SLOWAKEI: Kultur statt Orbanisierung

von Fabian Lutz, 11.03.2026, Veröffentlicht in Archipel 356

Unter der Regierung Robert Ficos erlebt die Slowakei eine autoritäre Wende. Doch der zivilgesellschaftliche Protest ist stark. Im Dezember 2025 bot der Schriftsteller Michal Hvorecký eine Führung durch die widerständige Hauptstadt Bratislava an. Das EBF Österreich organisierte eine Busreise mit zwanzig Interessierten.

Wer über die Krise im Land spricht, kommt um den Namen Robert Fico nicht herum. Mit seinem autoritären Kurs hatte der Ministerpräsident der Slowakei in den letzten Jahren für Schlagzeilen gesorgt. Nachdem Fico in Folge der zivilgesellschaftlichen Proteste 2018 seinen Rücktritt erklärt hatte, trat er 2023 erneut als Sieger aus der Nationalratswahl hervor. Das Land war durch Corona und Ukraine-Krieg gespalten. Man schien vergessen oder vergeben zu haben, dass Fico und der frühere Innenminister Robert Kaliňák der Korruption beschuldigt worden waren. Der Journalist Ján Kuciak war im Februar 2018 ermordet worden, nachdem er die Verflechtungen der slowakischen Regierung mit der italienischen Mafia aufgedeckt hatte.

Ficos nunmehr vierte Regierung steht für freundliche Töne gegenüber Orbán und Putin bei gleichzeitigem Eingriff in Justiz, Medien und Kultur. Nachdem Kulturministerin Martina Šimkovičová den Direktor des slowakischen Nationaltheaters sowie die Direktorin der slowakischen Nationalgalerie plötzlich entlassen hatte, mischte sich auch Schriftsteller Michal Hvorecký lautstark in die Debatte ein und nannte Šimkovičová in der Zeitung «Denník N» eine Neofaschistin. Šimkovičová erstattete Anzeige, doch ein Prozess kam nicht zustande. Sichtlich erleichtert über diese Entscheidung und voller Energie zeigte sich Hvorecký im Dezember 2025 bereit, eine kleine Gruppe von Interessierten durch die Kulturszene Bratislavas zu führen und mehr über Krise und Opposition in der Slowakei zu erzählen.

Programmkino statt Faschismus

Vom Hauptbahnhof in Bratislava, einem klobigen Bauobjekt aus der Zeit der Tschechoslowakei, führen vielbefahrene Strassen zum Pistoriho Palác. In den 1890ern vom Apotheker Felix Pisztory errichtet, wurde der prächtige historische Bau im 20. Jahrhundert zum Zentrum nationalsozialistischer Kräfte, die dort die Shoa vorbereiteten. In der Tschechoslowakei befand sich im Pistoriho Palác ein Lenin-Museum, in das damals jedes Kind gezerrt wurde – auch Michal Hvorecký. Heute lebt der Schriftsteller in der Nachbarschaft und freut sich, dass das Nationaldenkmal mittlerweile ein lebendiges, für alle erschwingliches Kulturzentrum ist. Mit wechselnden Ausstellungen, einem Programmkino, Theater und einer Bibliothek mit Büchern, die in der Sowjetunion verboten waren. Als Hvorecký die Gruppe durch eine Ausstellung buntfarbiger wie unheimlicher Porträtbilder führt, vorbei an raumgreifenden Metallskulpturen und durch prächtige Flügeltüren, erzählt er: «Ich bin gerne hier. Ich lebe schon mein ganzes Leben in Bratislava. Auch wenn es hier nicht immer einfach ist.» Der Pistoriho Palác ist die erste Station der Tour durch das widerständige Bratislava. Hier trifft die Gruppe auf den slowakischen Politikwissenschaftler und Freund Hvoreckýs, Jozef Bátora. Bátora wirft der Regierung Ficos die «langsame Orbánisierung» des Landes vor. Orte wie der Pistoriho Palác wirken vor dieser Entwicklung wie gallische Dörfer. Existieren können solche unabhängigen Kultureinrichtungen weiterhin, weil sie auf kommunaler Ebene finanziert sind. Ähnlich wie sein Kollege in Budapest, ist auch der Bürgermeister Bratislavas kein Freund autoritärer Regierungskurse. Matúš Vallo zeigt sich als Unterstützer der Pride Parade und des Klimaschutzes. Ein bisschen stolz wirken Jozef Bátora und Michal Hvorecký, als sie hinzufügen, dass Vallo nicht nur ein guter Bürgermeister, sondern auch Architekt und ein bekannter Rockmusiker ist.

Ein politisches Chamäleon

Jozef Bátora muss ausholen, um die Geschichte des Ministerpräsidenten Robert Fico zu erzählen, die vielen Aufs und Abs seiner Karriere. Deutlich wird dabei, dass der populistische Politiker programmatisch nicht zu fassen ist. Was immer ihm nutzte, war er – ein politisches Chamäleon: In den 1990ern Sozialdemokrat, im frischen Jahrtausend EU-Anhänger und in den 2020ern ein Politiker, der mit rechtsextremen Splittergruppen und Impfgegner·innen paktierte. Zudem ist Fico ein erfolgreicher Influencer, auch ausserhalb der Metropolen. «Er weiss, wie man mit den Menschen auf dem Land spricht», erklärt Bátora. Nach Bátora sind Fico und seine Parteifreund·innen von zwei Motivationen getrieben: Zum einen dem Gefängnis zu entgehen und zum anderen die alten «oligarchischen Mafiastrukturen» wiederzubeleben. Grundsätzlich verfolgt die Regierung Robert Fico IV einen nationalistischen Kurs: Slovakia first. Im September 2025 wurde eine Verfassungsänderung beschlossen, die slowakisches Recht über EU-Recht stellt. Ein offizieller EU-Austritt ist zwar nicht geplant, wird auf juristischer und politischer Ebene aber praktiziert – ein Vorgehen, das man von Orbán kennt. Die geopolitisch instabile Situation begünstige die «pathologische Lage des Landes» zusätzlich, so Bátora.

Andauernder Kulturkampf

Michal Hvorecký führt die Gruppe an einigen regennassen Fassaden vorbei zu einem unterirdischen jüdischen Friedhof, der Chatam Sofer Gedenkstätte. Auf dem Weg hebt er noch einmal die Bedeutung der slowakischen Zivilgesellschaft hervor. Nachdem Kulturministerin Martina Šimkovičová gegen ihn geklagt hatte, kam sofort eine Petition in Umlauf: Käme er vor Gericht, wollten alle diese Bürger·innen auch vor Gericht. Denn sie seien derselben Meinung wie er: Die Kulturministerin sei eine Neofaschistin. Die Petition hatten Tausende unterzeichnet. «Das hat mir in der schweren Zeit viel Mut und Kraft gegeben», erzählt Hvorecký.

Die Besichtigung der Nationaldenkmäler und Kulturstätten Bratislavas macht deutlich: Kultur und Politik gingen in der Slowakei schon immer eng zusammen. Die slowakische Bevölkerung, so erfährt man von Hvorecký, sei immer schon ohne aristokratisches Selbstbewusstsein gewesen, voller Skepsis gegenüber Obrigkeiten. In der Opposition gegen die autoritäre Regierung von Vladimír Mečiar in den 1990ern politisierte sie sich weiter. 2018 organisierte sie schliesslich die grössten Proteste seit Ende des Ostblocks.

Als umtriebiger Schriftsteller und Journalist schaut Hvorecký bei den Protesten auch auf die starke unabhängige Kulturszene der Slowakei. Die dürfte der neuen Regierung und speziell Kulturministerin Martina Šimkovičová ein besonderer Dorn im Auge sein. Für 2026 fällt deshalb fast die komplette Finanzierung für die Offszene weg. «Viele Initiativen und Kollektive – gerade im Osten des Landes, wo die Arbeit besonders schwierig ist – sind existentiell bedroht», erzählt Hvorecký, «einige werden wahrscheinlich aufhören – oder auswandern.» Die Abwanderung ist ein weiteres Problem der Slowakei, neben der politischen und wirtschaftlichen Krise.

Trolle des Kapitalismus

Ganz überraschend ist vor dieser Folie nicht, dass Michal Hvorecký oft dystopische Gesellschaftsromane schreibt. Einer davon heisst «Troll» und erzählt von einem Heer aus Trollen, die das Internet beherrschen. «Eskorta» wiederum begleitet einen jungen Mann, der sich der Überwachung durch den tschechoslowakischen Geheimdienst ausgesetzt sieht. Er flieht, kehrt Jahre später nach Bratislava zurück und steht dem Turbokapitalismus gegenüber. Realsozialismus und Turbokapitalismus sind prägende Ideologien in der Slowakei. Vor 15 Jahren war das Land noch ein Wirtschaftswunder, wurde «Karpatentiger» genannt. «Die neoliberalen Regierungen hatten damals gefordert: Erst werden wir reich, dann kümmern wir uns um Bildung und Kultur. Man hat die demokratische Arbeit unterschätzt. Jetzt sehen wir die Konsequenzen.» Zu denen gehört auch, dass eine Kulturministerin wie Martina Šimkovičová mit Gesetzgebungen aus der sozialistischen Zeit hantiert und prompt die Kultur «hackt», wie Hvorecký mit einer Tech-Metapher ergänzt. Am Ende der Tour durch Bratislava, vorbei an Kulturdenkmälern, Graffitis und alten sozialistischen Bauten, stehen die Teilnehmenden vor der Brücke des Slowakischen Nationalaufstands. Über 400 Meter Infrastruktur hängen an Stahlseilen, darüber ein UFO-förmiges Panoramarestaurant. «Die Brücke ist umstritten, weil sie die Stadt in zwei Hälften teilt.» Kein schlechter Aufhänger, will man über die gesellschaftliche Stimmung in der Slowakei sprechen. «Die Bevölkerung glaubt immer weniger an die Demokratie», führt Hvorecký aus und ergänzt: «Es wird Jahrzehnte brauchen, um zu korrigieren, was in diesen Jahren innerhalb der slowakischen Kultur kaputtgemacht wird.» Aber dann lächelt er und erinnert nochmals an seinen kleinen Sieg über Šimkovičová. Solange es eine so starke Zivilgesellschaft und kritische unabhängige Medien wie «Denník N» gibt, werden sich Politikerinnen wie Šimkovičová weiter gefallen lassen müssen, Faschistinnen genannt zu werden.

Fabian Lutz*

*Fabian Lutz ist seit 2025 Teil der Redaktion von mosaik, arbeitet im freien Kulturjournalismus und interessiert sich besonders für queerfeministische Interventionen und Utopien. Er hat uns diesen Artikel für Archipel übergeben.