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Welche 'Normalisierung' in Almeria?/ Das rote Goldfieber


(Von Sissel Brodal. Überarbeitete Fassung der Übersetzung aus dem Französischen von Archipel Nr. 126 / April 2005)

Seit den pogromartigen, rassistischen Ausschreitungen gegen marokkanische Landarbeiter vom Februar 2000 in der Region von Almeria, verfolgen wir die Situation in dieser Provinz Andalusiens genau. Vom 5. bis zum 12.


(Von Sissel Brodal. Überarbeitete Fassung der Übersetzung aus dem Französischen von Archipel Nr. 126 / April 2005)

Seit den pogromartigen, rassistischen Ausschreitungen gegen marokkanische Landarbeiter vom Februar 2000 in der Region von Almeria, verfolgen wir die Situation in dieser Provinz Andalusiens genau. Vom 5. bis zum 12. März dieses Jahres war eine vom Europäischen BürgerInnenforum organisierte, internationale Delegation mit acht Personen aus Deutschland, Österreich, Norwegen und der Schweiz  (Die Delegation setzte sich aus folgenden Mitgliedern zusammen: Sandra Blessin, Agrarreferentin bei der BUKO Agrar Koordination,D-Hamburg; Ryszard Strycharczuk, Polnischer Sozialrat e.V., D-Berlin; Heidemarie Rest-Hinterseer, Nationalratsabgeordnete «Die Grünen», ÖBV (Österreichische Bergbauern- und BergbäuerinnenVereinigung), A-Dorfgastein; Abdeselam Mahmoudi, Politologe, Übersetzer, Asylkoordination Österreich, A-Graz; Kathi Hahn, Europäisches BürgerInnenforum / EBF Oesterreich, Longo maï, A-Eisenkappel/Železna Kapla; Urs Sekinger, Koordinator Solifonds, (Solidaritätsfonds des Schweizer Gewerkschaftsbundes SGB), Präsident VPOD-NGO (Verein des Personals im öffentlichen Dienst, Abteilung NGOs), Beobachtermandat UNIA (größte Teilgewerkschaft des SGB), CH-Zürich; Raymond Gétaz, Europäisches BürgerInnenforum / EBF, CH-Undervelier; Sissel Brodal, CEDRI, Comité Européen pour la Défense des Réfugiés et des Immigrés (Europäisches Komitee für die Verteidigung der Flüchtlinge und GastarbeiterInnen), N-Fjerdingby) vor Ort, um die aktuelle Situation in diesem riesigen Anbaugebiet von Frühgemüse unter Plastikplanen zu erkunden. Eines ihrer Ziele war es, den vom 7. Februar bis zum 7. Mai stattfindenden Prozess der Regularisierung von papierlosen ImmigrantInnen, den die offiziellen Stellen als 'außergewöhnliche Normalisierung' bezeichnen, zu beobachten. Als wir gerade dabei waren, die Delegation zusammen zu stellen, informierten uns die FreundInnen von der andalusischen Landarbeitergewerkschaft SOC (Syndicato de Obreros/as del Campo) über den Mord durch fünf spanische Jugendliche an dem Marokkaner Azzouz Hosni, einem Mitglied der Gewerkschaft, in der Stadt El Ejido.

Das Demonstrationsverbot von El Ejido
Einen Tag nach Ankunft unserer Delegation, am Sonntag, dem 6. März, sollte in El Ejido eine Demonstration stattfinden. Das SOC und verschiedene MigrantInnen-Organisationen wollten Azzouz Hosni die letzte Ehre erweisen. Gleichzeitig hätte diese Kundgebung dazu dienen sollen, die häufigen Übergriffe gegen Zugewanderte in der Region, die fast immer straffrei bleiben, anzuprangern. Doch dazu sollte es nicht kommen. Der rechtsextreme Bürgermeister von El Ejido, Mitglied des Partido Popular, ist der gleiche reiche Unternehmer, der bereits während der rassistischen Ausschreitungen vom Februar 2000 eine verhängnisvolle Rolle gespielt hatte. Er erklärte kurzerhand, dass er den von den OrganisatorInnen geplanten Weg für die Demonstration nicht akzeptieren könne. Stattdessen schlug er eine Route vor, die jegliche öffentliche Aufmerksamkeit ausgeschlossen hätte. Der Delegierte der spanischen Zentralregierung in Almeria (Subdelegado del Gobierno en Almeria), ein Sozialist, unterstützte seinen politischen Gegner in El Ejido unter dem Vorwand, dass auf dem Platz, auf dem sich die DemonstrantInnen versammeln wollten, Bauarbeiten im Gange seien. Und tatsächlich war an dieser Stelle wenige Tage vor dem vorgesehenen Datum der Demonstration ein kleines Loch gegraben worden. Das SOC und die anderen Organisationen sagten daraufhin die Demonstration ab und verbreiteten diese Neuigkeit auf Flugblättern und Plakaten.
Jetzt machten sie sich an diesem Sonntag auf, um zusätzlich so viele ImmigrantInnen wie möglich persönlich über die Annullierung der Kundgebung zu informieren und um die Gemüter zu beruhigen. Denn das Festhalten an einer Demonstration, die als illegal erklärt worden war, hätte für die zahlreichen TeilnehmerInnen ohne Papiere ein zu großes Risiko dargestellt. Noch im Januar hatte das SOC einige tausend Menschen für eine große Kundgebung zusammengebracht, die ohne jegliche Zwischenfälle verlaufen war. Doch diese hatte in der Provinzhauptstadt Almeria stattgefunden, wo der Bürgermeister zwar auch Mitglied des Partido Popular ist, sich aber vernünftiger verhält als sein extremistischer Kollege von El Ejido.
Der Sonntag ist auch der Tag, an dem die ausländischen ArbeiterInnen in die Stadt gehen, um nach Hause zu telefonieren. Sie sind dann zahlreich auf den Straßen und in den Cafés vertreten. In dieser Zeit dreht die Polizei per Auto oder hoch zu Ross ihre Runden. Seit dem Beginn der Regularisierung haben sich die Kontrollen verstärkt. Dieses Vorgehen trägt nicht gerade zur Beruhigung der Lage bei. Wer ohne gültige Papiere aufgegriffen wird, riskiert die Abschiebung und verspielt jede Chance, einmal legalisiert zu werden.
Der Mord an Azzouz Hosni war am 13. Februar im Stadtzentrum von El Ejido geschehen, als er ein Café verließ, das ausschließlich von Immigranten besucht wird. In dieser Kaffeestube machen wir Rast. Die Atmosphäre im Raum ist angespannt. Doch die Leute im Café wollen über das Geschehene mit uns reden. Sie erzählen, dass die Täter dank der Aussagen einiger Zeugen identifiziert werden konnten. Einer der Täter habe inzwischen gestanden und sei im Gefängnis. Doch die Informationen sind nicht sehr präzis. Es gibt Gerüchte über weitere Übergriffe. Fast alle AusländerInnen fürchten sich davor, Klage einzureichen oder als Zeugen aufzutreten, vor allem diejenigen, die keine Papiere haben. Als ein junger Immigrant dies doch wagte, wurde er abgeschoben, obwohl ihm die Behörden vorher zugesichert hatten, dass dies nicht passieren würde.

Das Ermittlungsverfahren
Als wir im Laufe unseres Aufenthaltes beim Delegierten der Zentralregierung in Almeria empfangen werden, versichert er uns, dass die Bürgerinnen und Bürger von El Ejido keine Rassisten seien. Der Mord an Azzouz Hosni sei kein rassistisches Verbrechen gewesen. Der Täter habe dies selber bestätigt, er könne uns aber über ein laufendes Verfahren keine Auskünfte geben. Er ist etwas verlegen, weil täglich Briefe und Faxe aus dem Ausland bei ihm eintreffen, die verlangen, dass der Mord an Azzouz Hosni rückhaltlos aufgeklärt wird. Die Ermittlungen würden ernsthaft geführt, versichert er uns, er selbst trage die Verantwortung dafür. Die internationalen Medien hätten dem Ruf von El Ejido sehr geschadet, ihm gehe es darum, diesen wieder zu verbessern. Er betont, das Hauptproblem in der Region sei die hohe Anzahl von illegalen Einwanderern: «Das vom Partido Popular ausgearbeitete Ausländergesetz hat nicht genügt, die Einwanderungsflut einzudämmen. Unsere jetzige Regierung hat sich vorgenommen, die Lage zu verbessern und die 'Normalisierung' ist der erste Schritt in diese Richtung.»

Die mutigen HelferInnen
Wir treffen Mercedes Fornieles von der Organisation Fortschrittlicher Frauen (Mujeres Progresistas) in El Ejido, welche die Marokkaner während der rassistischen Ausschreitungen vom Februar 2000 mutig verteidigt hatte. Keine der sechs Frauen, die damals in ihrem Büro arbeitete, ist in der Stadt geblieben. Das fremdenfeindliche Klima, die täglichen Drohungen und auch Sabotageakte an ihren Autos haben sie zermürbt. Mercedes führt jetzt einen Campingplatz in den umliegenden Bergen. Sie kommt ein paar Tage im Monat in die Stadt, um den Kontakt mit den Leuten zu halten. Bei ihrer Ankunft wird sie jeweils sofort um Hilfe angefragt. Als wir zusammen am Essen waren, ruft sie ein Mann an, um Mercedes zu fragen, ob sie ihn zur Einreichung einer Klage zum Polizeirevier begleiten könne. Die Polizei hatte einen Marokkaner misshandelt.
In der Provinzhauptstadt Almeria teilt die LandarbeiterInnengewerkschaft SOC ein Bürolokal mit anderen kleineren Organisationen. An diesem Ort treffen sich immer viele Leute, die diskutieren und organisieren oder Hilfe und Rat suchen. Durch eine internationale Unterstützungskampagne des Europäischen BürgerInnenforums konnte das SOC den Kauf eines zweiten Lokals, dieses Mal im Stadtzentrum von El Ejido, in Angriff nehmen. In der ersten Zeit geht es darum, eine tägliche Präsenz für die dringendsten Probleme der Landar¬beiterInnen zu garantieren. Später werden zusätzlich Telefonkabinen und eine Cafeteria als Treffpunkt eingerich¬tet, die auch etwas Geld einbringen sollen. Das SOC hat mächtige Gegner in der Region: den Bürgermeister von El Ejido, die Unternehmerschaft, den Großteil der politischen Elite und die rassistischen Banden. Deshalb ist die internationale Unterstützung für die Arbeit des SOC und für die ImmigrantInnen so wichtig, zu welcher die Verbreitung von Informationen in anderen Ländern über die Situation in El Ejido gehört, aber auch sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen und sich bereit zu halten, im Notfall auf verschiedenen Ebenen zu intervenieren.

Das tägliche Leben
Gabriel und Abdelkader, zwei Vertreter des SOC für die Region von Almeria, nehmen uns mit, um verschieden 'Chabolas' zu besuchen. Dabei handelt es sich um improvisierte Siedlungen der Immigranten mitten im Gewächshausgebiet. Sie bestehen aus baufälligen Hütten, welche die Bewohner aus Plastikresten und anderem Abfallgut zusammengebastelt haben. Die Bewohner der ersten Chabola, etwa fünfzehn Männer aus Marokko, empfangen uns herzlich. Sie zeigen uns ihren Brotbackofen und ihr Badehäuschen. Beides haben sie mit Behelfsmaterialen gebaut. Sie sind gerade dabei, ein Feuer zu entfachen, um ihre Kleider und sich selbst zu waschen. Es gibt keinen Baum weit und breit. Für ihr Feuer sammeln sie alte Pfähle und anderes Abfallholz in der Umgebung. Einige der Einwanderer haben in ihrer Heimat ein Hochschulstudium abgeschlossen, andere, vor allem die jungen, reden kaum eine andere Sprache als ihren lokalen Dialekt. Es ist sehr schwierig, Spanisch zu lernen, so lange man arbeitslos ist. Nur bei der Arbeit kommt man in Kontakt mit Spaniern.
Der letzte Winter war außergewöhnlich lang und kalt. 15.000 Unternehmer, die Gemüse unter Plastik anbauen, machten in den Straßen von Almeria lautstark kund, dass sie 20 Prozent der Ernte verloren hätten. Dabei erwähnten sie natürlich nicht, dass sie diesmal den ganzen großen Rest zu sehr guten Preisen verkauft hatten. Das Versprechen von staatlicher Seite, die Verluste durch Subventionen auszugleichen, ließ nicht lange auf sich warten. In dieser Periode fanden viele der ImmigrantInnen wenig Arbeit und konnten nur dank der Solidarität untereinander überleben.
Zum jetzigen Zeitpunkt lassen die Unternehmer die Tomatenpflanzen und die der anderen Gemüsesorten in den Plastiktunnels ausreißen. Überall gibt es große Haufen dieser ausgedienten Pflanzen zwischen den Tunnels, durchmischt mit Plastikschnüren. Jetzt geht es daran, die Melonen zu setzen. Mit intensiver Düngung und Behandlung sind sie in zwei Monaten reif. Während dieser Periode braucht es nur sehr wenige Arbeitskräfte. Nach der Melonenernte wird eine längere Pause bis zum Herbst eingelegt; dann geht es mit dem Anbau von Tomaten und Paprika wieder los.
Um in den Genuss der Regularisierung zu kommen, muss der Immigrant oder die Immigrantin einen Arbeitsvertrag von mindestens drei Monaten vorweisen können. Doch welcher Unternehmer ist bereit, einen solchen auszustellen, wenn er gerade gar niemanden in seinem Gewächshaus braucht? Ein einziger Bewohner der Chabola meint, eine Aufenthaltsbewilligung bekommen zu können. Er ist seit drei Jahren hier und arbeitet seit langem für den gleichen Chef, der ihn – nach Meinung des Arbeiters – korrekt behandelt. Der Unternehmer bezahlt ihm 30 Euros für einen Achtstundentag. Der für die Provinz Almeria festgesetzte Tariflohn beträgt 37,20 Euros, aber den hat hier nie jemand bekommen.
Jeder der Bewohner hat eine dramatische Geschichte zu berichten. Wie unzählige andere haben sie das Meer in kleinen offenen Booten, den 'Pateras', überquert. Der Großteil hat es mehrere Male versucht, bevor die Überfahrt gelang. Einer von ihnen erzählt uns von seinem «schönen Abenteuer» und von seinen Hoffnungen, als er aufbrach. In Marokko hatte er zu oft seinen Mund aufgemacht, so dass ihm alle sagten, er solle lieber aufpassen. Vor allem deshalb sei er weggegangen. Sie waren 32 Personen in der Patera, davon vier Frauen. Die Fahrt dauerte vierzehn Stunden, das Meer war ruhig und glatt. Gegen Ende ihrer Reise hatte sich ihnen ein Hubschrauber genähert. Sie versteckten sich hastig unter einer Plane im Boot und dachten, jetzt sei alles verloren. Doch der Hubschrauber drehte ab. Sie landeten unversehrt am Strand, rannten in ein nahe gelegenes Wäldchen und schliefen erschöpft zwölf Stunden lang.
Die Älteren in der Siedlung sind sich einig: Das Schlimmste sei nicht «all das» – dabei zeigen sie auf die Landschaft aus Plastik und Abfall – sondern «das Schlimmste ist die Veränderung in unserem Inneren. Zuvor waren die Großzügigkeit und das Teilen untereinander selbstverständlich. Hier wird man egoistisch und überlegt zuerst lange, bis man dem anderen hilft. Man kalkuliert alles. Und es ist unmöglich, an eine Zukunft zu denken. Natürlich hätte jeder gerne Frau und Kinder, doch was könnte ich ihnen bieten? Manchmal lernt einer sogar eine spanische Frau kennen. Doch eine nähere Beziehung kommt nicht in Frage, weil sofort der Verdacht entsteht: Der will ja nur Papiere. Alles ist verfälscht – von Anfang an.»
In der nächsten Siedlung, die wir besuchen, lebt eine große Anzahl von sehr jungen Marokkanern, von denen keiner Französisch oder Spanisch spricht. Wir werden kühl empfangen, fast feindlich. Es seien bei ihnen schon viele JournalistInnen vorbeigekommen: «Sie stellen Fragen, sie filmen, aber für uns ändert sich nichts. In Marokko hat man uns im Fernsehen gesehen. Niemand hat verstanden, was wir hier machen.» Ein paar Bewohner sind dabei, ein Auto zu reparieren; andere bereiten sich darauf vor auszugehen. Es sind schöne Männer. Sie haben sich unter einer Plastikplane eine Dusche installiert; die Sonne erzeugt das warme Wasser. Die Gesellschaft zwischen den Gemüsetunnels von El Ejido ist eine Männergesellschaft. Überall verstreut existieren 'Clubs für Immigranten', in denen auch papierlose Frauen – Afrikanerinnen, Russinnen, Rumäninnen und andere – zu treffen sind.
In den Gemeinden rund um El Ejido stellen die Marokkaner nicht die Mehrheit der ausländischen Bevölkerung. Es sollen rund hundert verschiedene Nationalitäten vertreten sein. Die Bürgermeister dieser Gemeinden, die alle politisch konservativ ausgerichtet sind, machen immerhin kleine Anstrengungen vor allem im Bereich der Unterbringung der Eingewanderten, so dass bei ihnen nicht dieselbe Situation eintritt wie in El Ejido. Die meisten Zugewanderten leben in Wohnungen, oft in großer Zahl in einem kleinen Appartement. Jede und jeder muss dann eine Miete bezahlen, was schwierig ist, wenn man nicht jeden Tag Arbeit findet. Ein Senegalese erzählt uns, er arbeite für eine Genossenschaft von fünf Unternehmern mit 15 Arbeitern aus Senegal und 40 RumänIn¬nen, darunter einige, die mit ihren Kindern da seien. Die beiden Nationalitäten verstehen sich hier gut unterein¬ander. Keiner unserer Gesprächspartner kann das Gerücht bestätigen, dass die AfrikanerInnen nach und nach durch Arbeitskräfte aus Osteuropa ersetzt werden. «In Wirklichkeit», sagt man uns, «vertragen die Europäer die Hitze in den Plastiktunnels nicht. Die Unternehmer mögen die Marokkaner zwar nicht, aber sie können nicht auf sie verzichten.»

Die 'Normalisierung'
Während der letzten Jahre gab es mehrere größere Schübe von Legalisierungen papierloser ImmigrantInnen in Spanien. Die Bedingungen waren nicht leicht zu erfüllen, aber zumindest hatte der Ausländer oder die Ausländerin das Recht, den Antrag persönlich zu stellen. Bei der jetzigen Regularisierung soll dies der Arbeitgeber
oder die Arbeitgeberin tun. Die Bedingungen sind so restriktiv, dass – sehr optimistisch gerechnet – höchstens 15 bis 30 Prozent der ImmigrantInnen in der Provinz Almeria eine Chance haben, eine Aufenthaltsbewilligung zu erlangen. Es braucht einen Arbeitsvertrag von sechs Monaten in den meisten Sektoren, einen für drei Monate in der Landwirtschaft. Dazu darf der Immigrant oder die Immigrantin keinen Eintrag im Strafregister haben – weder im Ursprungsland noch in Spanien. Außerdem muss er oder sie während sechs Monaten auf der Gemeinde registriert sein. Dies ist der umstrittenste Punkt. Nur sehr wenige Eingewanderte melden sich bei der Gemeinde an, weil sie Angst vor der Abschiebung haben oder weil sie entweder in den Chabolas oder in völlig überbelegten Zimmern leben. Die Gemeinde gestattet das Wohnen in den Chabolas offiziell nicht und akzeptiert in einem überbelegten Appartement nur vier von vielleicht zwölf BewohnerInnen. Die LandarbeiterInnengewerkschaft SOC ist nicht die einzige Organisation, die von den Behörden fordert, dass auch andere Nachweise über den bisherigen Aufenthalt der Papierlosen in Spanien für die Legalisierung akzeptiert werden sollen wie z.B. die 'Sanitätskarte'. Jeder Ausländer und jede Ausländerin hat ein Recht auf diese Karte, die u. a. das Rote Kreuz ausstellt und die den Zugang zu kostenloser medizinischer Versorgung eröffnet. Bis jetzt stellen sich die Behörden jedoch stur. Inzwischen blüht der Schwarzhandel mit Dokumenten, und die Preise steigen.
Hat jemand die Aufenthaltsbewilligung bekommen, muss er/sie innerhalb von 30 Tagen bei der Sozialversicherung angemeldet werden. Auch dies ist die Aufgabe des Arbeitgebers. Er kommt dabei eher billig davon: Während der/die Angestellte 60 Euro pro Monat als fixe Summe bezahlen muss, zahlt der Arbeitgeber lediglich für die Tage, an denen gearbeitet wird. Der Arbeitgeber kann aber leicht zwei Arbeitstage offiziell für die Versicherung deklarieren, und den Angestellten trotzdem 30 Tage im Monat arbeiten lassen. Bis Mitte März sind offenbar 4.000 Anträge für eine Regularisierung in der Provinz Almeria gestellt worden. Die Behörden gehen davon aus, dass diese Zahl gegen Ende der festgesetzten Frist ansteigen wird, und sie rechnen damit, dass 12.000 bis 15.000 Menschen legalisiert werden.
Doch was wird mit allen anderen geschehen, den rund 15.000 bis 25.000 ImmigrantInnen, welche die gestellten Bedingungen nicht erfüllen? Der Delegierte der Zentralregierung in Almeria gibt uns Antwort: Erstens seien diese Zahlen wahrscheinlich weit übertrieben, meint er. Zweitens seien spezielle Brigaden von Arbeitsinspektoren bereits in der Ausbildung. Bis jetzt hätte es nur sechs Inspektoren gegeben, von denen jeder einzeln das Labyrinth der 30.000 Hektaren Plastiktunnels durchquerte. Ab dem 8. Mai, d. h. einen Tag nach dem offiziellen Ende der 'Normalisierung', soll sich das alles ändern. Die Unternehmer wollten auch saubere Verhältnisse und sie müssten künftig mit Bußen bis zu 60.000 Euro rechnen, wenn sie Leute ohne Arbeitsvertrag beschäftigen.
Die wirtschaftliche Bedeutung der Gemüseproduktion unter Plastik hat bisher das Schweigen über die unakzeptablen Arbeits- und Lebensbedingungen für die LandarbeiterInnen in der Region zementiert. Deshalb ist es wenig glaubhaft, dass plötzlich ein Kreuzzug gegen alle Unternehmer, die von dieser Situation profitieren, stattfinden soll. Viel wahrscheinlicher ist der Aufbau einer harten Repression gegen die Einwanderung mittelloser ImmigrantInnen, welche tagtäglich von der gegenüberliegenden Küste des Mittelmeeres mit den Pateras in Richtung Spanien aufbrechen und das Wirtschaftswunder von Almeria erst ermöglichen. Doch jeder weiß: Die Einwanderung lässt sich kaum aufhalten. Stärkere Einschüchterungsmethoden treiben die ImmigrantInnen nur noch mehr in die Illegalität. Sie bilden dann eine gefügige Reservearmee von rechtlosen Arbeitskräften, ohne die das Wirtschaftsmodell von Almeria nicht existieren könnte.

 


 

Das rote Goldfieber
(Von Sissel Brodal. Überarbeitete Fassung der Übersetzung aus dem Französischen von Archipel Nr. 127 / Mai 2005)

Die Delegation des Europäischen Bürgerforums hat, als sie im März in Andalusien war, zuerst Almeria besucht und danach Huelva, das Zentrum der Erdbeerproduktion. Dort verbrachte sie einige Tage in Begleitung von VertreterInnen des SOC (Sindicato de Obreros/as del Campo), sah sich die Arbeits- und Wohnbedingungen an und sprach mit den Betroffenen, den SaisonarbeiterInnen und Unternehmern.

Die Anbaugebiete der Provinzen Almeria und Huelva sind durch eine 400 km lange Straße verbunden, gesäumt von Monokulturen, Tourismuszentren und ausgedehnten Getreidefeldern, Zitrus- und Olivenplantagen. Der größte Reichtum Andalusiens ist seine Landwirtschaftsproduktion. 90 Prozent von denen, die diesen Reichtum erzeugen, sind spanische und ausländische SaisonarbeiterInnen.
Der erste Eindruck von der Erdbeerregion ist weniger erschreckend als der von Almeria, wo die Gewächshäuser riesige Plastikhallen sind und den ganzen Raum zwischen Meer und Gebirge zudecken. In Huelva sind die Gewächshäuser normale Tunnel, die nicht bis zum Atlantikufer reichen. Dazwischen wachsen noch Wälder, die ehemals diese sandige Gegend bedeckten. Sehr schnell aber wird einem klar, dass die Wolken am Horizont keinen Regen bringen, sondern aus den chemischen Fabriken aufsteigen, die in der Stadt Huelva Dünger und Pflanzenschutzmittel erzeugen. In Bezug auf Umweltverschmutzung nimmt Huelva eine Spitzenposition in Spanien ein. Hier kommt die Sonne niemals ganz durch. Ganz in der Nähe befindet sich ein Naturschutzgebiet, das aber kaum geschützt wird, obwohl es von entscheidender Bedeutung für die Zugvögel ist, welche die Meerenge von Gibraltar überqueren.

Der Zyklus des roten Goldes
In Huelva wie in Almeria sind die Landwirte nicht Großgrundbesitzer wie sonst in Andalusien, sondern ehemalige Kleinbauern und Tagelöhner, die sich in den 1970er Jahren dort angesiedelt haben. Die «Landeroberung» hat mit der Besetzung und dem Roden des öffentlichen Waldes angefangen, ohne dass irgendjemand versucht hat, dies zu verhindern. Eine Düngemittelfirma hat als erste Erdbeeren angepflanzt und dabei kalifornische Methoden angewandt. Fast sofort hat sich dies als lukratives Geschäft erwiesen, und andere sind dem Beispiel gefolgt. Dank der Technisierung der Anbau- und Bewässerungsmethoden, dem massiven Einsatz einer Vielfalt von chemischen Produkten und dem Überschuss an billigen Arbeitskräften stieg die Produktion von 6.500 Tonnen Ende der 1970er Jahre auf fast 350.000 Tonnen im Jahr 2004.
Die Produktion ist seit einigen Jahren stabil, die Anzahl der Hektar – heute etwa 7.000 – sinkt aber (um 30 Prozent in fünf Jahren), ebenso die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe. Der Grund dafür ist, dass für jede Etappe dieses Anbaus viel Geld benötigt wird: 30 Prozent der Erdbeeren wachsen unter gewöhnlichen Tunnels, die restlichen 70 Prozent unter 'Mikro-Tunnels'. Schwarzes Plastik bedeckt den Boden. Dieses wird jedes Jahr ausgewechselt, die Tunnels können zwei bis drei Jahre halten. Das jährliche Gesamtgewicht dieser Abfälle beträgt etwa 15.000 Tonnen, nur ein Teil davon wird wirklich entsorgt. Um Krankheiten und Parasiten zu vermeiden, wird der Boden mit einem Mittel desinfiziert, das seit 2005 von der EU verboten ist. Für die Regionen Almeria und Huelva wurde aber eine Ausnahme gemacht, weil es bisher kein ebenso effizientes und weniger schädliches Mittel gibt.
Die Pflanzen stammen alle von der Davis-Universität in Kalifornien, die auch Sortenschutzgebühren erhebt. Sie werden ein erstes Mal in der Region von Segovia eingepflanzt, wo das kühle Klima sie resistent macht, und im Oktober nach Huelva verpflanzt, 70.000 Pflanzen pro Hektar. Jede davon wird etwa 800 bis 900g Erdbeeren tragen. Sie müssen regelmäßig gegen ihre zwei Todfeinde, die 'rote Spinne und 'Threts' behandelt werden, einmal alle 14 Tage mit traditionellen, heute aber verbotenen Chemikalien, oder zwei bis dreimal die Woche mit zugelassenen Produkten.
Hier darf eine Studie erwähnt werden, die Ende März 2005 in Deutschland veröffentlicht wurde. (Pressemitteilung der «Grünen Liga» 2, 24. 3. 2005) Getestete Früherdbeeren aus Spanien und Marokko, die in sieben deutschen Supermarktketten verkauft wurden, enthielten zu 93 Prozent Rückstände von bis zu fünf verschiedenen Pflanzenschutzmitteln. Der Anteil des pestizidfrei verkauften Obstes sinkt von Jahr zu Jahr.
Normalerweise dauert die Ernte von Februar bis Ende Mai. Die Pflanzen werden dann ausgerissen, wenn sie am meisten produzieren, weil der einzige Vorzug der 'Huelva-Erdbeere' darin besteht, dass sie früher als alle anderen auf dem Markt ist. Der Verkauf innerhalb Spaniens beträgt weniger als ein Drittel der Gesamtproduktion. Deutschland ist der größte Abnehmer, darauf folgen Großbritannien, Frankreich und Italien. Der Handel wird über Zwischenhändler abgewickelt, welche die Ware in 70 bis 80 Prozent der Fälle an Großhandels- und Supermarktketten verkaufen. Der Landwirt hat dabei gar nichts zu sagen. Die Abnehmer bestimmen den Preis. Zu Beginn der Saison können sie bis 3,50 € pro Kilo zahlen und am Ende nur noch 0,50 €. Die Erdbeeren sind eine heikle Ware, und ist der Abnehmer nicht zufrieden, kann es passieren, dass er gar nichts zahlt. In der Obst- und Gemüsekette macht derjenige am meisten Profit, der am weitesten von der Produktion entfernt ist.
Die vielen Besitzer von zwei bis drei Hektaren sind oft sehr verschuldet. Ihr finanzielles Gleichgewicht ist so labil, dass sie meistens nur ein einziges schlechtes Jahr überstehen können. Viele müssen aufgeben. Nur die, die schon groß sind, wachsen weiter. Sie sind es auch, die hinter der einzigen wirklichen Konkurrenz für die 'Huelva-Erdbeere ' stehen: die Erdbeere aus Marokko. Dort ist die Sonne noch wärmer und die Arbeitskraft noch billiger. Die großen Unternehmer aus Huelva siedeln sich dort an und produzieren Erdbeeren zur Hälfte der Kosten. 90 Prozent der marokkanischen Erdbeeren sind spanisch und werden oft als solche verkauft, über dieselben Kanäle. In Huelva fördern die gleichen Unternehmer die Diversität: Auf Hunderten von Hektaren blühen jetzt Pfirsiche, Himbeeren und anderes Kleinobst. Auch das erfordert große Investitionen.

Arbeitsmarkt oder Schlachtfeld?
Es kostet 0,80 €, um ein Kilo Erdbeeren zu produzieren. Davon sind bis zu 70 Prozent Lohnkosten. Dies ist der einzige Posten des Budgets, bei dem der Unternehmer einen gewissen Spielraum hat. Unter solchen Umständen verwandelt sich der Arbeitsmarkt schnell in ein Schlachtfeld, auf dem alle Methoden, von denen man annimmt, dass sie die Kosten senken werden, zum Einsatz kommen. Das älteste und wirksamste Rezept ist, einen Überschuss an Arbeitskräften zu schaffen.
In Almeria ist der Boom des Sommergemüses in Winterzeiten vor allem durch die ausländischen Arbeiter möglich geworden. Die Erdbeeren hingegen wurden während Jahren von spanischen TagelöhnerInnen geerntet. Jede Provinz verhandelt die Kollektivverträge separat aus. In den beiden Provinzen Almeria und Huelva sind die Arbeitsbedingungen die schlimmsten, die Löhne die niedrigsten, und dort werden die Kollektivverträge am wenigsten eingehalten. Die Arbeit in den Erdbeerplantagen ist gänzlich saisonbedingt, und die große Mehrheit der Arbeitskräfte kommt nur für die Ernte. Dies erschwert jegliche gewerkschaftliche Organisation.
Diejenigen unter den spanischen Tagelöhnern, denen es möglich ist auszuwählen, ziehen daher andere Ernten vor oder arbeiten auf dem Bau. Seit etwa zehn Jahren haben Afrikaner und andere Ausländer ihren Platz eingenommen. Anfänglich sind diese Ausländer, ob «legal» oder «illegal», eher verwirrt und relativ leicht auszubeuten, mit der Zeit werden sie aber unbequemer und stellen Forderungen. Im Jahr 2001, nach langen und harten Kämpfen, vor allem der Marokkanern, erhielten mehrere Tausend von ihnen eine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung. Dann plötzlich, im Neujahr 2002, brauchten die Unternehmer sie nicht mehr – sie hatten 7.000 Frauen aus Polen und Rumänien mit 'Herkunftsverträgen' (contratos en origen) kommen lassen. Männer aus dem Süden standen auf einmal unter unbeschreiblichen Bedingungen ohne alles da: Arbeit, Wohnung, Geld, Lebensmittel. (Siehe Archipel Nr. 96, Juli 2002.)
Seither ist diese Organisation zur Regel geworden: Auf der einen Seite die spanischen TagelöhnerInnen und mehr und mehr Frauen aus Osteuropa mit Herkunftsverträgen, auf der anderen die Reservearmee, vor allem Männer aus dem Süden, mit oder ohne gültige Papiere. Sie hausen in Chabolas, zusammengestückelte Hütten aus Plastik- und Kartonresten. In Perioden mit wenig Arbeit geschieht es oft, dass Wächter und Polizei die Unterkünfte niederreißen und die Bewohner in die Wälder vertreiben, damit sie niemand sieht. Auf dem Höhepunkt der Saison wird es toleriert, dass sie sich wieder in der Nähe der Höfe niederlassen. Die Landwirte holen sie zur Arbeit für eine lächerliche Summe, wenn es viel zu ernten gibt, am Abend, an Sonntagen oder ganz einfach, wenn sie den anderen klar machen wollen, dass es immer noch eine Reserve gibt, die bereit ist zu arbeiten – egal zu welcher Zeit und zu welchem Preis.

Die Herkunftsverträge
Die ErdbeerpflückerInnen werden von Jahr zu Jahr zahlreicher, heuer schätzt man an die 70.000 temporär Beschäftigte während der Saison. Die Anzahl der Frauen mit Herkunftsverträgen steigt auch, von 7.000 im Jahr 2002 auf 22.000 in der Saison „004/2005. Als Grundlage dieser Verträge dienen bilaterale Abkommen, die Spanien mit sieben Ländern, darunter Polen, Rumänien, Bulgarien und Marokko, abgeschlossen hat. Sie ähneln sehr den schweizerischen Saisonarbeitsverträgen, die heute abgeschafft sind, oder den 'OMI-Verträgen' in Frankreich (siehe dazu in: «Bittere Ernte – Die moderne Sklaverei in der industriellen Landwirtschaft Europas», EBF, Basel 2004.) Die Saisonarbeiterin unterschreibt den auf Spanisch aufgesetzten Vertrag, in ihrem Heimatland, für eine Dauer von zwei bis neun Monaten. Der Unternehmer verpflichtet sich, die Reisekosten zu tragen und die Unterkunft zur Verfügung zu stellen. Meistens sind die Wohnquartiere bescheidene, um einen Innenhof angelegte, Zimmer, wo sich mehrere Frauen einen Schlafraum teilen müssen. Kollektive Duschen, Waschmaschinen und Kücheneinrichtung gehören zur Ausrüstung. Dafür muss jede 10 Prozent ihres mageren Lohnes von 31,14 € pro Arbeitstag von sechseinhalb Stunden abgeben.
Die Vertreter des SOC meinen, dass kein einziger Unternehmer die Kollektivverträge vollständig einhält. Die Frauen, die es wagen, sich an die Gewerkschaft zu wenden, bringen zahlreiche Klagen vor: über Chefs, die ihre Pässe und Rückfahrkarten beschlagnahmen, die Zimmerschlüssel bei sich behalten und in den Schlafräumen ein- und ausgehen, die «Polizeistunde» festlegen und Besuche in den Unterkünften verbieten, die sich aufführen, als ob sie Inhaber eines Harems wären. Die Arbeit ist hart, nicht alle schaffen es, die (illegal) vorgeschriebenen 40 Kisten von 4-5kg Erdbeeren pro Tag zu ernten. Viele arbeiten aber auch nicht jeden Tag, weil der Chef ständig auswählt, wer arbeiten «darf». Dies schafft ein Klima der Unsicherheit und provoziert Feindschaften unter den Frauen, weil einige versuchen, dem Chef genehm zu sein, um so oft wie möglich «arbeiten zu dürfen». Sie werden nur für die geleisteten Arbeitstage entlohnt, müssen aber den vollumfänglichen Sozialversicherungsbeitrag von 60 € im Monat entrichten, auch für die Renten- und Arbeitslosenkassen, obwohl sie von diesen nie Leistungen in Anspruch nehmen werden. Einige zahlen nicht, ganz einfach weil sie nicht wissen, dass sie es müssen, aber eines Tages kommt die Rechnung. Sie kann ganz schön gesalzen ausfallen, vor allem für diejenigen, die sich für neun Monate verpflichtet haben (von den Pflanzungen bis zum Ausreißen der Pflanzen) und nur die Hälfte oder weniger von der Zeit gearbeitet haben. Möglichkeiten, anderswo (legale) Arbeit zu suchen, gibt es nicht. Manchmal sind sie bei der Rückfahrt ärmer als bei der Ankunft. Deswegen versuchen viele, sich im informellen Sektor durchzuschlagen, und bleiben in Spanien. Das Leben setzt sich durch. Trotz allen Anstrengungen, Kontakte zwischen spanischen Männern und osteuropäischen Frauen zu verhindern, nimmt die Zahl der gemischten Ehen zu.

Die Legalität, vor allem die Legalität
Die Erdbeerfelder erwecken den Eindruck eines riesigen Experimentierfelds, wo moderne Methoden der Arbeitsorganisation ausprobiert werden und wo in einer ständigen Rotation, die einen die anderen ersetzen: Die Ausländer ersetzen die Einheimischen, die «Illegalen» die «Legalen», die Frauen die Männer, die «Legalen» die «Illegalen», und neue Varianten werden noch dazukommen. Die Herkunftsverträge werden als ein Mittel gegen die Schattenwirtschaft und die Schwarzarbeit dargestellt. Sie sind keineswegs eine spanische Erfindung, ähnliche Verträge gibt es unter anderen Namen in vielen europäischen Ländern. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die VertragsnehmerInnen haben fast genauso wenig Rechte wie Illegalisierte, dazu kommen einige Verpflichtungen, vor allem an die Staatskasse. Dies ist der Preis der Legalität. Oft sind die Verträge aber der erste Schritt in die «Illegalität». Um dies zu verhindern, reicht es nicht – wie oft in Huelva der Fall – Frauen auszuwählen, die Mann und Kinder zu Hause haben, im Gegenteil: Besonders sie müssen Geld mit nach Hause bringen.
Für die Saison 2005 haben mehr als 800 Frauen aus Marokko Herkunftsverträge unterschrieben. Die marokkanische Presse ist beunruhigt: Wie werden sie sich verhalten? Werden sie nach Hause zurückkehren? Werden sie verstehen, dass der Ruf Marokkos als Lieferant von Arbeitskräften auf dem Spiel steht? Um diesen Ruf zu schützen, «muss Marokko alles tun, um die illegale Immigration zu verhindern». (Maroc Hebdo, 2. 1. 2005) So wie es die Europäische
Union auch tut. Im April 2005 hat sie 9,5 Milliarden Euro des Budgets 2007-2012 für den «Kampf gegen den Terrorismus und für die Sicherheit» bewilligt. Der größte Posten darunter? Der «Kampf gegen die illegale Einwanderung» – fast 6 Milliarden Euro. In beiden Fällen stehen die marokkanischen Männer zu oberst auf der Liste der Betroffenen.

 

 


 

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verfasst von Sissel Brodal,  03.10.2005, eingestellt von martin.admin
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