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ZEITGEIST: Zeugenbericht aus Syrien

Seit zweieinhalb Jahren erreichen uns erschütternde Nachrichten aus Syrien.1
Am 21. August 2013 erleiden 3600 Menschen schwere Vergiftungen durch einen Gaseinsatz, 355 von ihnen sterben2.


Je mehr Zeit vergeht, desto unverständlicher erscheinen die Tatsachen und Ereignisse für jene, die dieses Land nicht wirklich kennen.
Die Fragen, die diese Revolution hervorruft, beschäftigen die ganze Welt, schon alleine aufgrund der Unfähigkeit der internationalen Organisationen zu intervenieren. Die UNO befindet sich in einer beispiellosen Krise, zerrissen zwischen dem Anspruch, die Ausbreitung und Verwendung von chemischen Waffen (aber auch atomaren und biologischen) zu reglementieren und dem aktuellen Vetosystem, welches die Diktaturen schützt. Die Probleme von Nichteinmischung stehen im Widerspruch zu den menschlichen Bedürfnissen (aber auch zu den ökologischen, klimatischen und energetischen…). Die Krise, die durch den syrischen Konflikt ans Tageslicht tritt, betrifft die ganze Welt.
Einer der auffallensten Fakten ist, dass alle Medien von Geopolitik sprechen, dass man aber nie die Syrer selbst anhört! Dies ist eine extrem schmerzhafte Erfahrung für diese, da sie an eine internationale Solidarität geglaubt hatten. Und die Verbitterung, die daraus entsteht, hat sicherlich zu einer Radikalisierung der Positionen beigetragen, zu einem Rückzug auf überholte Werte.


Folgen der Ereignisse in Tunesien


Es ist klar dass die Explosion Tunesiens die syrische Situation ausgelöst hat: Kinder von Dera’a, einer kleinen Provinzstadt im Süden, hatten auf Mauern das geschrieben, was die ganze arabische Welt lautstark forderte, was man auf allen Fernsehschirmen (außer den syrischen) sehen konnte, das, was ihre Eltern voller Hoffnung aussprachen:


Freiheit!


Sie wurden entführt, gefoltert. Die Familien wollten ihre Kinder befreien und wurden beschimpft: «Wenn euch eure Kinder fehlen, macht doch neue, und wenn ihr nicht wisst, wie das geht, machen wir sie mit euren Frauen….»
Das war zu viel! Von da an breiteten sich Zorn und Wut über das ganze Land aus. Diesem Zorn lag eine tiefe Frustration zugrunde über die Repression, die seit so vielen Jahren das Land abriegelt. Die Straßen wurden von riesigen Menschenmassen eingenommen mit dem Schrei: «Freiheit, Freiheit, Freiheit!» Und auch: «Das syrische Volk ist eins!» Und ebenfalls: «Wir sind Pazifisten.»
Gegen eine nie da gewesene Repression kam sehr schnell der Slogan «Nieder mit dem Regime» auf, und jeder verstand dies als eine unausweichliche Bedingung für eine Veränderung.
Das syrische Regime: seit 29 Jahren (der Vater) und 13 Jahren (der Sohn), das macht zusammen 42 Jahre. Eine Familie, ein Clan an der Macht, gestützt auf ein geschlossenes System, welches sich «fortschrittlicher» Propaganda bedient. Diese Leute sind Virtuosen der Doppelzüngigkeit.
Die Methoden sind Polizeirepression, Rechtlosigkeit, Fehlen von Informations- und Meinungsfreiheit, Klientelismus.


Eine Stadt wird bestraft


Auf Initiative der Muslimischen Brüder lehnte sich 1982 die  im Zentrum des Landes gelegene Stadt Hama auf. Die Unterdrückung dieses Volksaufstandes forderte Tausende von Opfern. Die Stadt wurde bestraft: Die Menschen wurden in Massengräbern begraben und die Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Was wusste man davon: Die Zufahrtsstraße wurde während einer Woche gesperrt. Während einer Woche sickerte nichts durch, und in Damaskus fragte man sich in Ruhe: «Irgend etwas muss in Hama passiert sein, man sagt die Straße sei gesperrt». In den Medien natürlich kein Wort darüber.
Die Telefonverbindungen waren unterbrochen, und damals gab es weder Mobiltelefone noch Internet. Danach hörte man von Horrorszenen, die manche stutzig machten: «Es ist so enorm, dass es nicht möglich erscheint».
Doch einige Zeit später öffnete man die Massengräber, um den Kadavern die Identitätskarten abzunehmen und die Erb- und Nachfolgeprobleme zu lösen…, und auf den Trümmern des zerstörten Stadtteils wurden auf zynischerweise unter anderem ein 5-Sternehotel, das zentrale Polizeikommissariat und das Gebäude in dem die Baath-Partei ihren Sitz hat, errichtet.
Die Stadt wurde bestraft. Denn das Regime funktioniert auf archaische Weise, im Gegensatz zum modernen Bild, welches es von sich selbst zu geben versucht. Man bestraft Familien, das Viertel, die Stadt, die sich «falsch» verhalten haben. Und dies für immer. Aufs ganze Land übertragen könnte man sagen: Die Offiziere die damals desertierten, um nicht auf die Massen schießen zu müssen, wurden bestraft: Ihre Familien, ihr ganzes Dorf wurden massakriert, rebellische Stadtviertel wurden dem Erdboden gleichgemacht.


Im Exil


Die Mitglieder der Muslimischen Brüder wurden damals massenweise gefangen genommen, wenn sie nicht umgekommen sind. Ihre Familien mussten flüchten und sie und ihre Kinder befinden sich unter den Exilierten die für den Niedergang des Regimes kämpfen, zusammen mit Exilierten der anderen Parteien, den Kommunisten und ähnlichen Gruppen, den  Geschäftsleuten, die vor der Korruption geflüchtet sind, und den Intellektuellen, deren Stimme verboten wurde.
Einer unserer Bekannten, ein junger Mann von 18 Jahren, fühlte sich in der Zeit in Gefahr, er wollte ins Ausland gehen. Er wollte sich einen Reisepass machen lassen und ist dabei spurlos verschwunden. Seine Mutter ging in die große Moschee von Damaskus um zu beten, dass Hafez el Assad ihren Sohn wiederfinden soll! Zu der Zeit glaubten viele Leute, dass Hafez ein guter Mensch sei, im Gegensatz zu seinem Bruder Rifaat, der einem Dämon gleichkommt (Rifaat lebt bequem in Europa zwischen Paris, Marbella in Spanien und London, nachdem er in Ungnade gefallen war, weil er den Platz seines Bruders einnehmen wollte). Alle Eingaben und Bitten gegenüber den Mächtigen des Geheimdienstes und beachtliche Summen an Schmiergeldern konnten den jungen Mann nicht zurückholen. Eines Tages, 18 Jahre später, ist er wieder aufgetaucht, geistesgestört. Ein lebendiger Toter. Er war in Palmyra eingesperrt gewesen, ohne jegliche Anschuldigung, geschweige denn einem Prozess. Wie viele sind niemals zurückgekehrt?


Terror


Man könnte Hunderte solcher Geschichten erzählen. Das Klima war so erstickend, dass viele nicht an die Schauergeschichten glauben wollten, aber mit der Zeit und den zunehmenden Ungerechtigkeiten, dem Verschwinden von Menschen, den Inhaftierungen ohne Anklage, der Korruption, dem Klientelismus, ließen die Hoffnung auf eine Öffnung bei Bachars Machtübernahme schnell erlöschen und haben jegliches Vertrauen auf eine Erneuerung des Regimes vollkommen zerstört.
Dieses Terrorsystem wurde von Michel Seurat (später von einer schiitischen Miliz im Südlibanon entführt und in Gefangenschaft umgekommen) in seinem Buch «Der barbarische Staat» genauestens beschrieben.
Das Machtsystem stützt sich auf die Baath-Partei, oft als eine Art sozialdemokratische arabische Partei betrachtet… Hafez al Assad hatte sie sich jedoch sehr bald zu einer sogenannten weltlichen Fassade instrumentalisiert, die historischen Führer wurden entweder umgebracht oder sie gingen ins Exil. Einige Mikroparteien ohne Mitspracherecht befinden sich in ihrem Umkreis, um den Anschein von Pluralismus zu erwecken. Die Wahlen sind reine Maskerade, zum Beispiel die letzte «Wahl» für eine Erneuerung der Verfassung - auf die Schnelle, am Anfang der Revolution: Den Fahrgästen der öffentlichen Busse, die aus den Vorstädten kommend am Eingang der Stadt von der Polizei kontrolliert wurden, wurden ihre Identitätskarten abgenommen, sie bekamen ihre Ausweise nach einer Weile mit dem Stempel «hat gewählt» zurück : Ein Beamter hatte die Ausweise auf die Wahlkanzlei getragen und an ihrer Stelle gewählt! Dies ist ein «softes» Beispiel. Es gibt andere, wesentlich gewalttätigere, wo Passanten gezwungen wurden, zur Wahl zu gehen. Andere, aus Betrieben wurden in Gruppen zum Wählen gefahren…


1. 100 000 Tote durch konventionelle Waffen (übereinstimmende Schätzungen), ebenso viele Verschwundene (Schätzungen), ebenso viele Gefangene (Schätzungen), 2 Millionen Flüchtlinge in den Nachbarländern (Zahlen des UNHCR), darunter 4150 Kinder ohne Begleitpersonen! (UNHCR), 4,5 Millionen interne Flüchtlinge (UNHCR), massive Flucht der aktiven Bevölkerung des Landes. Bombardierungen, Skuds, TNT-Fassbomben, chemische Waffen, Phosphor, Chloringas, Ausradierung von ganzen Stadtvierteln… Diese Zahlen stammen von Mitte September 2013.
2. Laut MSF.

verfasst von Irène Labeyrie2 Damaskus,  05.11.2013, eingestellt von ute
Thema Nah & Fern im Archipel 219 (10/2013)
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 219 (10/2013)

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