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WISSENSCHAFT: Technologie in der Agonie

Vor 25 Jahren Tschernobyl, heute Fukushima. Und morgen?
Die Einstufung des Atomunfalls in Japan mit 7 auf der Bewertungsskala für nukleare Ereignisse setzt die beiden Katastrophen annähernd gleich. Wie es einer der zahllosen Kommentatoren dieser zwei Ereignisse ausdrückte, ist «die Atomkraft die gefährlichste Art und Weise, Wasser zum Kochen zu bringen». Mit dieser humoristischen Ausdrucksweise wird verdeutlicht, dass die enorme Kraft des Atoms auf noch extrem primitive Weise zur Anwendung kommt.
Es sei an die wenigen vor kurzem von Tepco verbreiteten Fotos erinnert, welche die progressive «Wiederinbesitznahme» der Einrichtungen des AKWs durch Techniker zeigen. Man sieht dort nichts anderes als die von Taschenlampen erleuchtete Szenerie eines unterirdischen, von Trümmern übersäten Parkplatzes, auf dem einige schwer erkennbare Figuren unter Plastik in ihren Strahlenschutzanzügen umherirren. Fünf Jahrhunderte Entwicklung von Wissenschaft und Technik waren nötig, um an diesen Punkt zu gelangen. Wie in Tschernobyl werden «Liquidatoren» mit Schaufel und Schraubenzieher ausgesandt, um die Stromversorgung des AKWs von Hand und mit Hilfe von Bindfäden wiederherzustellen. Denn wie in Tschernobyl fallen Roboter unter der Strahlung aus, die deren elektronische Schaltkreise verbrennt und lahm legt. Allein der Mensch als nicht so anfälliger «Bioroboter» kann unter solchen Bedingungen tätig werden. Doch auch er wird verbrannt, nur in einem größeren Zeitraum. Für die Atomindustrie «ist der Mensch das wertvollste Kapital» (Stalin): Sie verschleißt diesen in beträchtlicher Menge, sei es als Zeitarbeiter im Normalbetrieb oder als «Liquidator» in außergewöhnlichen Momenten.
Nukleare Reaktionen werden nicht «beherrscht», sie werden lediglich in sehr engen Grenzen im Zaum gehalten, eingezwängt in ein System mechanischer Schutzumhüllungen. Hören so simple mechanische Elemente wie eine Wasserpumpe auf zu funktionieren, gibt es nichts mehr, was die «Exkursion» des Reaktors, wie es in der blumigen Sprache der Nukleokraten heißt, behindert. In Fukushima gab es mehrere Wochen lang keine Elektrizität, nichts, um die Pumpen und Maschinen zum Laufen zu bringen, und dies direkt neben einem monströsen Energielieferanten. Grausame Dialektik von Herr und Sklave, wenn die Maschine, die allen anderen Maschinen Leben einhaucht, «revoltiert», unkontrollierbar wird und keine anderen Maschinen ihr Einhalt gebieten können ausser möglicherweise einige «Bioroboter».

Primitive Technologie

Die Atomtechnologie, auf die sich mancher etwas einbildet, befindet sich in einem noch recht primitiven Stadium. Wie beim Forschungsreaktor ITER1 weiß man, wie nukleare Reaktionen auszulösen sind, aber hat keinerlei Kenntnis darüber, wie das am meisten energiegeladene und gefährlichste Produkt dieser Reaktionen einzufangen ist – der Regen von Neutronen und anderen Teilchen, die dabei entstehen. In der Not begnügt man sich also damit, das Nebenprodukt – die Wärme – zu nutzen, um eine Turbine mit Dampf anzutreiben, wie bei den guten alten Lokomotiven des 19. Jahrhunderts.
Zurück auf Start: «Das Modernste ist zugleich auch das höchst Archaische»2. Dies ist die wahrhafte Devise der Atomkraft.
«Die Atomkraft ist die Energie einer strahlenden Zukunft (Sicherheit für Familien, gesunde Haushaltung)!» verkündet eine Arkade im Stadtzentrum von Futaba, 3 km vom AKW Fukushima Daiichi entfernt. «In dieser menschenleeren Landschaft (…) stehen sich zwei Welten gegenüber: Die des Überflusses von gestern, Erbe der Atomkraft und die des Nichts von heute, ebenfalls Erbe der Atomkraft. Der AKW-Betreiber ließ über der Region hunderte Milliarden Yen an Subventionen niederregnen, um die Einwohner zur Akzeptanz für das Errichten dieses immensen Atomkomplexes zu bewegen.» Dies teilt uns ein Journalist mit, der die Sperrzone um das japanische AKW besucht hat (Le Figaro vom 19. April 2011).
Überall dort, wo AKWs stehen – in Frankreich wie in Japan – arbeiten Nukleokraten an der Vertuschung des Unfalls. Überall werden Resignation, Schweigen, Vergessen und Leugnung auf die gleiche Weise erkauft. Das Risiko ist nicht zu ermessen und unvorstellbar, außer man erlebt es am eigenen Leibe – das heißt dann, wenn es zu spät ist. In einer Werbung von EdF3 wurde vor einigen Jahren proklamiert: «Die Atomkraft ist da. Sie ist da im gedämpften Licht. Sie ist da in jeder Note Musik. Sie ist da im vertrauten Brummen der Waschmaschine. Hinter dem Fernseher. Selbst in unseren kleinen Mahlzeiten. In jeder unserer täglichen Verrichtungen ist Atomkraft da. (…) Es ist Atomkraft (…), die uns Mangel an Elektrizität erspart. Wir kommen nicht ohne sie aus. Und unseren Wohlstand und unseren Frieden verdanken wir EdF.» Im Fall eines Unfalls sind die Strahlen da, unsichtbar und nicht zu greifen; jede unserer täglichen Verrichtungen wird jedoch beeinflusst: Unser schleichendes Dahinsiechen, unsere Verstörung und unsere Angst angesichts einer mysteriösen, heimtückischen und Verderben bringenden Kraft verdanken wir der Atomenergie. Diese «zwei Welten» sind lediglich die zwei Seiten derselben Münze - Falschgeld, das uns der Überfluss der Warengesellschaft gebracht hat.
Der Überfluss, den uns die Atomkraft bringt, ist tatsächlich nichts anderes als ein «Überfluss an Enteignung». Als Guy Debord diesen Ausdruck vor 40 Jahren gebrauchte, dachte er nicht speziell an die Atomkraft, sondern er wollte den Überfluss generell charakterisieren, der in den entwickelten Industriegesellschaften herrscht, wo damals, infolge von Wirtschaftswunder und der «glorreichen 30 Jahre» bis in die letzten Nischen des täglichen Lebens die Warenwirtschaft vordrang. Die Atomindustrie ist einfach nur die Spitze dessen, was er Spektakel nennt, das heißt Geheimniskrämerei, Lüge, Propaganda und, schlimmer als alles, Verkehrung des Reellen, die darin besteht, eine Sache für das exakte Gegenteil dessen auszugeben, was sie in Wirklichkeit ist.
Und jetzt, da die Maske fällt, stellt der Archäologe Laurent Olivier mit Bitterkeit fest: «Es war uns gegeben, vor den anderen zu sehen, was von unserer Epoche bleiben wird, wenn ihre Zeit kommt. Nennen wir es ihre Archäologie, denn darum handelt es sich. Wir haben gesehen, woraus unsere Welt gemacht ist: weit und breit uns fremde Dinge, die uns erdrücken. Du wirst in der Unermesslichkeit von Schutt graben können; schon heute kannst du dich umschauen: Es gibt keine Humanität in dieser Anhäufung von unförmigen Trümmern, nichts von Menschenhand Gefertigtes, nicht mal ein Kinderspielzeug. Alles ist synthetisches Produkt, von Maschinen ausgespuckte Materie. Jedoch ist das, was du suchst, der du in der Hoffnung gräbst, etwas zu retten: just einen kleinen Rest Menschlichkeit.» (Libération, 25 April 2011)

Unfall einer Zivilisation

Über die notwenige, noch immer nicht von allen begriffene Infragestellung der Atomkraft hinaus prägen sich jedoch in der öffentlichen Meinung, zumindest bei bestimmten Berichterstattern, viel weitergehende Überlegungen aus. So erklärte der österreichische Physiker Wolfgang Kromp nur wenige Tage nach Beginn der Katastrophe von Fukushima: «Auf jeden Fall ist der Moment da für die Feststellung, dass Schluss sein muss mit dem Glauben, die Natur wäre mittels Technik zu bezwingen. Die Warnungen häufen sich. (…) Eine Welt mit mehr Sicherheit kann nur eine Welt sein, die der Natur mehr Respekt entgegenbringt und Mäßigung eher bestärkt als die Befriedigung maßloser materieller Begierden.» (Le Monde, 15. März 2011)
Und mehr als einen Monat später bemerkte der Le-Monde-Journalist Stéphane Foucart, der bisher als eher unkritisch aufgefallen ist: «Das, was sich in dem japanischen AKW abspielt, ist nicht mehr nur ein Industrieunfall ersten Grades. Hier muss von einem Unfall der Zivilisation gesprochen werden. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat sich die westliche Welt als eine auf Wissenschaft und Technik beruhende Zivilisation par excellence hervorgetan, die dem Rest der Welt einen Entwicklungsweg vorgelebt, oder eher aufgezwungen, hat, wo ökonomisches Wachstum in entscheidendem Maße auf technischer Innovation beruht. Denn wir setzen menschlichen Fortschritt sehr einseitig mit technischem Fortschritt gleich und rücken jede anderweitige Erwägung, sei sie politischer, sozialer oder moralischer Art, in den Hintergrund. (…) In dem japanischen AKW löst sich das Versprechen von der Beherrschung der Welt und der Kontrolle über die Natur in Rauch auf. Die Katastrophe von Fukushima führt uns vor Augen, wie in dem Land, das auf diesem Gebiet am weitesten vorgeprescht ist, Wunder der Technik nicht mehr bedingungslos und willfährig im Bunde mit ihrem Schöpfer sind. Sie werden ihr eigener Herr und Meister, jenem zum Widersacher und gebieten über ein Territorium, von dem der Mensch auf Dauer vertrieben ist. Diese Katastrophe ist ein Appell zum Überdenken unserer westlichen Vorstellung von menschlichem Fortschritt, verstanden als lineare Funktion technischen Fortschritts.» (Le Monde, 10/11. April 2011)
Ein Durchdenken dieses technischen Fortschritts wäre vielleicht nötig gewesen, um schon in normalen Zeiten seines extrem mörderischen Charakters gewahr zu werden. Denn Technik war vor allem der bedingungslose Verbündete ganz bestimmter Menschen, um gewisse andere zu beherrschen, sie ihrer Würde und Existenz zu berauben. Um dahin zu kommen war es notwendig, alle Bewohner von ihrem Territorium zu verjagen, sie zu enteignen und jegliche Opposition und Kritik dauerhaft zu unterdrücken. Erst dann konnten industrielle und andere Anlagen errichtet werden. In den 70er Jahren war dies in Frankreich und Japan zu beobachten. Es ist heute immer noch gang und gäbe in Indien, in China und anderen sogenannten «Entwicklungsländern». Technik beherrscht unsere Existenz und alle Verrichtungen, die nicht mit ihrer Hilfe geschehen, werden verbannt aus unserem täglichen Leben, in dem Auto, Fernseher, Handy, Computer etc. dominieren. Das alles muss man bewusst erkennen wollen. Man muss sich bewusst erinnern, «wie es früher gemacht wurde» – ohne all diesen Firlefanz. Deshalb müssen wir noch lange nicht «technologiefeindlich» sein (wie Foucart in seinem Artikel bemerkt): Es reicht schon, wenn wir versuchen «uns das, was wir tun, bewusst zu machen» (Hannah Arendt), wenn wir versuchen zu verstehen, wie wir leben und auf wessen Kosten.

Nukleare Omerta

Dass erst eine Katastrophe, wie in Fukushima, geschehen muss, damit solche Fragen auftauchen, zeigt doch, wie sehr sich diese Zivilisation von Technik beherrschen lässt: Wie jedes andere Herrschaftsverhältnis wird auch dieses nicht zwangsläufig reflektiert, diskutiert, analysiert oder gar in Frage gestellt. Es gliedert sich in den «normalen» Lauf der Dinge ein, der natürlich von Zeit zu Zeit «überdacht» werden muss, auch, um Fehlfunktionen den Anstrich gewöhnlicher Begleiterscheinungen geben zu können. Foucart hat nicht unrecht, doch leider treibt er seine Analyse nicht allzu weit, (andernfalls wäre er nicht Journalist bei Le Monde): Ohne eine Überwindung der herrschenden Industriegesellschaft wird auch die Atomkraft nicht überwunden werden. Vom «westlichen Verständnis von Fortschritt» wegkommen hiesse, zuallererst das Argument auszuräumen, dass Wissenschaft und Technik das Maß des Wohlergehens der Menschheit bestimmen. Gewiss, die Fortschrittsidee hat seit mehreren Jahrzehnten schon Blei und andere Schwermetalle in den Flügeln – ganz zu schweigen vom Uran. Aber das Streben nach Macht und Herrschaft über Natur und Menschen, die dieser Idee zugrunde liegt, ist immer noch vorhanden. Diese überdauert als Antrieb der Wirtschaft und technischen Entwicklung sowie der damit Hand in Hand gehenden Wissenschaft.
Und vor allem stellt sich die Frage: «Was tritt an die Stelle?», wie kann das gesellschaftliche Leben anders organisiert werden? Man kann natürlich das «Projekt der sozialen Emanzipation» wiederbeleben, das mit der Arbeiterbewegung entstanden ist, aber wer weiß noch, was sich damit verbindet? Und vor allem, welche Bedeutung hat das heute? Der Autor Guy Bernelas schreibt dazu:
«Man sieht allzu deutlich, wie das Beschwören von Nullwachstum denen zum Wohl gereicht, die sich im Geißeln der Auswüchse und des Verfalls üben, an die diese Gesellschaft sich ausliefert. Zugleich finden jene dort immer noch genügend Vorteile, um eine ernsthafte Opposition dagegen gar nicht erst in Betracht zu ziehen.»4 Und vor allem, Nullwachstum definiert sich nur negativ (üben von Verzicht, um selbst nicht am Wachstum beteiligt zu sein) und diese Negation ist sehr unscharf, sie baut nicht auf eine Kritik an falschen Bedürfnissen und an der Warendynamik generell oder gar an der Rolle des Staates.
Dennoch, so fährt Bernelas fort, «ist die heutige Welt voller Wissen: Es gibt ausreichend theoretische und praktische Kenntnisse, um die Perspektive, von der wir sprechen, mit Substanz zu unterfüttern.» Voller Wissen, aber «ohne tiefgreifendes Verständnis: Das Denken kollidiert ständig mit jenem Teufelskreis, in dem die technische Maschinerie als Amme und die Bevölkerung als Säugling so sehr in Symbiose leben, dass dieser, inzwischen geschädigt und durch die eingegangene Verbindung physisch und moralisch beeinträchtigt, doch nicht von ihr ablassen will, auch wenn er das Verderbnis ahnt. (…)».
Und häufig genug gibt es keinerlei Vorstellung davon, wie eine verlorene Selbstbestimmung wieder gewonnen werden kann.
Vielleicht ist es tatsächlich der Gedanke von Selbstbestimmung, der auf schmerzliche Weise fehlt. Denn während wir darauf warten, schafft die Atomindustrie seit einem halben Jahrhundert Bedingungen, die jedes «Zurück zum Anfang» verhindern, und führt uns immer tiefer in die industrielle Ausweglosigkeit. Sie ist zu einer politischen Kraft von außerordentlicher Bedeutung geworden. Sie hat die Umwelt auf Generationen hinaus verseucht.
Und schon zu lange wurde der Kampf gegen sie sträflich vernachlässigt.


*Bertrand Louart ist zudem Redaktor von «Notes & Morceaux Choisis, bulletin critique des sciences, des technologies et de la société industrielle», Editions La Lenteur, 127 rue Amelot, F-75011 Paris
1. International Thermonuclear Experimental Reactor - Gigantische Maschinerie zur experimentellen Beherrschung der Kernfusion. Wird in Südfrankreich gebaut.
2. Guy Debord, La société du spectacle, Gallimard 1967.
3. Electricité de France, staatlicher Energieversorger in Frankreich.
4. Guy Bernelas, La robe de Médée, considérations sur la déclination des abeilles, 2006, distribution L’Ange Bleu, 7 rue de la Saulnerie, F-41100 Vendôme, France.
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verfasst von Bertrand Louart* Radio Zinzine,  28.07.2011, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 195 (07/2011)

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