Ce site est en construction, certaines pages ne sont pas encore terminées. Merci pour votre compréhension.
 
© 

LANDWIRTSCHAFT UND MIGRATION: Casa Sankara

Im November 2016 beteiligte sich das EBF an einer Infotour durch die Schweiz, die von Solifonds und Multiwatch organisiert wurde. In mehreren Städten fanden öffentliche Veranstaltungen statt, in denen Carmen Cruz Paredes und Spitou Mendy vom SOC-SAT über die Situation im südspanischen Andalusien berichteten und Hervé Papa Latyr Faye über diejenige in Apulien in Süditalien.
Hervé Papa Latyr Faye stammt aus dem Senegal und lebt seit vielen Jahren in der Nähe von Foggia, 150 km nordöstlich von Neapel. Er ist Präsident des Vereins «Ghetto out – Casa Sankara», das zum Ziel hat, die sogenannten Ghettos zu schliessen, wie dasjenige von Rignano, wo in der Hochsaison bis zu 2‘000 Land-arbeiter_innen eine Bleibe in Karton- und Plastikhütten finden. Er beschreibt im folgenden Artikel die Brutalität dieser Strukturen und den selbstverwalteten Gegenentwurf, den sie mit der «Casa Sankara» zu leben versuchen.
In der Region Apulien kämpfen Migrant_innen aus dem Senegal seit 2013 gegen die Ausbeutung und Versklavung der hauptsächlich afrikanischen Migrant_innen in der Landwirtschaft.
Das System der «Capos»
In diesem Teil Italiens besteht ein besonderes System der «Capos». Diese Männer profitieren von dem ungeregelten Aufenthaltsstatus vieler Migrant_innen, um sie als besonders billige Arbeitskräfte den Produzenten und Grundbesitzern anzubieten. Das System besteht darin, dass sich der Capo in der Rolle des «heiligen Samariters» einer Gruppe von Personen annimmt, die weder Arbeit noch Papiere haben, und schliesslich über sie verfügt, wie es ihm passt. Der Capo spielt die Rolle des Mittlers zwischen dem Produzenten und den billigen Arbeitskräften. Mit «seinen» Arbeitskräften kontrolliert er sozusagen den gesamten landwirtschaftlichen Produktionsablauf von der Aussaat bis zur Ernte und wurde so im Laufe der Jahre zu einem unumgänglichen Glied in der Landwirtschaftsproduktion. Er entscheidet, wer Arbeit bekommt und wer nicht.
Der Capo beschränkt sich also nicht darauf, Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen, sondern übernimmt die Organisation aller landwirtschaftlichen Arbeiten. Er entscheidet, welche Arbeitskräfte für welche Arbeiten geeignet sind, und ist deshalb bei allen Armen, die hungrig nach Arbeit sind, hoch angesehen. Er ist aber auch sehr gefürchtet, weil er enge Beziehungen zu kriminellen Banden hat, die häufig mit physischer Gewalt ihre Gesetze erzwingen.
Männer und Frauen arbeiten unter dem Befehl des Capos, der ihnen je nach Laune nicht mehr als 3 Euro für die Ernte einer Kiste mit 300 kg Tomaten oder anderem Gemüse bezahlt. Die «Sklaven» stehen um 5 Uhr morgens bei eisiger Kälte auf, um mit dem Bus des Capos zu ihrem Arbeitsplatz zu fahren. Für die Hin- und die Rückfahrt berechnet er jedes Mal 5 Euro. Der Capo verkauft ihnen auch die für die Jahreszeit und Feldarbeit notwendige Kleidung und Stiefel. Im August wiederholt sich der gleiche Ablauf unter der sengenden Sonne. Die Preise bleiben gleich oder liegen sogar darunter, denn in dem so genannten Ghetto, einer Ansammlung von notdürftigen Baracken und Hütten, leben 3‘000 bis 5‘000 Menschen, die alle von dem skrupellosen Capo abhängig sind.
Im Ghetto
Die Baracken im Ghetto, in denen die Migrant_innen schlafen, gehören dem Capo, der eine Matratze für 20 Euro pro Monat vermietet, ein lächerlicher Teller mit Reis kostet 3 Euro und wer halbwegs ausreichend essen will, zahlt 5 Euro in dem Restaurant, das ihm gehört und seine Konkubine führt. Duschen kostet 50 Cent, ebenso das Aufladen eines Mobiltelefons. Der Capo gewährt denjenigen «Kredit», die noch keine Arbeit bekommen haben. Du kannst dich in seinem Haus aufhalten und erhältst alle denkbaren Dienstleistungen wie Drogen, Prostituierte oder Alkohol. Doch danach rechnet er ab: Der Schuldner wird so zum Sklaven des Capo. Er gerät in einen Teufelskreis, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt. Wer das Ghetto verlassen will, weiss nicht, wohin er gehen soll.
Casa Sankara
Wir konnten nicht länger gegenüber so viel Ungerechtigkeit passiv bleiben und mussten etwas gegen dieses System unternehmen, in dem die elementaren Grundrechte und die Würde der Menschen mit Füssen getreten werden. Dieses System funktioniert dank des Egoismus und der scheinheiligen Unschuld der Institutionen, die so tun, als gäbe es keinen Grund, es gründlich zu untersuchen. Das Ghetto ist unsichtbar. Weit weg von den Wohnungen der gewöhnlichen Bür-ger_innen können Menschen dort sterben, ohne dass es irgendjemand erfährt. Den Staat gibt es nicht in diesem Ghetto, und die Handelsketten müssen sich keine Sorgen machen, denn die Produktion ist gesichert und ihren Gewinnen geht es wunderbar.
In diesem Zusammenhang ist der Verein «Casa Sankara» entstanden, ein Projekt, das von einigen Betroffenen gegründet wurde, die trotz ihrer geringen Mittel «Nein» zu diesem System gesagt haben. Das Projekt hat zum Ziel, denjenigen Personen und Familien, die der Tyrannei des Capos entfliehen wollen, einen würdigen Weg zu zeigen. Durch eine Vereinbarung mit den Lokalbehörden verfügt der Verein über ein Haus, in dem er seit 2013 Menschen empfängt, die aus dem Ghetto fliehen. Hier wird ihnen ein Weg zur sozialen Integration und Beschäftigung vorgeschlagen. Zu dem Gebäude gehören 20 Hektar Land, auf denen die Migrant_innen eine Landwirtschaftskooperative gegründet haben, die den Bewohner_innen der Casa Sankara Arbeit anbietet. In diesem Jahr haben wir auf 12 Hektar Land Weizen ausgesät und 2 Hektar für den Anbau von Tomaten genutzt, die nach der Ernte weiterverarbeitet werden. Die Gemeinschaft hat auch 2 Hektar mit Weinreben und konnte in diesem Jahr 120 Zentner Trauben ernten, trotz des verwahrlosten Zustandes der Weinstöcke.
Ein Leben in Würde
Heute, nachdem ein Grossbrand drei Viertel der Baracken des Ghettos zerstört hat, ist die Anzahl der Bewohner_innen der Casa Sankara innerhalb einer Woche von vierzig auf fünfundachtzig gewachsen. Ohne auf die Hilfe der Institutionen zu zählen hat der Verein seine Freund_in-nen mobilisiert, um in dieser Dringlichkeitssituation handlungsfähig zu sein und auf die Bedürfnisse der Männer, Frauen und Kinder reagieren zu können, die dem System der Capos entflohen sind. Sie haben das Recht auf ein Leben in Würde, von dem sie während langer Zeit abgeschnitten waren. Casa Sankara ist in ihren Augen die einzige mögliche Alternative, um die Freiheit wieder zu finden. Unser Ziel ist es, den Einzelnen zu begleiten, damit er seine Fähigkeit wiedererlangt, selbst über sein Leben zu entscheiden und als freier Mensch zu leben. Er wird beim Erlernen der italienischen Sprache unterstützt und lernt die bestehende Gesetzgebung bezüglich seiner Aufenthaltsrechte kennen, um von geldgierigen Anwälten unabhängig zu sein. Der Einzelne findet hier auch einen Raum für künstlerische Aktivitäten mit einer Vielfalt technischer Möglichkeiten, wo er frei in künstlerischer Gestaltung seinen Ausdruck finden kann. Casa Sankara versucht mit Landwirtschaft und Kultur die bestmögliche Antwort zu finden auf eine unerträgliche Situation, die in den Augen vieler nicht verändert werden kann, zu der es aber möglich ist, Alternativen zu schaffen. Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass mit Entschlossenheit sowie dem politischen und administrativen Willen, das Leben von Menschen vom Schlimmsten zum Besseren verändert werden kann. Wir müssen lernen unsere begrabenen Hoffnungen wieder zu finden, denn ohne die Hoffnung kann nichts Grosses und Schönes entstehen. Wir müssen die Zukunft selbst erfinden und wie Thomas Sankara sagte: «Der Sklave, der nicht für seine Freiheit kämpft, hat seine Ketten verdient.»
Papa Latyr Faye (Hervé)
Präsident der Vereinigung «Ghetto out - Casa Sankara»1   

1. Via Cesare Battista, 09 Cap, 71016 San Severo (FG), Italia, mail: hervelatyrfaye@gmail.com

 

Rédigé par Papa Latyr Faye (Hervé) Präsident der Vereinigung «Ghetto out - Casa Sankara»1 , 21.01.2017, recrutés par ute
Commentaires sur cet article
Le contenu de ce champ sera maintenu privé et ne sera pas affiché publiquement.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.

Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 255 (01/2017)

Hier können Sie aus allen Archipelausgaben seit 2002 auswählen

Accueil - Thèmes - Archipel - À propos de forumcivique - Shop - Rejoindre - Dons

Europäisches BürgerInnen Forum - Forum Civique Européen - European Civic Forum - Foro Cívico Europeo