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Am 11. Synthetische Bingo-Biologie

Am 16. Februar 2016 wurde ein runder Tisch über synthetische Biologie an der Universität Lausanne (UNIL) mit einer spielerischen Aktion gestört.
Ein Panel von Expert_innen in synthetischer Biologie, Soziologie, Ethik und Umwelt waren eingeladen worden, in einem mit rund fünfzig Wissenschaftler_in-nen bestückten Auditorium über die gesellschaftlichen Auswirkungen der Fortschritte dieser Forschung zu debattieren.
Dabei fiel natürlich kein Wort auf Französisch und von der «breiten Öffentlichkeit» war keine Spur. Einige Personen waren jedoch gekommen, um ein «Bullshit-Bingo» zu spielen: Zu Beginn der Diskussion wurde eine Bingo Karte verteilt mit Sätzen, die in diesen Pseudo-Debatten typischerweise verwendet werden, um jegliche Kritik zu verhindern. Das Publikum wurde eingeladen, jedes Mal wenn ein_e Redner_in einen dieser Sätze sagte, «Bingo!» zu rufen. Und an Gelegenheiten, «Bingo» oder «Bullshit» zu rufen, fehlte es nicht während der verschiedenen Vorträge zur (Nicht-)Verantwortung der Forschenden und der Neutralität der Wissenschaft, darüber, wie wichtig Ethikkommissionen sind, um die «Auswüchse» der Wissenschaft zu regulieren, oder über die Parallelen zwischen der synthetischen Biologie und der Gentechnik. Es waren auch zahlreiche interessante Bemerkungen zu hören, jedoch leider ohne die geringste Auswirkung.
Die gewichtigsten Aussagen, wie zum Beispiel diejenige eines jungen Forschers, der das Verständnis des lebenden Organismus als Maschine in Frage stellte, wurden gar nicht erst diskutiert und die zahlreichen Stände von Biotech-Unternehmen im Eingangsbereich des Uni-Gebäudes wurden erst recht nicht tangiert von dem, was sich im Auditorium abspielte.
Einige Expert_innen liessen sich durch die Bingo-Hinweise auf den von ihnen gequatschten Blödsinn etwas aus der Ruhe bringen, andere hatten jedoch kein Problem damit, sich als Frau/Herr-ich-hab-ja-so-viel-Humor aufzuspielen. Das Publikum war seiner-seits eher irritiert und wollte nicht am Spiel teilnehmen. Schliesslich wurde sogar geklatscht, als eine ihrer Kolleg_innen fand, die Gegner_innen hätten eine falsche Vorstellung von den Risiken und Gefahren, die neuen Biotechnologien würden beispielsweise den Einsatz von Pestiziden reduzieren.
Die Siegespalme des Bullshit- Bingo ging schliesslich an Professor Van der Meer, der in seiner Einleitung das (vor allem finanzielle) vielversprechende Potenzial der synthetischen Biologie rühmte, um darauf in der Diskussion zu sagen, als Forscher schere er sich nicht um die Auswirkungen seiner Forschung auf die Wirtschaft. Das heisst in diesem Fall auf die Bauern und Bäuerinnen, deren Medizinal-, Vanille- oder andere aromatische Pflanzen unnütz würden durch die neuen synthetischen Bakterien, dank derer die entsprechenden Moleküle im Bioreaktor produziert werden können.
Was ist synthetische Biologie?
Hat euch die Gentechnik gefallen? Dann werdet ihr die «synthetic biology» lieben! Die «SB», wie sie im Jargon genannt wird, ist ein neuer Bereich der Gentechnik mit dem Ehrgeiz, komplett künstliche «biologische Systeme» und Organismen zu schaffen. Zumeist, indem aus standardisierten «Bio-Bausteinen» und nach den Prinzipien der Ingenieurie eine neue DNA kreiiert wird. Die Akteur_innen dieses neuen Gebiets vulgarisieren die synthetische Biologie, indem sie von Lego oder Mechanik sprechen: Alles wird in Teile aufgespalten und dann einer gewissen Funktion entsprechend wieder zusammengesetzt. Konkret wurde es dank verschiedener Technologien vom Typ «biomolekulare Scheren», mit denen die DNA präzise zerteilt werden kann, schon sehr viel einfacher und billiger, eine grosse Anzahl von Genen zu verändern.
Wir wussten schon lange, dass die Wissenschaftler_innen keine Grenzen kennen. Jetzt geben ihnen diese neuen technologischen Gadgets die Möglichkeit, sich nach Lust und Laune auszutoben: Schon für Studierende ist es eine Banalität geworden, übers Internet DNA-Teile zu bestellen und sie zusammen zu setzen, um Biomaschinen herzustellen oder Zellen und lebendige Organismen zu verändern. Das Lebendige ist dadurch zu einem grossen Spielfeld für Ingenieur_innen geworden.
Das Verständnis, das Lebendige sei nichts mehr als ein Mechanismus, das auf Descartes zurückgeht, hat sich damit dank einer kleinen Minderheit von Wissenschaftler_innen und Industriellen endgültig durchgesetzt.
Die Forschung verspricht eine weitere industrielle Revolution, insbesondere dank der künstlichen Bakterien, mit denen schon heute Aromen und Medikamente hergestellt werden. Sie könnten schnell Millionen von Bäuerinnen und Bauern ruinieren, deren Produktion so industrialisiert wird. Dazu kommt die angekündigte Entwicklung von Bio-Treibstoffen und Bio-Plastik, um das knapper werdende Erdöl zu ersetzen, wozu Megatonnen von Biomasse benötigt würden, wofür die armen Länder geplündert würden. All dies wird als ökologisch verkauft, genauso wie die legendären reinigenden Bakterien, mit denen – so heisst es – die Schäden behoben werden können, die von der Industrie bisher verursacht wurden. Diese Technologien eröffnen aber auch wunderbare neue Perspektiven wie die kostengünstige Entwicklung von neuen Viren, die militärisch genutzt werden können. Zudem lancieren sie die Debatte rund um die genetische Verbesserung der Menschheit neu.
Die Forschungslabore in Lausanne
Im Jahr 2015 hat die Universität Lausanne zwei Professuren für synthetische Biologie mit Lehr- und Forschungstätigkeit ausgeschrieben. Der Stellenantritt war für Januar 2016 vorgesehen. An der ETH Lausanne beschäftigt sich das «Maerkl Lab» des Professors Sebastian Maerkl (http://lbnc.epfl.ch) schon seit mehreren Jahren mit diesem Forschungsfeld, genauso wie der Professor Yaakov Benenson an der ETHZ. Sie beide sassen zusammen mit Professor Van Der Meer in der Berufungskommission für die neuen Lehrstühle der UNIL.
Es geht der Uni dabei zweifellos darum, sich in einem Bereich zu positionieren, der viel Geld einbringt, aber auch dafür zu sorgen, dass die Schweiz weiterhin die Spitzenreiterin in der synthetischen Biologie bleibt, zu der sie dank Unternehmen wie Evolva geworden ist.
Werden diese Leute noch lange ungestört das Lebendige, das heisst unsere Realität, verändern und alles in Untersuchungsobjekte verwandeln können? Weshalb werden wir nicht jetzt schon dagegen aktiv?
Zerteur

Dieser Artikel wurde mit dem Titel Synthetic Biology Bullshit Bingo in der zweiten Ausgabe der anarchistischen Flugschrift «Rhizom», im Oktober 2016 publiziert.
«Rhizom» erscheint unregelmässig auf Deutsch, Italienisch und Französich. Exemplare können unter rhizom@immerda.ch bestellt werden.
Kontakt: rhizom(a)immerda.ch, Homepage: rhizom.noblogs.org

Rédigé par Dieser Artikel wurde mit dem Titel Synthetic Biology Bullshit Bingo in der zweiten Ausgabe der anarchistischen Flugschrift «Rhizom», im Oktober 2016 publiziert., 21.01.2017, recrutés par ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 255 (01/2017)

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