MAROKKO: Bittere Erdbeeren*

MAROKKO: Bittere Erdbeeren*

Hafid Kamal ist ein glücklicher Mann. Als Direktor von ANAPEC, der marokkanischen Agentur für Arbeit, verwaltet er die Aufträge von seinem bequemen Büro aus: «Wir haben einen Auftrag von Zitrusfrucht- und Kiwiherstellern aus Haute Corse (Frankreich) erhalten: 400 Männer zwischen 35 und 50 Jahren», antwortet er der französischen Tageszeitung Libération. «Die Spanier sind so angetan von unserer Arbeit, dass sie bereits 10.000 Arbeiter-innen für das nächste Jahr bestellt haben», erklärte er 2007.       Marokko führt bereits seine vierte Anwerbekampagne durch, und mehr als 12.000 Menschen werden 2008 nach Spanien gehen, um dort auf den Feldern zu arbeiten. Und diese Reisenden sind nicht irgendwelche Reisenden: Um Erdbeeren in der spanischen Estremadura zu pflücken, musst Du eine Frau, arm, zwischen 18 und 40 Jahre alt, verheiratet und Mutter von einem Kind unter 14 Jahren sein. Du musst auch gehorsam sein, ansonsten wirst Du im nächsten Jahr keinen Vertrag bekommen. Der Vertrag läuft über drei bis sechs Monate, ohne jegliche Garantie, dass er erneuert wird. Die Arbeiter-innen bekommen vermutlich einen Lohn zwischen 30 und 35 Euro pro Tag. Der Geldtransfer nach Marokko erfolgt durch die Bank Caixa de Catalunya auf der Grundlage einer Vereinbarung mit der Banque Populaire in Marokko. Dieser Lohn, der über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten verdient wurde, wird für die nächsten zwölf Monate ausreichen und die Kinder ernähren müssen, die die Frauen zu Hause lassen mussten, als sie zum Arbeiten nach Spanien gingen. Die Banken, immer schnell dabei, Kredite anzubieten, drängen sie dazu, Mikro-Projekte zur Entwicklungsförderung zu gründen. Wer sagt, dass sich niemand um Entwicklung schert?   So trennt Europa, das behauptet, führend zu sein, wenn es um Frauenrechte in moslemischen Ländern geht, junge Mütter von ihren Kindern und verletzt Antidiskriminierungsgesetze im Arbeitsbereich. Diese Projekte werden von Steuergeldern finanziert. Europa hat für die Finanzierung von Anwerbekampagnen in den letzten drei Jahren 1,2 Millionen Euro an ANAPEC und spanische Herstellervereinigungen vergeben.   Und so wird Marokko seine Armen los, indem diese an europäische Sklavenhändler verliehen werden. Selbst ihre Visa tragen nicht mehr ihre eigenen Namen. Hier wird die Arbeitskraft tonnenweise exportiert. Und fast hätte ich es vergessen: Wenn Sie auf dem Markt Erdbeeren sehen: Guten Appetit!       * Auszug aus Crossing Borders Nr. 5. Der Titel stammt von einer Broschüre der andalusischen SOC (Sindicato de Obreros del Campo; Gewerkschaft der Feldarbeiter) über die erschrekkenden Arbeitsbedingungen der Erdbeerpflückerinnen. The bitter taste of our fruits and vegetables, 2000.   Original Author:  Lucile Daumas (ATTAC, Marokko)

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