RUSSLAND:Beresowski, Putin und der Krieg in Tschetschenien
ute

Polemik in Moskau, London und Paris: Der ehemalige Pate im Kreml, Boris Beresowski, beschuldigt den Zauberlehrling, den er selbst erschaffen hat, den höchst undankbaren Präsidenten Wladimir Putin, bei den Attentaten, die 1999 den Krieg in Tschetschenien ausgelöst hatten, eine zweifelhafte Rolle gespielt zu haben. Die Anti-Putin-Offensive wurde von seinem ehemaligen Förderer mit Hilfe eines französischen Films, der russischen Presse und Menschenrechtsbewegungen ins Rollen gebracht.Zum Auffrischen des Gedächtnisses: Zwei Ereignisse hatten als Vorwand für den zweiten russischen Krieg in Tschetschenien gedient: der Angriff auf die Kaukasus-Republik Dagestan durch ein Kommando aus Tschetschenien unter der Führung von zwei „fundamentalistischen islamischen Wahhabiten“, der Tschetschene Schamil Bassajew und der Jordanier Chattab; danach die Bombenattentate auf Wohnhäuser in Moskau und Wolgodonsk, die über 300 Todesopfer gefordert und die russische Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt hatten.
Niemand bekannte sich je zu diesen Attentaten. Sie wurden ohne einen einzigen ernsthaften Beweis tschetschenischen Terroristen in die Schuhe geschoben. Der russische Feldzug in Tschetschenien konnte also beginnen. Man weiß allerdings, dass er seit März 1999 vorbereitet wurde, als der Krieg im Kosovo tobte. Der frischgebackene Premierminister Putin ergriff die Gelegenheit beim Schopf – die Angst der russischen Bevölkerung und die allgemeine Unsicherheit aufgrund der chaotischen Entwicklung in Russland – um sich den Ruf eines starken Mannes zu verschaffen. Im März 2000 wurde er schließlich zum Präsidenten gewählt, mit Hilfe der massiven Propaganda, vor allem in den von seinem Freund Beresowski finanzierten Medien.
Seit damals geht das Gerücht um, dass die Attentate vom Bundessicherheitsdienst verübt worden seien, mit Zustimmung Putins oder zumindest in dessen Kenntnis. Ein Indiz dafür war die Entdeckung durch die Polizei von Bombenmaterial in einem Wohnhaus in der Stadt Riasa, das vom Bunddessicherheitsdienst dort hingebracht und wieder abgeholt wurde, „im Rahmen einer Übung“, sagte man von offizieller Seite, oder aber „um die Wachsamkeit der Bevölkerung auf die Probe zu stellen. Merkwürdige Erklärung. Die Annahme, dass das Attentat zumindest von einem Teil des russischen Establishments, das Interesse am Ausbruch des Krieges hatte, provoziert wurde, ist nicht unvorstellbar: Die Geschichte der Polizeiprovokationen dieser Art ist reich an derlei Episoden.
Diese Hypothese wurde nun im März 2002 von Beresowski und dem Film von Jean-Charles Deniau wieder aufgewärmt. Der Film wurde in Moskau von Menschenrechtsvereinigungen vorgeführt, und der russische Ex-Magnat verspricht, den Vertrieb von bis zu einer Million Kassetten zu finanzieren!
Diese Kampagne ist natürlich manipuliert, ihre Präsentation in der internationalen Presse manchmal zweideutig. Man muss sich daran erinnern, dass Boris Beresowski im Sommer 1999 im Kreml über viel mehr Macht verfügte als sein kleiner Schützling Wladimir Putin und dass der Förderer die Möglichkeit hatte, alle Handlungen und Gesten des Schützlings zu suggerieren oder zu decken. Beresowski, graue Eminenz von Boris Jelzin, Oligarch und einer der größten Plünderer Russlands seit der Liberalisierung, hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den damaligen Premierminister Jewgeni Primakov zu stürzen, weil er im Verdacht stand, „Ordnung“ in die „Angelegenheiten“ des Kreml bringen zu wollen, und um den neuen Leader Putin zu lancieren, weil dieser die Möglichkeit hatte, die Stimmen einer desorientierten Bevölkerung auf sich zu vereinigen sowie die Zukunft der liberalen Reformen und die Interessen der Finanzoligarchie zu garantieren. Putin hielt diese Versprechen, zum Teil auf Kosten seines Beschützers und anderer Magnaten, die zu stark kompromittiert oder zu störend waren.
Noch im Jahr 1999 war einer der Auslöser des Krieges, der angebliche Fundamentalist Schamil Bassajew, vor seinem plötzlichen religiösen Anfall ein tüchtiger Geschäftsmann der tschetschnischen Mafia in Russland, übrigens in enger Verbindung mit ... Boris Beresowski, der ihm finanzielle Unterstützung versprochen hatte. Man darf hier nicht die Rolle des separatistischen Tschetschenien als „Freihandelszone“ für alle möglichen Geschäfte vergessen, an denen sowohl die tschetschenische Mafia als auch russische Netzwerke des organisierten Verbrechens beteiligt waren, vor allem im Erdölexport. Beresowski war selbst Eigentümer der sibirischen Erdölkompanien. Und derselbe Beresowski ließ in den von ihm kontrollierten Medien, vor allem in der bedeutendsten Fernsehstation ORT, eine Kampagne gegen die tschetschenische und islamische Gefahr vom Stapel! Eine rassistische Kampagne, die heute noch im Gange ist.
Damals (1999) wurde die Verbindung Beresowski – Bassajew vom separatistischen tschetschenischen Präsidenten Maskhadow denunziert, dessen Ziele in keinerlei Hinsicht mit denen des islamischen Kommandos übereinstimmten und der angeblich mit Al Khaida in Verbindung stand.
Seither ist viel Wasser und Blut unter den Brücken Russlands und Tschetscheniens durchgeflossen: Putin führt Krieg gegen den Separatisten Maskhadow, der in der Falle der Islamisten sitzt, die russische Armee massakriert die Bevölkerung im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus, hier als (fragile) Alliierte der USA. Und Beresowski stellt sich als Verteidiger der Unterdrückten hin. Der Gipfel. Halten wir uns die Nase zu.
Für den Kreml ist es nun ein leichtes Spiel, seine Gegner der Verbindung mit dem organisierten Verbrechen und dem internationalen Terrorismus zu beschuldigen. Q.E.D.
Die Polemik zwischen Beresowski und Putin lenkt von den aktuellen Problemen ab: Der schreckliche Krieg, der immer noch in Tschetschenien tobt, die Notwendigkeit, eine Lösung zu finden, wobei Persönlichkeiten von der Art eines Bassajew oder Beresowski nur störend wirken können.

verfasst von Jean-Marie Chauvier, Journalist,  05.05.2002, eingestellt von ute
Thema im Archipel 093 (04/2002)
Tags: RUSSLAND
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