UKRAINE/RUSSLAND: Journalismus im Konflikt

UKRAINE/RUSSLAND: Journalismus im Konflikt

Eine wichtige Friedensinitiative ist im Entstehen: Renommierte unabhängige russische und ukrainische Journalist_innen, die sich zuvor nicht persönlich kannten, trafen sich in Budapest, um sich über die Situation der Berichterstattung in den beiden Ländern auszutauschen.Das Treffen Mitte September wurde organisiert vom Europäischen BürgerInnen Forum (EBF) und dem westukrainischen «Komitee für medizinische Hilfe in Transkarpatien» (CAMZ). Die Gruppe der fünfzehn Journalist_in-nen aus der Ukraine und aus Russland wurde durch ex-jugoslawische Medienschaffende ergänzt, die zur Zeit der postjugoslawischen Kriege, ebenfalls mit Unterstützung des EBF, ein Netzwerk für alternative Medienberichterstattung gegründet hatten (AIM). Des Weiteren waren Vertreter_in-nen des EBF, ein Repräsentant des Community Media Forum Europe (CMFE) und eine Delegierte der Schweizerischen Friedensstiftung swisspeace vor Ort.Der prägende Einfluss von Journalist_innen auf die öffentliche Meinung ist unumstritten. Bei offenen Konflikten, die das eigene Land direkt betreffen, stossen sie deswegen bei ihrer Arbeit auf verschiedene Themen und Hindernisse, mit denen sie sich verstärkt auseinandersetzen müssen. So diskutierten die russischen und ukrainischen Journalist_in-nen über Themen wie Wahrheitsfindung, Objektivität und Berufsethik. Woher bezieht man seine Informationen? Wie kann man objektiv berichten und sich trotzdem für Gerechtigkeit einsetzen?Der Schutz vor (Selbst-)Zensur und der Umgang mit der Verantwortung kamen zur Sprache, wie auch das Problem willkürlicher Behörden und physischer Gefahren.Die ex-jugoslawischen Medienschaffenden konnten mit ihren Kolleg_innen konkrete Erfahrungen teilen, die sie zur Zeit der postjugoslawischen Kriege gemacht hatten. Gemeinsam mit dem EBF, dem CMFE und swisspeace bildeten sie zudem eine dritte Instanz, die der Veranstaltung einen unterstützenden, unparteiischen Rahmen gab. Meinungsfreiheit unter BeschussUnabhängige Berichterstattung zu Zeiten eines laufenden Konflikts und einer entsprechend polarisierten Gesellschaft bringt immer Risiken mit sich. So finden sich viele Gemeinsamkeiten in den Hindernissen, auf welche die ukrainischen und russischen Journalist_innen in ihrer Arbeit stossen. Zuvorderst steht die Dämonisierung des «Anderen»: Sowohl in Russland wie auch in der Ukraine herrscht in den Massenmedien eine regelrechte Hetze gegen das jeweils andere Land und eine Simplifizierung der Prozesse, die im Gange sind. Für die Teilnehmer_innen beider Länder stellte das Treffen deswegen eine potentielle Gefahr dar – auf beiden Seiten wird man argwöhnisch betrachtet, wenn man sich heutzutage überhaupt in einem offizielleren Rahmen mit Angehörigen des anderen Landes trifft. Weitere Probleme, auf die von beiden Seiten hingewiesen wird, waren mangelnde Professionalität vieler Medienschaffender und deren fehlende Fähigkeit, sich kritisch mit der Materie auseinanderzusetzen. Dies geht einher mit einer postsowjetischen «Kultur des Schweigens» statt der regen Diskussion zu Themen, über welche die Meinungen auseinandergehen. Viele Journalist_innen zensieren sich deswegen selbst, aus Angst vor Repressionen der Regierung oder negativen Folgen aus ihrem sozialen Umfeld. Die spezifischen Probleme, mit denen die Medienschaffenden in der Ukraine und in Russland zu kämpfen haben, sind unterschiedlich; während in der Ukraine der Krieg allgegenwärtig ist, sind dessen direkte Folgen in den Grossstädten und Weiten Russlands kaum spürbar. Die Folgen auf die öffentliche Meinung lassen sich aber vergleichen: Beide Länder sehen sich, vereinfacht gesagt, in der Rolle Davids, der gegen Goliath kämpft. Im Falle der Ukraine ist es Russland, von dessen Einfluss man sich endlich lösen möchte; im Falle Russlands sind es Westeuropa und Amerika, gegen die man die eigene Integrität und Macht beschützen muss. In beiden Ländern gibt es deswegen gewisse Tabuthemen, wenn man über die eigene Regierung und deren innen- und außenpolitische Handlungsweisen spricht oder schreibt. Für kritische Journa-list_innen führt dies oft zu negativen Folgen aus dem direkten sozialen Umfeld: «Früher war es der KGB, heute muss man sich vor allen in Acht nehmen», äusserte sich ein russischer Teilnehmer. Auch juristische Folgen und physische Bedrohungen gehören zum Preis, den man für eine unabhängige Berichterstattung bezahlt, insbesondere in Russland; dies zeigen auch die persönlichen Erfahrungen einiger Teilnehmer_in-nen.Gemeinsam gegen Missstände Die fünfzehnköpfe Gruppe war sehr vielfältig. Einige der Journalist_innen sind angestellt bei renommierten unabhängigen Medienorganen (sowohl Zeitungen, Radio als auch Fernsehen), andere arbeiten selbstständig, und wieder andere veröffentlichen fast ausschließlich in Blogs oder sozialen Netzwerken. Auch was das Alter und die Berufserfahrung betrifft, war die Gruppe sehr heterogen; dies ist einerseits erstrebenswert, brachte aber andererseits auch einige Schwierigkeiten mit sich, da die unterschiedlichen Teilnehmer_innen nicht auf dieselben Erfahrungen zurückgreifen können. Eines war allerdings klar: Ausnahmslos alle Anwesenden stellten sich eindeutig gegen die Hetze in den Medien, gegen Propaganda und betonten die Wichtigkeit, die Berufsethik gewissenhaft zu erfüllen. Auch wenn es zwischendurch Spannungen und Missverständnisse gab, stand doch im Vordergrund, dass alle am selben Strick ziehen. Über die Grenzen hinwegAuf ähnliche Probleme wie ihre ukrainischen und russischen Kolleg_innen stiessen jugoslawische Medienschaffende in den neunziger Jahren. Propagandistische Berichterstattung war damals einer der Faktoren, der die «Nationalisierung» der jugoslawischen Teilrepubliken deutlich vorantrieb: «Vor den Waffen waren es die Stifte und Mikrofone», äusserte sich ein Vertreter in Budapest. Das EBF initiierte und unterstützte deswegen damals ein Alternatives Mediennetzwerk mit Journalist_innen aus allen Republiken (Ex-)Jugoslawiens, die dieser Radikalisierung entgegenwirkten, an der die Medien selbst Mitschuld trugen. Dieses alternative Informationsnetzwerk AIM  (Alternativna Informativna Mreža) war zwischen 1992 und 2002 aktiv und umfasste letzten Endes ganze 120 Personen. Einige der Teilnehmer_innen des Budapester Treffens waren zu Beginn etwas skeptisch, was die Anwesenheit der ex-jugoslawischen Kolleg_innen betraf. Es ist schwierig, abstrakt über einen Konflikt zu sprechen, mit dessen Folgen man täglich konfrontiert wird, und sich auf Vergleiche mit einem weiter zurückliegenden Kontext einzulassen. Wie auch die restliche internationale Vertretung waren die AIM-Mitglieder jedoch nicht dort, um ihre Hilfe aufzuzwingen, sondern um bei Bedarf ihre Erfahrungen zu teilen. Sachlich, ermutigend und unaufdringlich konnten sie deswegen viele nützliche Beiträge zum Thema leisten; es ging nicht um einen Vergleich der Konflikte auf dem Balkan und in der Ukraine, sondern um die Folgen dieser Konflikte für Medienschaffende und um potentielle Bewältigungsstrategien.Die ex-jugoslawischen Journa-list_innen konnten viele Fragen beantworten, sowohl zum Hintergrund als auch zur praktischen Umsetzung eines solchen Netzwerkes. Auch die restliche internationale Präsenz erwies sich als Unterstützung, insbesondere die der EBF-Mitglieder, die ebenfalls in der Medienbranche tätig sind und wertvolle Beiträge zur Diskussion liefern konnten.Die Ortswahl trug ebenfalls das Ihre bei: Ursprünglich wäre das Treffen in Transkarpatien (Ukraine) geplant gewesen, wurde aber ins EU-Ausland nach Budapest verlegt, aufgrund der jüngsten Unruhen in Transkarpatien und um mögliche negative Konsequenzen für die Teilnehmer_innen zu verringern, die diese bei ihrer Rückkehr erwarten könnten. Mit der akuten Flüchtlingskrise rechnete natürlich zum Zeitpunkt der Planung niemand – die Umstände ergaben aber, dass die Teil-nehmer_innen die Gelegenheit selbstverständlich nutzten, um parallel zum Treffen viele interessante Berichte zu verfassen, was als Bindeglied zwischen den anwesenden Medienschaffenden aus allen Ländern fungierte.Wie weiter?Viele Diskussionen zeigten einige Unterschiede auf bezüglich der Erwartungen der Teilnehmer_in-nen an dieses Treffen und ihrem Blick auf die Zukunft. Alle waren sich einig, dass sie von neuen Bekanntschaften und bereichernden Gesprächen profitieren konnten, allein schon dadurch, dass sich viele der Journalist_innen zuvor nie persönlich getroffen hatten. Sie diskutierten mögliche Formen künftiger Zusammenarbeit und äusserten ihre Wünsche und Vorstellungen, gelangten aber nicht zu einem definitiven Plan für das weitere Vorgehen. Man einigte sich darauf, sich online weiter auszutauschen und zu sehen, was sich daraus entwickelt. Der Stein wurde ins Rollen gebracht – wo das Treffen längerfristig hinführt, wird die nahe Zukunft zeigen.«Auch wenn alles in Trümmern liegt, so bleiben wir doch Nachbarn.» Diesen Satz äusserte eine Vertreterin des AIM. Zu Zeiten, in denen das Netzwerk unter enormem Druck stand und die Teil-nehmer_innen ohne internationale Unterstützung durch das EBF ihr Projekt aufgegeben hätten, habe dieser Gedanke sie stets zum Fortfahren motiviert. Auch im Kontext Ukraine/Russland darf nicht vergessen werden, dass beide Länder eine weit zurückreichende gemeinsame Vergangenheit haben und auch in Zukunft nicht ohne einander auskommen können. Während Verhandlungen auf der diplomatischen Ebene schon längere Zeit stillstehen, gibt es viele zivilgesellschaftliche Akteure und Berufsgruppen, die eine hohe Stellung in der Gesellschaft geniessen und zu einem konstruktiven Dialog miteinan-der bereit sind.Dies zeigte sich auch an von swisspeace organisierten Treffen in Istanbul, an denen zwei solcher Zielgruppen (Psycholog_innen und weibliche Führungspersönlichkeiten) erfolgreich eine Brücke schlagen und sich konstruktiv austauschen konnten. Auch Journalist_innen sind eine vielversprechende Zielgruppe für solche Unterfangen. Bei diesen Anlässen können sie Netzwerke bilden, Erfahrungen sammeln, gegebenenfalls eine Zusammenarbeit starten und diese positiven Erlebnisse danach an ihr Umfeld weitervermitteln. Dabei werden geeignete Zielgruppen gefördert und unterstützt, damit durch ihren Einfluss immer grössere Teile der Gesellschaft in die friedensfördernden Aktivitäten mit einbezogen werden, im Idealfall bis hin zu Mitgliedern der Regierung, wodurch ein Schneeballeffekt anvisiert wird. Deswegen ist es wichtig, die Zivilgesellschaft in der Ukraine und Russland zu stärken anhand verschiedener, miteinander koordinierter Aktivitäten wie beispielsweise dieses Treffen. *swisspeace ist ein praxisorientiertes Friedensforschungsinstitut, das gewalttätige Konflikte erforscht und mögliche Strategien zur friedlichen Transformation entwickelt. Momentan realisiert es ein Dialogprojekt zur zivilen Friedensförderung in der Ukraine und Russland und unterstützte das EBF bei der Umsetzung dieses Journalist_innentreffens.   Original Author:  Eliane Fitzé, swisspeace*

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