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UTOPIEN: Ziegen, Kühe und Schafe gegen die Spekulation

Wie jeden Abend nach dem Essen sitzen wir bei einigen Gläsern Wein am offenen Kamin, ein kleines Konzert wird improvisiert: Paul und Jérémie spielen Gitarre, Aymeric «Kontrabecken» (ein selbst gebasteltes Instrument, bestehend aus einem Besenstiel, einer Saite und einer Schüssel), Laura am Klavier. Wir singen ein Repertoire bekannter französischer Chansons. Trotz der allgemeinen Erschöpfung wollen die Lieder und das Gelächter kein Ende finden.

 

Wir befinden uns in Cravirola, in einem selbst verwalteten landwirtschaftlichen Projekt an der Südseite der Montagne Noire in den nördlichen Ausläufern der Pyrenäen. Obwohl wir erst vor einer knappen Woche angekommen sind, fühlen wir uns zu Hause. Dieses zehn Personen starke Kollektiv ist von einer seltenen Geselligkeit und hat uns problemlos in die ihm eigene Hyperaktivität integriert. So nahmen wir den zügellosen Rhythmus dieser vielseitigen Menschen an, mit ihren 14-Stunden-Tagen im eiskalten Wind des dortigen Winters.

Fast jeden Tag stehen wir um 6.30 Uhr auf und begleiten die drei Gruppenmitglieder, die täglich die 150 Ziegen, Kühe und Schafe melken. Für den nach meinem Geschmack viel zu frühen Arbeitsbeginn werden wir auf dem Weg zum Stall mit einem wunderbaren Schauspiel belohnt: Die hinter den Pyrenäen aufgehende Sonne taucht den Ort in ein bezauberndes Licht. Drei faszinierende Stunden verbringen wir im Geruch von Heu und Mist damit, die Tiere zu füttern und in den Melksteg zu treiben. Ich laufe hinter den schelmischen Ziegen her, die genau gemerkt haben, dass ich keinerlei Erfahrung habe und beobachte voller Bewunderung, wie die Tierzuchtgruppe jede kleine Veränderung in der Herde bemerkt (ein hustendes Schaf, eine geifernde Ziege, ein tränendes Auge…).

Nach dem Melken und einem zweiten Frühstück verwandeln wir uns von Bauern in Maurerlehrlinge: Eine neue Käserei muss gebaut werden, und das Kollektiv kann es sich nicht leisten, die Arbeiten machen zu lassen. Mit Beton, Bausteinen und Ziegeln arbeiten wir bis in die Nacht am Umbau einer ehemaligen Garage in eine Käserei nach europäischer Norm. Fateh und Laura produzieren gleichzeitig im Zimmer nebenan den Käse, der das Einkommen für das Projekt darstellt. Die einzigen Unterbrechungen haben die Gestalt einer großen Thermoskanne mit Kaffee, angeboten von Agnes, einer jungen Besucherin von überschäumender Energie, oder die etwas surrealistische Erscheinung eines schreienden Pfaus, der vergeblich von Said verfolgt wird: «Ich halte diesen Pfau nicht mehr aus, wie er vor die Glastüren kackt und sich bewundert. Einmal wird er noch im Kochtopf landen!»

Das Ausmaß der zu verrichtenden Arbeiten und die Arbeitsbedingungen haben schon einige entmutigt, doch hier scheint man die Herausforderung zu lieben. Das war schon so vor 20 Jahren, als das Abenteuer in den Alpes Maritimes begann, mit Axel und Britta, zwei jungen Deutschen. Im Tal Cravirola kauften sie eine Ruine, einen verlassenen winzigen Weiler, 20 Gehminuten vom nächsten befahrbaren Weg entfernt und beschlossen, sie wieder aufzubauen. «Wir kamen aus dem Berliner Hausbesetzermilieu, waren richtige Städter und hatten keine Ahnung vom Leben auf dem Berg. Wir waren von einer unglaublichen Naivität und nichts machte uns Angst», erklärt uns Axel. «Wir kauften das Buch ‚Mein Garten und ich’ und säten Karotten, die sich weigerten zu wachsen. Unsere Nachbarn erklärten uns, dass man den Boden misten müsse, das hatten wir in unserem Buch nicht gelesen. Dann fragten uns andere, ob wir uns während ihrer Abwesenheit um ihre Ziegen kümmern könnten. Am Anfang war es ein Chaos, wir hatten von nichts eine Ahnung, um die 50 Tiere zu versorgen und zu melken brauchten wir soviel Zeit, dass wir von vorne anfangen konnten, kaum waren wir fertig. Um 5h morgens standen wir auf und arbeiteten bis um 11h abends. Während 10 Jahren arbeiteten wir 16 Stunden am Tag, ohne Pause. Das war sehr hart. Doch dann besuchte ich eine der Longo maï-Kooperativen und sah meinen eigenen Traum realisiert. Das gab mir Energie, um weiter zu machen. Wir wollten ein Kollektiv aufbauen, doch alles war damals sehr rudimentär: Es gab nicht einmal Toiletten, wir gingen auf den Misthaufen! Es war schon schwierig für die Leute, zu bleiben.»

Doch nach Jahren intensivster Arbeit war die desolate Hütte zu einem großen gastfreundlichen Haus geworden, ein kleines Kollektiv war entstanden.

Der Verkauf von Ziegenkäse an der Côte d’Azur war rentabel, und eine Vielzahl kultureller Aktivitäten wie Theaterworkshops, Konzerte, Festivals wurden realisiert. Bis schließlich 2005 die Gruppe entschied, «dass der Schuh zu klein geworden war», und einen neuen Ort suchte: den Ambitionen der Gruppe entsprechend größer und leichter zugänglich.

Doch da wird es kompliziert: Das französische Immobiliengeschäft macht es jungen Landwirten, die einen leer stehenden Hof kaufen wollen, sehr schwer. Der vermehrte Verkauf von alten Bauernhöfen und kleinen Parzellen, die dann in sehr gefragte luxuriöse Ferienhäuser mit Garten umgewandelt wurden, haben den Bodenpreis in den letzten Jahren stark in die Höhe getrieben. 2006 sind auf diese Weise 92.000 Hektar umgewandelt und der Landwirtschaft entzogen worden. Außerdem verstärkt das Subventionssystem der Landwirtschaft die Tendenz zu Professionalisierung, Spezialisierung und Intensivierung und fördert permanente Betriebsvergrößerungen. So werden die Hindernisse für die Niederlassung junger Landwirte oft unüberwindbar, wenn nicht ein geerbter Hof oder sehr viel Kapital zur Verfügung steht.

Trotzdem: Als die Gruppe das Domaine du Bois in der Nähe von Minerve entdeckt, das für den stolzen Preis von 1,2 Millionen Euro zu kaufen ist, beschließt sie, das Risiko einzugehen und zu versuchen, die Summe zusammenzubringen. Doch dann müsste sie akzeptieren, dass ihr Hof in den Alpes Maritimes verkauft und zu einem der vielen Ferienhäuser für reiche Städter wird, die Frischluft brauchen. Nach 20 Jahren verbissener Arbeit, um aus dieser Ruine einen echten bäuerlichen Betrieb zu machen, ist diese Vorstellung für sie unakzeptabel.

Axel wird daher von allen anderen Aufgaben befreit und von der Gruppe beauftragt, das Unmögliche möglich zu machen: Das besteht darin, das neue Projekt zu finanzieren, ohne den Weiler La Ferme de la Brigue in Cravirola zu verkaufen, ihn statt dessen einer Gruppe engagierter Leute mit einem landwirtschaftlichen Projekt zu übergeben. Gleichzeitig sollten sowohl der Hof von Cravirola wie auch der zukünftige Hof Domaine du Bois ein für alle Mal der Spekulation entzogen werden. «Während zwei Jahren habe ich mich informiert, Dokumente im Internet gesucht, Fachliteratur gelesen. Die Hilfe von Profes-sionellen auf diesem komplizierten Gebiet hätte uns 50.000 Euro gekostet; ich habe mir für 56 Euro ein Buch gekauft und selbst gelernt!» erzählt uns Axel auf der Baustelle.

Ironischerweise war die Lösung, eine Kapitalgesellschaft zu gründen, eine SAS (Société à Actions Simplifiée). Die Unternehmensform, in welcher die Entscheidungskompetenz vom Kapitalbesitz getrennt ist, wurde vom französischen Unternehmerverband MEDEF erfunden, um den Betrieben größere Flexibilität zu geben. Diese Struktur erlaubt es den assoziierten Betrieben, über ihre Statuten und Beziehungen unter einander selbst zu entscheiden, was im Fall der SAS Terres Communes «eher libertären als liberalen Zielen dient», wie es die Leute von Cravirola gerne erläutern.

Axel zögert nicht, sich selbst zu enteignen und der Geldwert der Ferme de la Brigue geht in Form unverkäuflicher Aktien in den Besitz der SAS über. Auf gleiche Weise wird diese Besitzerin des Domaine du Bois und eines dritten Hofes im Ardèche, der Terres de Brunel, dessen Bewohner Vorstellungen und Zielsetzungen der Leute von Cravirola teilen. Dies bedeutet konkret, Höfe und Land sind im Besitz der SAS Terres Communes, also gemeinsamer Besitz aller, die dort leben und arbeiten, auch jener, die später dazukommen. Jedes Projekt hat eine eigene juristische Struktur und zahlt – seinen Mitteln entsprechend – eine Pacht an die SAS.

Für Axel ist es eine Frage der Kohärenz: «Ich habe mich nie als Privatbesitzer unseres Hofes gefühlt. Mein Name steht auf den Papieren, doch was jetzt da ist, ist das Werk so vieler Menschen über viele Jahre! Offiziell war ich auch der einzige Landwirt auf unserem Hof, doch jeder wusste, dass dies nicht der Realität entsprach. Seit Jahren suchte ich nach einer Möglichkeit, ein kohärentes Statut zu finden, es war nicht leicht!»

Dank dieser Struktur konnte der Hof Ferme de La Brigue einer Gruppe junger Bauern übergeben werden, und die riesige Domaine du Bois (von der Gruppe auf Le Maquis umgetauft) wurde mit Hilfe von großen Bankkrediten und privaten Darlehen gekauft.

Und hier liegt das Paradoxe des Projektes: Es wird alles getan, um eine Kerbe in den individuellen Privatbesitz und die Immobilienspekulation zu schlagen und so ein realisierbares, antikapitalistisches Modell vorzuleben, und doch ist das Projekt durch seine Abhängigkeit von den Banken in eben diesem vorherrschenden Modell gefangen. Die Gruppe befindet sich in einer typischen Spirale: Es muss viel Milch produziert werden, um viel Käse herzustellen, der an den reichen Märkten der Côte d’Azur verkauft wird, damit die hohen Monatsraten der Kreditrückzahlungen bezahlt werden können. Natürlich müssen auch die Ausgaben auf ein Minimum reduziert werden, was zu schwierigen Kompromissen führt: Die Lebensmittel werden im billigen Supermarkt gekauft, das Material für den Bau der Käserei in der Industriezone. Ohne Rücksicht auf sich selbst wird pausenlos gearbeitet, um allen Aufgaben gerecht zu werden.

«Ihr habt ja noch nicht alles gesehen, als wir hier ankamen war es noch schlimmer, denn wir mussten alles vorbereiten, um Campingmöglichkeiten und  Gästezimmer bereit zu machen», sagt Aymeric, ein ehemaliger leitender Handelsangestellter, den das Landleben in Cravirola in seinen Bann geschlagen hat. Denn um ihre Aktivitäten zu diversifizieren, um weiterhin kulturelle Anlässe zu organisieren, die sich schon in La Brigue großer Beliebtheit erfreut haben und auch, um dieses Modell alternativen Lebens bekannt zu machen, legte das Kollektiv von Anfang an großen Wert auf die Entwicklung von Empfangsstrukturen. Von Juni bis August ist ökologisches und selbst verwaltetes Campen auf den 270 Hektaren der Domäne möglich, eine Bar und ein Restaurant bieten Produkte vom Hof an, Musikprogramme, Theater und Marionetten animieren die Sommerabende. Gästezimmer und ein Gästehaus stehen das ganze Jahr über zur Verfügung.

Dies ist einer der zahlreichen Aspekte, die bei Paul, einem jungen Bauern, dem vorläufig letztangekommenen in diesem Kollektiv, Begeisterung auslöst: «Dieses Projekt ist ein immenses Abenteuer. Nichts kann uns garantieren, dass es funktionieren wird. Letztes Frühjahr waren wir kurz vor dem Bankrott, wir hatten Probleme mit der Herde und die Milchproduktion ist zurückgegangen. Und sicher werden noch viele Probleme auf uns zukommen. Doch man braucht nur im Sommer hierher zu kommen… die Stimmung, die Musik, die Feste, das Leben mit den Besuchern… da sagen wir uns, das kann einfach nicht kippen, ein solches Projekt muss weitergehen!»

 

verfasst von Isabelle Fremeaux,  06.10.2008, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 163 (09/2008)

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