Der Betrug von Technik und Wissenschaft
martin.admin (nicht überprüft)

Dieser Text wurde für das Unterstützungskomitee von René Riesel geschrieben, der sich am 22. November 2001 vor dem Gericht in Montpellier für die Zerstörung von genmanipulierten Reispflanzen in der Forschungsanstalt CIRAD* zu verantworten hatte.


„Ob wir es wollen oder nicht, wir müssen uns an die Realität gewöhnen, dass unsere Nahrungsmittel unbeabsichtigt Spuren von GMO (genmanipulierte Organismen) aufweisen. Es ist das Werk der Natur. Wir können gegen diese Tatsache nicht viel machen, außer der Anbau von GMO würde auf der ganzen Welt verboten, oder die Grenzen hermetisch geschlossen.“ Diese Aussage stammt von David Byrne, Europäischer Kommissar für die Gesundheit und den Konsumentenschutz. (Le Monde, 26. Juli 2001)

 

Im Namen der Vernunft denunzieren wir den Betrug der Wissenschaftsideologie und der Technik. Da sich die Minister, die Industrieunternehmer und die Wissenschaftler auch auf die Vernunft und die Rationalität berufen, müssen wir diese genauer definieren. Wir müssen zuerst unterscheiden zwischen Rationalität und Rationalismus. Der Rationalismus ist ein Produkt des Reduktionismus der wissenschaftlichen Methode. Er versucht die Realität auf ein paar leicht messbare und berechenbare Faktoren zu reduzieren, von welchen man dann Gesetzmäßigkeiten ableiten kann, was wiederum ermöglicht, die untersuchten Objekte zu manipulieren.
Der Gebrauch der Vernunft hingegen stellt andere menschlichen Fähigkeiten, wie „Vorstellungskraft, das Gedächtnis und Empfindungsvermögen  in den Vordergrund. Sie setzt nicht isoliert denkende Individuen, sonder eine menschliche Gesellschaft voraus“ (1). Demzufolge ist die Vernunft Grundlage für das Erarbeiten von Werten. „Sie ist für uns eine Wahl, sie ist mutig, entspricht einem Ganzen von moralischen Qualitäten und ethischem Verhalten…“(2) Unsere Definition bezieht sich auf das Ideal der Vernunft im Zeitalter der Aufklärung. Die Auffassung dieser Zeit war es, dass die Verbreitung des Allgemeinwissens, nicht nur der Wissenschaft sondern auch der Kunst, der Literatur und des Handwerks zur Entwicklung eines kritischen Gedankenguts in der Bevölkerung beitrage und die Dunkelheit der Ignoranz und des Aberglaubens vertreiben würde. Aber seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts haben die Wissenschaftler dieses Ideal unaufhörlich verraten. Sie haben die Anerkennung, die ihnen die Rationalität und die wissenschaftliche Legitimität gaben, auf die neue politische und wirtschaftliche Autorität, die aus der Bourgeoisie kam, übertragen. Die Kaste der Spezialisten hat die Wissenschaft nicht in den Dienst der gesamten Menschheit gestellt, was wirklich zu einer Verstärkung der individuellen Freiheit und Autonomie beigetragen hätte. Sie hat sich vielmehr in den Dienst einiger Menschen gestellt, um deren Macht und Herrschaft über die Natur und Gesellschaft zu verstärken. Wir können die Entwicklung der Wissenschaft, - sowohl die Form der Erkenntnisse als auch die Zielsetzungen der „Wissenschaftlergemeinschaft“ - nicht vom Kapitalismus und dem politischen Projekt der Bourgeoisie trennen. Indem die Wissenschaft zu einer eigenständigen Institution der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts wurde, hat sie sich in eine neue Religion - oder besser gesagt – in eine neue Ideologie verwandelt. Das heißt nicht, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse an sich komplett falsch sind, aber sie betreffen nur einen kleinen Teil der Realität, nämlich den Einfachsten, die primären Eigenschaften der Materie. Die experimentelle und analytische Methode der Wissenschaft hat die großen Theorien der Physik und der Chemie hervorgebracht. Sie hat ein Inventar der Lebewesen aufgestellt und eine detaillierte Darstellung ihrer wichtigsten Komponenten und Funktionen erarbeitet. Ausgehend von diesen nützlichen Resultaten wollten die Wissenschaftsideologen diese reduktionistische Methode nicht mehr nur auf die „exakten Wissenschaften“ anwenden, sondern auf alle Bereiche, auch auf die Natur- und die Sozialwissenschaften sowie menschliche und politische Probleme (Positivismus von Auguste Comte). Der Reduktionismus der wissenschaftlichen Methode diente als Grundstein einer Ideologie der Mechanik. Die Vision, die Welt auf ein paar wenige, im Interesse der Wissenschaft ausgewählte Größen und Werte zu reduzieren, dient als Mittel, andere „Werte“ aus dem Bereich des Subjektiven, Historischen und Sozialen zu verschweigen. Auf diese Weise wurde der Reduktionismus, eine Bequemlichkeit für die Forschung im Labor, ein Faktor zur Instrumentalisierung der Natur und der Menschen mit einer kapitalistischen und industriellen Logik. Die Wissenschaftsideologie ist keine Ideologie politischer Natur. Sie versucht im Gegenteil, alle politischen Probleme in solche umzuwandeln, auf die eine strikt wissenschaftliche und technische Antwort gefunden werden kann. Die Wissenschaftsideologie ist ein zentraler Bestandteil totalitärer Systeme, die den Menschen ausschließlich unter dem Aspekt der Nützlichkeit betrachten, als „menschliche Ressourcen“ die vom System ausgebeutet werden können. Die „Evolutionstheorie“ von Darwin führte zu einem der größten Betrüge der Wissenschaftsideologie. Ein Teil der Evolutionstheorie ist pures ideologisches Projizieren der englischen Gesellschaftsstruktur des 19. Jahrhunderts auf die Tier- und Pflanzenwelt. Zahlreiche Wissenschaftler haben sich diese Theorie angeeignet, um den „natürlichen“ Ursprung des wirtschaftlichen Liberalismus, mit seinem Krieg von jedem gegen jeden, „wissenschaftlich“ zu beweisen (3). Von da an sind Theorien zur Eugenik entstanden mit dem Ziel, die menschliche Rasse, durch Beherrschung der „niedereren Rassen“ (Rechtfertigung des Kolonialismus) und der Eliminierung der „Schwachen“ zu „verbessern“. Alle politischen Kräfte, sowohl die reaktionären wie die progressiven, haben diesen wissenschaftlichen Betrug mitgetragen. Eugenische Maßnahmen, insbesondere Zwangssterilisationen, wurden in den 20er und 30er Jahren in verschiedenen Industrienationen mit der Unterstützung zahlreicher Wissenschaftler und Ärzte durchgeführt. Die Politik der Massenvernichtung der Nazis in den dreißiger und vierziger Jahren war die logische Folge einer Doktrin, die weit verbreitet war. Nach dem zweiten Weltkrieg und trotz der industriellen Ausrottung von zivilen Bevölkerungen (Auschwitz und Hiroshima), wurden die eugenischen Doktrinen und ihre Verteidiger nicht kritisiert. Die Wissenschaftsideologie wurde nicht in Frage gestellt. Ganz im Gegenteil, der Optimismus des Fortschritts siegte über die Zweifel, war es doch die Wissenschaft gewesen, die mit technischen Erneuerungen (Atombombe, Radar, etc.) dazu beigetragen hatte, den Krieg zu einem raschen Ende zu führen. Die Wissenschaft wurde jetzt gänzlich unter die Kontrolle des Staates und der Industrie gestellt. Sie hat sich zu einer Techno-Wissenschaft entwickelt, deren Ziel es wurde, direkt gebrauchsfertiges Wissen mit sofortiger Anwendungen zu finden. Sie war nur noch ein Glied in der Kette der Produktion von technologischen Erneuerungen. Es gibt keine theoretische Forschung mehr, die eine Zusammenführung des Wissens in ein kohärentes und organisiertes Ganzes zum Ziel hat. Anders ausgedrückt kann man sagen, dass die Forscher nicht mehr ihre Vernunft gebrauchen sollen, um die Welt zu verstehen, sondern dass sie sich damit begnügen müssen, ihre Computer zu benutzen um - mehr oder weniger erfolgreich - die Veränderungen der Welt zu berechnen und vorauszusehen. Die Wissenschaftsideologie hat sich demzufolge auch in der Nachkriegszeit unter anderen Formen durchgesetzt.
Unter dem Vorwand des Wiederaufbaus und der Modernisierung haben die Technokraten die Industrialisierung und die Konzentration der produktiven Aktivitäten gefördert. Die Methode des Reduktionismus wurde einmal mehr mit „Erfolg“ angewendet, sie hat die Enteignung der Gesellschaft mittels Kernkraft, Lebensmittelindustrie, Verstädterung und Automobilindustrie mit sich gebracht. Von 1970 an setzte eine Isolierung der Individuen mittels Fernsehen, Internet, etc. ein. Aufgrund einer Vielzahl technologischer Entwicklungen sind die sozialen Beziehungen verarmt und das Verhalten von Individuen wurde von Experten, Spezialisten und den Medien einfacher kontrollierbar. Die Revolte von Mai 68 entstand gegen den politischen Willen, alle Bereiche des Lebens dem Diktat des Rationalismus und der Wirtschaft zu unterwerfen. Von 1970 an begannen sich verschieden Gruppierungen gegen industrielle Projekte zu wehren (Kernkraft, etc.), sie setzten sich für soziale und biologische Grundlagen des menschliches Lebens auf dieser Erde ein. Wenn wir uns heute im Kampf gegen die GMO darauf beschränken das schlechte Essen („malbouffe“) zu denunzieren, sehen wir am Wesentlichen vorbei. Die kapitalistische Industriegesellschaft hat ihre wirtschaftliche und technologische Macht so weit entwickelt, dass es ihr möglich ist, die Welt zu verändern, wie es ihr passt, sich so die Substanz des Lebens anzueignen und den Menschen mittels Ernährung und Genetik zu kontrollieren, um ihn besser in das wirtschaftliche und technologische System einzupassen. Anders ausgedrückt wird die Natur in Einzelteile zerlegt, um uns Stücke davon wieder zu verkaufen, um „Krankheiten“ zu heilen, die in einer verschmutzten und desorganisierten Welt gezwungenermaßen häufiger auftreten. Sie werden uns die synthetische Rekonstruktion dieser Einzelteile verkaufen, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen, wozu wir selbst nicht mehr in der Lage sein werden, da sie uns alle Voraussetzungen dazu geraubt haben (4). Das ist heute das politische Projekt des Kapitalismus. Von dem ausgehend können wir sagen, dass die moderne Biologie ein Betrug ist. „Die Biologie reduziert das Leben auf ein Phänomen von physikalischen und chemischen Reaktionen ohne sich mit den Besonderheiten des Seins zu beschäftigen. Die Biologie hat nie versucht den Begriff des Lebens zu definieren“ (5). Sie begnügt sich damit Begriffe zu benutzen, die normalerweise dazu dienen, Maschinen zu beschreiben. Die Biologie ist demnach nicht eine Humanwissenschaft, sie will vielmehr die „Grundmaterie der Lebewesen studieren“(6). Die Idee, dass alles von den Genen ausgeht ist die ideologische Projektierung der „Informationsgesellschaft“ auf die Natur. Die Wissenschaftler sprechen heute vom „Lebenden“. Sie betrachten Pflanzen, Tiere und demzufolge auch Menschen nicht mehr als ganze Wesen, sondern als „lebende Materie“, Material für ihre Forschung, eine Anhäufung von Funktionen, die man manipulieren kann, um etwas Beliebiges damit zu machen. Diese Absicht, alles was lebt, zu Sachen, Maschinen, manipulierbaren Objekten und industriell reproduzierbaren Gegenständen zu reduzieren, hat - entgegen der Propaganda - nichts mit höherer Intelligenz oder einem „Verständnis des Lebens“ zu tun (7). Die Techno-Wissenschaft hält es nicht für nötig, ein höheres Verständnis des Lebens zu erreichen, es reicht ihr, die Lebewesen so zu reduzieren, dass sie in ihr mechanisches und mathematisches Modell hineinpassen. Es geht ihr darum, die organische Einheit zu zerstören, um aus jedem separaten Element eine Ware zu machen. „Die moderne Biologie strebt nicht so sehr nach einem Verständnis des Lebens als vielmehr nach seiner Negation“ (A. Pichot). Das heißt ganz konkret, dass die Industrialisierung der Welt die Zerstörung der Natur und der Menschheit mit sich bringt. Sie werden durch technologische Objekte und käufliche Waren ersetzt. Es geht uns hier nicht darum, schöne Formulierungen zu finden, um die Leser zu beeindrucken. Wir sehen schon um uns herum die ersten Konsequenzen dieses grotesken Projekts. Es wurde in seiner vollendeten Form von Schriftstellern wie Houellebecq und Sloterdijk sowie von Wissenschaftlern wie Daniel Cohen, dem Präsidenten von Genset und Erfinder von Téléthon, beschrieben. Sie prophezeien uns eine Revolution des Lebens oder gar das Ende der Menschheit und deren Ersatz durch eine Art Automaten, Hybride zwischen Mensch und Maschine. Diese Leute sprechen in aller Ruhe über diese Entwicklung, so wie jene Wissenschaftler, die zu ihrer Zeit die Eugenik als Mittel zur „Verbesserung“ der Menschheit darstellten. Wohin das führte haben wir gesehen…. Wir glauben, dass man bei den Idealen der Aufklärung anknüpfen muss, um diesen merkwürdigen „Fortschritt“, der überall menschlichen Rückschritt und Umweltzerstörungen mit sich bringt, zu stoppen. Das wichtigste Erbgut dieser Zeit, das uns ermöglichen soll, den Weg der Humanisierung weiterzugehen beziehungsweise wiederaufzunehmen, liegt in der Auffassung, dass Anwendung der Vernunft kritisches Handeln und Denken bedeutet. Die menschliche Natur, so wie wir sie heute kennen, hat noch nicht alle ihre Möglichkeiten ausgeschöpft, so dass es nicht dringend ist, diese radikal zu verändern, obwohl die Fanatiker der Technologie, mit ihrem Delirium um den veralteten, überholten Menschen, das vorschlagen.
Darum ist es wichtig, den techno-wissenschaftlichen Betrug überall dort zu denunzieren, wo er sich bemerkbar macht, zuerst im direkten Umfeld eines jeden, insbesondere durch die Enteignung der elementarsten Bereiche der Existenz. Genau das tun die GMO Gegner, die sich hier zur Unterstützung von René Riesel treffen, seit einigen Jahren. Wir glauben auch, dass eine Wiederaneignung der Kunst, der Wissenschaft und des Handwerkes in allen Bereichen des Lebens vor allem ein experimentelles und kritisches Unternehmen sein sollte. Experimentieren heißt, so wenig wie möglich abhängig zu sein von Waren- und Technologieprothesen. Es erlaubt uns zu entdecken und zu verstehen, wie Welt und Gesellschaft so weit verändert wurden, dass wir nicht mehr so leben können, wie wir es wünschen. Es ermöglicht uns auch, uns besser gegen diesen Verlust von Freiheit zu wehren. Da alles neu zu erfinden ist, scheint es uns auch das Mittel zu sein, um nicht die Vernunft zu verlieren, angesichts des Größenwahns der durchgedrehten Industriegesellschaft.

 

Bertrand Louart
November 2001

 

Supplément à Notes & Morceaux Choisis
52, rue Damremont, F-75018 Paris

 

* Siehe Archipel No 81, März 2001 „Crime de lèse-majesté“, René Riesel

 

(1) J.M.Mandosio, „Après l’effondrement“ Verlag: Editions de l’Encyclopédie des Nuisances
(2) Habermas
(3) A.Pichot, „La Société pure“, _Verlag: Flammarion
(4) Gesetz betreffend Marktständen im Freien und Hygienevorschriften für Kleinproduzenten
(5) A. Pichot, „Histoire de la notion de vie“, Verlag: TEL
(6) dito
(7) cf. le Train du Génome
 08.03.2002, eingestellt von martin.admin
Thema im Archipel 092 (03/2002)
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