgeordneter im nationalen Parlament in Kiew. "Rio" als Zeitung der Opposition hat öfters Probleme mit der Justiz. Bei den anderen Printmedien hat sich die Selbstzensur so eingespielt, dass sie von staatlichen Angriffen ungeschoren bleiben. Der Informationsgehalt der Zeitungen ist dürftig und das journalistische Niveau tief. Dazu kommt, dass die Regionalzeitungen nur wöchentlich erscheinen und die Aktualität deshalb zu wünschen übrig lässt. Die meisten Zeitungsleser- und leserinnen leben in den Städten. Die Gesamtauflage der Presse ist in den letzten fünf Jahren stark gesunken, in erster Linie, weil sich viele Familien keine Abonnemente mehr leisten können oder wollen. Die Tageszeitung "Fakty", die allerdings auf nationaler Ebene erscheint, wird in der Region sehr viel gelesen. Es handelt sich dabei um ein Boulevardblatt, das unter dem Einfluss von Präsident Kutschma steht. Es ist nur eine Minderheit der Bevölkerung, die versucht, sich via Presse zu informieren. Die Mehrheit hält sich an Radio und Fernsehen.


Fernsehen


Es gibt in Transkarpatien drei regionale Fernsehanstalten. Zwei davon befinden sich in den Händen der aktuellen Machthaber, die in der Region identisch sind mit jenen in Kiew. Der dritte Fernsehsender gehört der Opposition und sendet aus der Stadt Mukatschewo, deren Hochburg. Der regionale Sendeanteil des gesamten Programms der Fernsehanstalten ist jedoch auf wenige Stunden pro Woche beschränkt. Die nationalen Fernsehsender sind völlig von Präsident Kutschma kontrolliert. Auch hier gilt wie bei den Printmedien: Der Informationsgehalt und das journalistische Niveau sind gering.


Radio: staatlich oder kommerziell


In der Ukraine gilt eigentlich noch das staatliche Rundfunkmonopol. Doch neben dem offiziellen, staatlichen Radio gibt es bereits mehrere private, kommerzielle Radiosender, die irgendwo auf dem Berg ihre Masten aufstellen. Diese werden sehr viel gehört, haben jedoch keinen regionalen Charakter. Eine Ausnahme ist "Zakarpattia FM", der Sender der Oppositionspartei in Mukatschewo. Dieses Radio wird auch im Hinterland empfangen, wo die Kommerzsender nicht gehört werden können. Ausserdem existiert noch ein Überbleibsel aus der Zeit der Sowjetunion mit Namen "Hala". Es handelt sich dabei um eine Art Volksradio, das per Kabel in alle Haushalte kommt. Die Programme werden in Kiew produziert und sind absolut regimetreu.


Das Bürgerradio "Sviet"


Eine absolute Ausnahme in der Medienlandschaft ist das Regionalradio "Sviet" in Uschgorod. Das Studio befindet sich im so genannten Industriezentrum der Stadt in einem Flachbau, umgeben von neuen, aber schon schmuddeligen Plattenbauten. Hier herrscht ein reges Treiben. Radio "Sviet" beschäftigt 20 junge Leute, von denen die meisten aus der Universität kommen. Kaum jemand ist älter als 30 Jahre. Alle sind angestellt. Es gibt aber keine eigentliche Ausbildung zum professionellen Radiojournalisten. Hier zählt "Learning by doing" – Lernen durch Tun.


Fjodor Sandor, einer der Gründer des "Sviet", erklärt Archipel seine Motivation zur Gründung des Radios und dessen Ausstrahlung und Bedeutung für die Region:


"Unser Radio heisst Sviet FM, also 'Welt', und wir sind ein Bürgerradio. Man kann uns in den vier grössten Städten von Transkarpatien hören: in Uschgorod, Mukatschewo, Beregowo und in Vinogradowo. Unser Sendegebiet reicht bis zu den Karpaten. Um auch in den Bergen gehört zu werden, fehlen uns noch die technischen Mittel. Wir haben unsere eigene Studioausrüstung, aber der Sender und die Antennen gehören dem Staat. Wir können sie zur Ausstrahlung unserer Programme benützen. Ich selber habe lange für das Regionalradio von Transkarpatien gearbeitet. Das gehört zum staatlichen Rundfunk in Kiew. Für unsere Region gibt es da nur acht Stunden Programm pro Tag. Ein paar Kollegen und ich fanden, dass das viel zu wenig ist und vor allem, dass Life-Berichte fehlten. Das war der Ausgangspunkt für ein regionales 24-Stunden-Radio.Wir haben also für die Lizenz und alle nötigen Papiere angesucht. Das war eine lange und mühsame Angelegenheit, aber nach drei Jahren war’s geschafft. Unsere Motivation für ein unabhängiges Radio war ganz einfach: Eine Berichterstattung kann nur frei sein, wenn sich der Chef oder der Geldgeber nicht für den Inhalt interessiert. Das gibt es natürlich selten und so haben wir beschlossen, unsere Ressourcen bei Stiftungen zu suchen. Die Soros-Foundation unterstützte unser Projekt und finanziert auch jetzt noch einen grossen Teil unseres Sendebetriebs, aber längst nicht alles. Die Infos für die Tagesnachrichten müssen wir aus offiziellen Quellen beziehen, also von öffentlichen Pressekonferenzen oder vom Sprecher eines verantwortlichen Politikers. Berichte über Delikte, Unfälle, Katastrophen müssen vom polizeilichen Informationsdienst abgesegnet werden. Das ist wohl der Unterschied zum westlichen Ausland. Die Journalisten müssen sich ihre Infos von den Lokal - bzw. Landesbehörden oder deren Pressestellen bestätigen lassen. Anders ist es, wenn wir selbst Veranstaltungen besuchen und vor Ort recherchieren. Da kann man uns die Beiträge nicht diktieren. Wir sind die Einzigen in der Region mit Life-Berichterstattung. Das gibt es noch nicht einmal im Fernsehen. Die haben nur vorproduzierte, montierte Beiträge. Über unser Radio erfahren die Leute schnell und direkt, was los ist. Der regionale Bezug von Radio Sviet wird von den Hörern, die nicht nur billige Unterhaltung suchen, sehr geschätzt. Sie bezeichnen "Sviet" als "unser" Radio.


Eine Stimme von


Minderheiten


Fjodor Sandor erzählt weiter: "Für die unterschiedlichen Minderheiten in Transkarpatien hat der Sender eine wichtige Rolle. Zum Beispiel haben die Roma ihre eigene Redaktion Sie stellen ihre Tagesnachrichten zusammen, machen ein eigenes Kinderprogramm und eine Hörerwunschsendung. Sie senden in Romanes und in Ungarisch. Wir haben auch Infos in ungarischer und slowakischer Sprache. Gemeinsame Redaktionssitzungen der einzelnen Programmmacher gibt es noch nicht. Jede Redaktion hat einen Chef, der letztlich entscheidet, was ins Programm kommt. Auf Perspektive wollen wir mehr zusammen arbeiten, es gibt aber gerade bei den Minderheiten ein grosses personelles Problem. Es ist sehr schwierig, geeignete Leute zu finden. Die Mitarbeiter können oft kaum ihre eigene Sprache, damit meine ich die literarische Sprache. Die Ungarn in Transkarpatien sprechen einen ganz eigentümlichen Dialekt. Die Roma haben verschiedene Dialekte und verstehen sich oft nicht untereinander. Wir versuchen zur Zeit, die interessiertesten Aktivisten besser auszubilden, damit es anschliessend eine professionellere Zusammenarbeit geben kann. Wir sind Ausbildungszentrum für uns selbst und andere.


Die Männer sind auch ein Minderheitsproblem. Hier im Infostudio gibt es keine. Die Frauen machen hier alles. Die Männer sind intellektuell im Rückstand. Die meisten zieht es ins ‚business`. Für Journalismus interessiert sich kaum einer."


Jürgen Kräftner*


EBF


*in Zusammenarbeit mit dem


Presse-Club von Uschgorod

verfasst von Jürgen Kräftner(EBF)* ,  17.02.2004, eingestellt von ute
Thema im Archipel 112 (01/2004)
Tags: UKRAINE
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 112 (01/2004)

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