KOLUMBIEN: Eine vielversprechende Saat – trotz alledem

KOLUMBIEN: Eine vielversprechende Saat – trotz alledem

Bauern, Bäuerinnen und die indigene Bevölkerung in Kolumbien führen einen schwierigen Kampf um die Bewahrung von traditionellem Saatgut und für die Ernährungssouveränität. Genveränderte Maissorten sind dabei ihre gefährlichen Gegnerinnen. Neue Tests beweisen deren Präsenz.Ausgehend von ein paar Maiskörnern, die in einer gut umsorgten Erde gepflanzt werden, können wir Saatgut vermehren und dieses mit anderen Menschen teilen, die wertvolle Samen verwenden möchten und sie selber vervielfachen wollen. Ich bin optimistisch – trotz vieler Schwierigkeiten: Unsere Arbeit in Kolumbien mit dem Netzwerk «Red de Guardianes de Semillas de Vida» (RGSV, Hüter_innen der Samen des Lebens) in Verbindung mit unserem kleinen französischen Verein «Les Pieds dans la Terre» (die Füsse in der Erde) [3] und einzelnen Organisationen in Frankreich und in der Schweiz geht voran! Vieles ist besser geworden: Es gibt mehr und mehr selbst produziertes Saatgut; mehr und mehr Leute interessieren sich dafür, reden darüber und werden aktiv.Nach einem kurzen Rückblick über die letzten Ereignisse, die das Saatgut und die Frage der Ernährungssouveränität betreffen, werden wir über die heutige Situation berichten.Schrittweise EnteignungWir erinnern uns an die Beschlagnahmung und die Zerstörung von 4'000 Tonnen Saatgut in den Jahren 2010 bis 2013 durch das Landwirtschafts- und Viehzuchtinstitut Kolumbiens, ICA. Das offizielle Argument für diese Vernichtung – gemäss der damals neuen Resolution 9.70 – war entweder die fehlende Zertifizierung des Saatgutes oder aber, dass der Inhalt der Säcke nicht mit den Etiketten übereinstimmte. Dabei erklären sich diese Tatsachen ganz einfach dadurch, dass die Bauern und Bäuerinnen ihre Säcke laufend wiederverwenden, um ihr Saatgut und ihre Ernten zu lagern. Bis dahin war das nie ein Problem gewesen, geschweige denn ein Delikt. Niemand hatte je zuvor von der Pflicht zur Zertifizierung und vom Inhalt jener Resolution gehört. Die offizielle, scheinbar gesundheitserhaltende Massnahme sollte der erste stillschweigende Schritt zur Einführung eines Gesetzes sein, welche die «Internationale Konvention zum Schutz der Pflanzenzüchtung» (UPOV 91)1 in Kolumbien anerkannte. Diese Gesetze sind eine Vorbedingung bestimmter Organisationen und Länder (USA, Kanada, EU, Schweiz etc.), um mit ihnen Freihandelsverträge abschliessen zu können. Damals war die Umsetzung des F250 (07/2016)reihandelsabkommens mit den USA gerade aktuell. Es wurde also das Terrain dafür vorbereitet. Die Bauern und Bäuerinnen sollten früher oder später –  neben anderen zwingenden Massnahmen – akzeptieren, kein eigenes Saatgut mehr besitzen zu dürfen. Erfolgreiche KämpfeIm Jahr 2013 wurde Kolumbien von den grossen Mobilisierungen der Bauern, Bäuerinnen und der indigenen Bevölkerung erschüttert, die traditionell gegen-einander eingestellt waren. In jenem Jahr hatten sie sich zusammengeschlossen und sind gegen den gemeinsamen Feind, die Freihandelsabkommen, angetreten. Denn sie waren sich bewusst, dass die Konsequenzen der Verträge beiden schaden würden. Der Katalog der Nachteile war schnell zusammengestellt: Bevorzugung der ausländischen Produktion zum Schaden der inländischen, Kriminalisierung der traditionellen und familiären Anbauweisen, Zwangsregeln für Verpackung, Transport, Saatgut und vieles mehr – alles Auflagen, welche die kleinen Produzent_innen nicht erfüllen können, angesichts der hohen Kosten, des Mangels an technischen Mitteln, fehlender Infrastruktur und Bildung in den ländlichen Gebieten.In den letzten Jahren konnten wir ein paar grosse Siege feiern – dank der Mobilisierung und der Arbeit von den Organisationen, welche das Saatgut schützen und die Ernährungssouveränität verteidigen:- Das Gesetz der UPOV 91 konnte wegen des juristischen Kampfes der Organisationen nicht eingeführt werden. - Gegen Ende 2015 kam eine neue Resolution auf, welche die vorherige (9.70) ersetzte. Die Resolution 3168 des ICA beinhaltet nicht mehr die traditionellen Samen. Unser Saatgut ist also nicht mehr in einer juristischen Zwangsjacke gefangen und kann somit frei verwendet werden. - Das Saatgut ist von seinem ausschliesslich landwirtschaftlichen Status zu einem öffentlichen Anliegen geworden. Die Empörung darüber, dass sich Wenige alles Lebendige aneignen wollen, (so wie bei der Wasserfrage), hat eine breite Reaktion in der Bevölkerung ausgelöst.Mais-TestprobenAuf Grund dieser Erfolge führen wir in unserem Netzwerk «Red de Guardianes de Semillas de Vida» unsere tägliche Arbeit fort, indem wir das Saatgut bewahren und die Biodiversität schützen. Doch gleichzeitig sind stille Feinde am Werk, die sich in unsere Äcker und Teller schleichen: die genveränderten Organismen (GVO). Bisher hatte die Beschäftigung mit dieser Problematik in unserem Alltag keinen Platz gefunden wegen der Komplexität der Materie und fehlender Zeit. Doch Ende 2014 waren wir dazu gezwungen, uns mit dieser Realität auseinander zu setzen. Die Vereinigung «Corporacion Custodios de Semillas»2 aus Bogota hatte Tests mit Proben von verschiedenen Maissorten durchgeführt, die von «Hüter_innen der Samen» stammten, mit denen wir zusammen arbeiten. Bei mehreren Sorten stiess die Organisation auf Kontaminierungen von GVO. Und wir mussten mit grossem Bedauern feststellen, dass auch einige unserer Sorten verunreinigt waren. Wir wollten erfahren, wie es mit den anderen Gruppen in unserem Netzwerk steht. Mit Unterstützung der Schweizer Stiftung «Solifonds» konnten wir Tests in der Region Cauca durchführen und weitere werden in Nariño folgen. Unsere Arbeit im ersten halben Jahr 2016 bestand darin, unseren Test-Mais zu pflanzen und zu pflegen, damit er im Mai bereit sein würde. Als wir für unser Vorhaben lokale Unterstützung suchten, lernten wir engagierte Professor_innen der Universität von Cauca kennen, die den Studierenden andere Angebote machen wollten als diejenigen aus dem traditionellen Bildungssystem. Sie unterstützten also unser Vorgehen und die Student_innen machten sich mit Enthusiasmus ans Werk, um uns bei der Vorbereitung des Treffens zu helfen, bei dem wir die Resultate präsentieren wollten. Vor allem halfen sie uns a250 (07/2016)ber dabei, auf verschiedenen Ebenen die Folgen der Anwendung von GVO besser zu verstehen. Die ResultateNach mehreren Monaten der Zusammenarbeit bildeten sich die Resultate während drei Tagen konzentrierter Arbeit (26. bis 28. Mai 2016) heraus. Mehr als sechzig Personen – Hüter_innen der Samen, Forscher_innen aus unserem Netzwerk, Bäuerinnen und Bauern, Student_innen und Professor_innen – sammelten über fünfzig Proben, untersuchten diese auf Kontaminierungen und präsentierten die Resultate an einer öffentlichen Versammlung unter dem Titel: «Von unseren Feldern auf unsere Teller, Zusammenkunft für die Verteidigung unseres Saatgutes». Über 250 Menschen nahmen an dieser Veranstaltung teil. Darunter waren Vertreter_innen von öffentlichen Institutionen wie Gemeinden, lokalen und regionalen indigenen Behörden, lokalen und nationalen Organisationen sow250 (07/2016)ie von Bildungseinrichtungen wie Universitäten und Schulen. Die Resultate sind folgende: Es herrscht eine unglaubliche Desinformation über das Thema der GVO in Kolumbien. Sogar die Universitätsprofessor_innen, die mit uns gearbeitet haben, gaben zu, dass sie keine klare Kenntnis davon haben, was sich wirklich hinter der GVO-Produktion, der Kontrolle des Saatgutes und der Nahrungsmittel verbirgt, sowohl in Kolumbien als auch weltweit. Immerhin hat es eine sehr gute Nachricht aus den Testresultaten gegeben: Wir können etwas beruhigt sein, weil der Mais in unserem Netzwerk der Gruppe in Cauca nicht kontaminiert ist und wir deshalb weiter das Saatgut verteilen und austauschen können. Es gibt aber auch grosse Alarmzeichen und neue unangenehme Herausforderungen, die auf uns zukommen:- Eine Maissorte ohne Etikett, die in landwirtschaftlichen Läden als Nahrung für Mensch und Tier verkauft wird, ist genverändert. Es ist schockierend, erfahren zu müssen, dass wir, ohne unser Wissen, wie Ratten im Labor als Versuchstiere benutzt werden.- Eine Maissorte, die vom ICA mit dem Etikett «Nicht genverändertes Saatgut» zertifiziert wurde, erwies sich ebenfalls als 250 (07/2016)genverändert. Handelt es sich bei der falschen Etikettierung um einen zynischen Scherz des Institutes? Oder um eine unbeabsichtigte Verunreinigung? Oder, schlimmer, um eine gewollte Kontaminierung?Neue MobilisierungenAngesichts dieser Tatsachen brauchen wir jetzt eine Pause, um Luft holen zu können und um noch breitere Unterstützung zu finden: direkt in Kolumbien, aber auch ausserhalb, um besser verstehen zu können, welche Umstände zu dieser Situation geführt haben. Am Anfang dieses Artikels sprach ich von meinem Optimismus und man kann sich fragen, wie ist es möglich, optimistisch zu sein, gerade jetzt, da wir eine neue Bedrohung von unserem Mais ausgemacht haben. Optimistisch bleibe ich deshalb, weil wir ein 250 (07/2016)Problem ans Tageslicht gebracht haben, das bisher (gewollt?) ignoriert worden war. Jetzt können wir mit dem Finger darauf zeigen und gleichzeitig noch mehr Menschen finden, die sich zusammenschliessen möchten und aktiv werden wollen.Parallel dazu haben im Monat Juni wieder starke Mobilisierungen der bäuerlichen und indigenen Bevölkerung im ganzen Land begonnen. Diese Menschen haben es satt, dass die Versprechungen von 2013 nicht eingehalten wurden. In 25 Verwaltungsbezirke haben Bäuerinnen, Bauern und Indigenas demonstriert und Strassen blockiert, um sich Gehör zu verschaffen. Die Regierung versucht, die Rebellierenden tot zu schweigen und durch Repression zum Schweigen zu bringen. Doch diese Strategie ist schon bekannt; zum Glück gibt es die alternativen Medien, welche die Informationen veröffentlichen und weitergeben. An den verschiedenen Fronten rührt sich etwas Neues…Cynthia Osorio Torres* 250 (07/2016) * Umwelt-Wirtschaftswissenschaftlerin, Koordinatorin von «Nodo Cauca – Red de Guardianes de Semillas de Vida», http://www.colombia-redsemillas.org/           https://lospiesenlatierra.org/ 1. UPOV: «L’union internationale pour la protection des obtentions végétales» (Internationaler Verband zum Schutz der 250 (07/2016)Pflanzenzüchtungen) ist eine zwischenstaatliche Organisation mit Sitz in Genf. Das hintergründige Ziel der UPOV 91 ist 250 (07/2016)die weltweite Kontrolle des Saatgutmarktes und der Nahrungsmittelproduktion. Die Freihandelsabkommen sind die wirksamsten Mittel, um dieses Ziel zu erreichen. 2. Die Vereinigung ist mit den indigenen Behörden von Cañamomo-Lomaprieta assoziiert. Original Author:  Cynthia Osorio Torres*

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