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Agrotreibstoffproduktion in Brasilien

Im Juni 2007 nahm ich am V. Kongress der brasilianischen Landlosenbewegung MST in Brasilia teil. Bei der Gelegenheit informierte ich mich über Agrotreibstoffe 1, die bei uns fälschlicherweise Biotreibstoffe genannt werden, und besuchte traditionelle und neue Zuckerrohranbaugebiete.


 


Ich habe viele «Experten» getroffen, von denen nie zu hören ist, weil sie zur stummen Masse der Armen gehören. Sie sind aber stark von den Auswirkungen der Agrotreibstoffproduktion betroffen.


Seitdem EU und USA beschlossen haben, Benzin und Diesel mit biogenen Treibstoffen zu mischen, breitet sich eine Art «grüner Goldrausch» in Ländern wie Indonesien und Brasilien aus, die neue Exportchancen erwarten. Regierungen, Agro- und Energiekonzerne, Finanzinvestoren und Getreidemultis sehen sich als die «grüne OPEC» der Zukunft. Wohl wissend, dass die Kontrolle über die Energie viel Macht und Profit sichert, haben sie Milliardenbeträge für Investitionen mobilisiert, um die Autotanks der Reichen zu füllen. Dass dagegen kaum Geld fließt, um den Hunger der 860 Millionen «Unterernährten» zu stillen, ist eine Schande.


Damit nicht genug, weisen VertreterInnen von bäuerlichen Organisationen, sozialen Bewegungen, Kirchen, Wissenschaftler usw. aus dem Süden seit Jahren auf die drohende Verdrängung der Nahrungsmittelproduktion durch die Energiepflanzen hin.


Die reichen Länder beanspruchen bereits zunehmend Flächen und Wasser im Süden zur Produktion von Nahrungsmitteln und Rohstoffen. Diese Flächenkonkurrenz wird noch zusätzlich verschärft durch die Folgen des Klimawandels, der durch Dürren, Überschwemmungen usw. die landwirtschaftlichen Erträge bedroht.


Im Zuge dieser Entwicklung nimmt die Anwendung direkter und indirekter Formen der Gewalt seitens des Agrobusiness gegenüber indigenen Völkern 2 und der bäuerlichen Bevölkerung zu, um sich den Zugang zu fruchtbaren Böden und Wasser zu sichern.


Auf die Umwelt wirken sich vor allem die Zerstörung der artenreichen Regenwälder und Savannen, sowie der massive Einsatz von Pestiziden, chemischen Düngern und gentechnisch veränderter Pflanzen negativ aus.


Bei einem Lokalaugenschein in Brasilien habe ich die sozialen und ökologischen Folgen kennen gelernt, aber auch die nachhaltigen Alternativen, die vor Ort umgesetzt werden.


 


«Grüner


Neokolonialismus»


Die Stadt Ipiranga liegt 300 km nordwestlich von Brasilia am Südrand Amazoniens und verdankt ihre Entwicklung Tausenden von Bauernfamilien, die mit harter Arbeit die Region urbar machten. Sie produzierten Grundnahrungsmittel und schufen sich einen bescheidenen Wohlstand. «Vor zwei Jahren begann eine Firma in der Region Land aufzukaufen oder zu pachten, um Zuckerrohr zu pflanzen. Dann errichteten sie eine große Fabrik für Zucker und Ethanol. Inzwischen sind wir von der Plantage fast eingekreist» erzählen Eni und José Rosa, ein älteres Ehepaar, das seinen Hof nicht verlassen will. «Sie haben den Wald gerodet, die Felder planiert und viele Quellen und kleine Bäche zugeschüttet. Durch die Pestizidspritzungen mit dem Flugzeug werden oft unsere Felder und Gärten vergiftet, auch das Wasser im Bach, das den Tieren als Tränke dient! Wir können nicht mehr jagen und fischen, um unseren Speisezettel aufzubessern. Es fehlt das Holz aus den Wäldern als Bau- und Brennmaterial.» Der Abwanderungsdruck wird weiter verstärkt durch steigende Grundpreise, die starke Rauchbelastung durch das Abbrennen der Zuckerrohrfelder vor der Ernte, die Schließung von Schulen, Gesundheitsposten und Geschäften in den Dörfern, weil die Familien weniger werden.


Sandra von der MPA3: «Zuckerrohr wird seit Kolonialzeiten vom Großgrundbesitz in Monokultur und mit Sklavenarbeit produziert. Viele Arbeiter leben weiterhin unter sklavenähnlichen Bedingungen. Es ist absurd, aber die Lebenserwartung eines Plantagenarbeiters ist heute geringer als die der Sklaven, die durchschnittlich 20 Jahre arbeiteten. Bis 12 Tonnen Zuckerrohr sollen täglich pro Mann geerntet werden, das sind bis zu 14 Stunden beinharte Schwerarbeit in sengender Hitze für einen Hungerlohn von umgerechnet acht Euro pro Tag.»


Anfang Jänner gab der Agrarminister bekannt, dass die Ethanolproduktion bis 2017 von derzeit 18 Millionen auf 41 Millionen Liter gesteigert werden soll, das bedeutet die Verdoppelung der Anbaufläche von derzeit 6,6 Millionen Hektar. Diese Erweiterung erfolgt durch Verdrängung der Rinderfarmen und der Nahrungsmittelproduktion, wobei vor allem erstere an die Rodungsfront in Amazonien abwandern. Ethanol wird damit indirekt zur Ursache von Regenwaldzerstörung.


 


Das «grüne Gold» im Visier internationaler Investoren


Die Tageszeitung Estado de São Paulo berichtete am 23.12.07 von der fortschreitenden Übernahme der Zucker- und Alkoholproduktion, die sich bis 2004 fast ausschließlich im Besitz alteingesessener Familien befand, durch internationales Kapital: «Investoren wie George Soros und Vinod Koshla, Banken (wie Merill Lynch) und Investmentfonds kaufen die Fabriken auf und planen neue Projekte in Erwartung hoher Gewinne. Es werden Investitionen in der Höhe von 17 Milliarden US-Dollar prognostiziert. 76 neue Fabriken sollen zu den bestehenden 336 kommen. Zwei Ethanolpipelines mit je 1.500 km Länge werden sie mit den Häfen an der Küste verbinden.» Und weiter: «Internationale Investoren steigen auch massiv in die Biodieselproduktion ein.»


Der Siegeszug der


Sojabohne


Während Brasiliens Regierung im vergangenen September eine Verringerung der Regenwaldzerstörung auf 11.200 km² für 2006/2007 bekannt gab, kamen aus dem Bundesstaat Mato Grosso Berichte von einer neuerlichen Zunahme der Rodungsflächen. João S. von der CPT 4: «Die steigende Nachfrage nach Biodiesel, Sojamehl und Fleisch führt zur Erweiterung der Anbauflächen. Die weltweit größten Getreidehändler wie Cargill, Bunge, ADM und Dreyfuss investieren in der Region. Cargill hat einen eigenen Verladehafen in Santarem am Amazonas gebaut. Die Firma SADIA, Brasiliens größter Hühner- und Schweinefleischexporteur, baut in Lucas do Rio Verde neben einer Biodieselanlage ein Mischfutterwerk und eine gigantische Fleischverarbeitungsindustrie.»


Über Hunderte Kilometer sind Mitte Oktober entlang der Straße nur mehr die keimenden Sojapflanzen zu sehen, die direkt in die mit Herbiziden gespritzten Felder gesät werden. Fünf weitere Spritzungen werden folgen, die letzte knapp vor der Ernte im Jänner, mit einem Mittel, das die Sojapflanzen «trocknet», damit sie trotz der Regenzeit rasch geerntet werden können, um zeitgerecht noch Mais oder Baumwolle als Zweitfrucht zu säen.


Trotzdem müssen die Bohnen vor der Einlagerung noch getrocknet werden. Allein die «kleine» Sojahandelsfirma Feagril hat für 700.000 Tonnen Soja über 5000 m³ Brennholz verheizt, «aber nur Abfälle aus Sägewerken» versichert der Geschäftsführer Francisco, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, das dafür Wald geschlägert wurde.


«Die Kunden aus Europa sind sehr sensibel was Umwelt, Gentechnik und Arbeitsrechte anbelangt, daher hat unser Bürgermeister alle aufgefordert, die Gesetze einzuhalten.» «Leider viel zu spät» meint ein engagierter NGO-Mitarbeiter, dem vorgeworfen wird, er mache die Region im Ausland schlecht und störe damit die Geschäfte. «Laut Gesetz hätten nur 20 Prozent der Flächen gerodet werden dürfen, damit der Regenwald intakt bleibt, aber selbst Quellgebiete und Flussränder wurden abgeholzt. Anstatt wieder aufzuforsten machen die Agrounternehmen Druck im Parlament, um den Anteil der Waldreserven zu senken. Außerdem sollen Eukalyptus- und Ölpalmenplantagen als Ersatz anerkannt werden. Skrupellos versuchen sie, ihre Interessen durchzusetzen, das einzige, was sie fürchten, ist ein Kaufboykott. Als McDonalds vor zwei Jahren in England vorgeworfen wurde, indirekt die Regenwaldzerstörung zu fördern, wurden die Sojalieferanten aufgefordert, nachzuweisen, dass ihr Produkt nicht von frisch gerodeten Flächen kommt. Seither weichen sie verstärkt auf Weiden aus, aber dafür roden die Rinderfarmer neue Savannen und Regenwälder.»


Fast die gesamte Sojaernte wird mit LKWs in einen etwa 2.000 km entfernten Hafen transportiert, das kommt teuer und belastet die Umwelt. Daher soll eine neue Straße durch den Regenwald bis in das «nur» 1.300 km entfernte Porto Velho am Fluss Madeira gebaut werden. Über den Amazonas wäre auch der Transportweg nach Europa kürzer.


Die Sojaanbaufläche soll von derzeit. 21 Millionen Hektar bis 2016 auf 26 Millionen Hektar erweitert werden, bis dahin will Brasilien die USA als weltgrößten Exporteur ablösen.


Souveränität bei Nahrungs- und Energieversorgung gefordert


Ende Oktober 2007 fand in Curitiba (Südbrasilien) ein Kongress über Agroenergie statt, an dem 500 Vertreter von Bauern- und Umweltorganisationen, sozialen Bewegungen, Kirchen, wissenschaftlichen Einrichtungen u.a.m. teilnahmen. Die Agrotreibstoffproduktion wurde nicht generell abgelehnt, es müssten jedoch eine Reihe von Kriterien eingehalten werden, wie z.B. die Sicherstellung der Nahrungs- und Energieversorgung der Bevölkerung, eine Produktion auf der Basis der Biolandwirtschaft und regionaler Wirtschaftskreisläufe, die Begrenzung der Anbauflächen für Betriebe und Regionen, Einhaltung sozialer und arbeitsrechtlicher Standards, Durchführung einer Agrarreform 5 u.a.m.. Gefordert wird weiters die Schaffung von öffentlichen Einrichtungen und Instrumenten unter sozialer Kontrolle zur Steuerung der Energiepolitik, um effiziente Nutzung und erneuerbare Energieformen zu fördern und die Dominanz von Energiekonzernen und Agroindustrien zu verhindern, die durch ihre bisherige Vorgehensweise weitgehend für den Klimawandel verantwortlich sind.


Biotreibstoffe, die ihrem Namen auch gerecht werden


Positive Erfahrungen mit kleinen Destillieranlagen gibt es bereits. Kleine und mittlere Betriebe produzieren neben Lebensmitteln auch Zuckerrohr, das in einer Anlage mit 300 Litern Tagesleistung zu Ethanol verarbeitet wird. Andere haben Genossenschaften zur Produktion von Ethanol und Biodiesel gegründet, damit sie von den Agrokonzernen unabhängig bleiben. Vorteile neben der Vermeidung der Monokultur sind kurze Transportwege, die Verwertung aller Nebenprodukte als Futtermittel, Dünger und Brennstoff, Schaffung von Arbeitsplätzen, Einkommenssteigerung für die bäuerlichen Familien u.a.m.


Zur Förderung der bäuerlichen Landwirtschaft hat die Regierung 2005 den combustível social (Sozialtreibstoff) eingeführt. Pflanzenöl aus familiärer Produktion sollte mit diesem Zertifikat versehen werden und ganz oder teilweise von Steuern befreit sein. Den Bauern wurden Mindestpreise und technische Beratung garantiert, und alle Unternehmen, die Biodiesel vermarkten, müssen einen gewissen Prozentsatz an combustível social kaufen. Dieser Teil des Biodieselprogramms wird aber bisher nur schleppend bis gar nicht umgesetzt.


Innerhalb der bäuerlichen Organisationen werden die Chancen und Risken der Agrotreibstoffproduktion intensiv diskutiert. «Für uns ist klar, dass Agrobusiness und Energiekonzerne nicht den Klimaschutz, sondern ihre eigenen Interessen zum Ziel haben. Unsere Aufgabe ist es daher, uns zu organisieren und gemeinsam mit anderen Sektoren der Gesellschaft für einen wirkungsvollen Klimaschutz unter Beachtung der Menschenrechte zu kämpfen» betont João Pedro Stedile im Namen der Landlosenbewegung und der Via Campesina.


 


* Johann und Christa Kandler haben zwanzig Jahre in Brasilien mit bäuerlichen und indianischen Organisationen am Land gearbeitet. Als Mitglied der Kirchlichen Kommission «Commissao Pastoral da Terra» erhielt Hans Kandler im Jahr 1991 den Alternativ-Nobelpreis gemeinsam mit deren Gründern, Ivo Poletto und Jorge Marskell. Die Kommission setzt sich für Landrechte, Menschenrechte und demokratische Rechte der brasilianischen Landbevölkerung ein.



2. 2007 wurden in Brasilien 76 Indios ermordet


3. Movimento dos Pequenos Agricultores – Bewegung der Kleinbauern, Mitglied der Via Campesina


4. CPT – Comissão Pastoral da Terra (Kirchliche Landkommission)


5. Bericht von Via Campesina und FIAN 2004: Laut der Agrarreformbehörde gibt es 3,1 Millionen Familien ohne Land und 3,4 Millionen mit unzureichend Fläche. Demgegenüber verfügt rund 1 Prozent der Grundbesitzer fast über 50 Prozent des Landes. 100 Millionen Hektar davon liegen brach und müssten nach der Verfassung enteignet und verteilt werden


1. Die englische Bezeichnung biofuels wurde mit «Biokraftstoffen» übersetzt, was vielen, die sonst mit «Bio» nichts am Hut haben, sehr gelegen kam. Nachdem in den allermeisten Fällen die Produktion nicht den Prinzipien einer biologischen Landwirtschaft entspricht, ist der Begriff «Agro-treibstoffe» gerechtfertigt.

Rédigé par Johann Kandler (Klimabündnis Österreich *), 14.05.2008, recrutés par ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 159 (04/2008)

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