UKRAINE: Ein letzter Besuch in Kramatorsk?

von Jürgen Kräftner, EBF Ukraine, 12.02.2026, Veröffentlicht in Archipel 355

Im Dezember 2025 legten wir 3000 km von Transkarpatien nach Dnipro, Kramatorsk, Charkiw und Sumy zurück, um Initiativen der ukrainischen Zivilgesellschaft zu besuchen. Wir wollten in Erfahrung bringen, wo sich ausländische Freiwillige engagieren können. Und wir wollten den Donbas und unsere dortigen Freundinnen und Freunde noch einmal sehen, bevor es vielleicht zu spät ist.

Zu dritt machten wir uns auf den Weg. Mit mir reisten Genia Koroletov und Nastya Malkyna, eine Künstlerin und ein Künstler aus Luhansk, die 2022 in Transkarpatien Zuflucht gefunden haben. Nach eineinhalb Tagen Fahrt (mit einer Pause – in der Nacht herrscht überall in der Ukraine ausser in Transkarpatien Ausgangsperre) sind wir bei unseren Freunden Lena und David in Dnipro eingetroffen. Seit Kriegsbeginn ist David Fahrer bei der NGO «East-SOS» und hilft Menschen aus allen Frontgebieten bei der Flucht. Lena unterstützt und berät Flüchtlinge in den Durchgangszentren, von wo aus diese entsprechend ihren Wünschen und Möglichkeiten an sichere Orte gebracht werden. Lena und David gaben uns gute Tipps für die Fortsetzung unserer Reise nach Kramatorsk. Seit unserem letzten Besuch im Frühsommer 2024 hat sich dort viel verändert. Die Hauptstrasse führt über Pokrowsk (seit Sommer 2024 ist diese Bergbaustadt heftig umkämpft) und ist gesperrt. Die anderen Strassen sind gefährlich, vor allem, je näher man der Front kommt. Russische Drohnen fliegen bis zu 40 km hinter die Front. Deshalb sind diese Strassen mit Anti-Drohnen-Netzen abgesichert. David hat uns Videos auf seinem Handy gezeigt. Mit einer speziellen Software kann er sich in die Datenübertragung der russischen Drohnenpiloten einloggen und zeitgleich das gleiche Bild wie sie sehen. Wenn sein Auto auf dem Bildschirm erscheint, müssen er und seine Passagiere das Fahrzeug blitzschnell verlassen. Das Auto könnte innerhalb von Sekunden zum Ziel der Drohne und damit zur tödlichen Falle werden. Das Kriegsrecht benachteiligt humanitäre Organisationen (zumindest in diesem Zusammenhang). Wenn ein Auto mit einem Drohnenerkennungs- oder Störsystem ausgestattet ist, gilt es als Konfliktpartei. Deshalb wollen internationale Organisationen solche Geräte nicht finanzieren, obwohl sie die Sicherheit der Evakuierungsteams deutlich erhöhen würden.

Lena hat uns auch einiges über ihre Arbeit in den Durchgangszentren berichtet. Die Leute aus den Frontgebieten flüchten in Wellen, und zuletzt flüchten meist diejenigen, die keine Vorstellung davon haben, wohin sie gehen könnten, also die sozial schwächsten Menschen ohne Verwandte in anderen Regionen. Manche sind krank, alt oder verwirrt, oder alles zugleich. Es ist weiterhin ein grosses Problem, dass der Staat den Menschen zu Beginn der Flucht keine konkreten Angaben machen kann, wo sie zu guter Letzt hingebracht werden. Und dann gibt es auch viele Leute, die nach der Flucht wieder in ihre Heimat zurückkehren: Ihnen ist das riskante Leben nahe der Front lieber als jenes in der Fremde. Es gibt aber auch ganz aussergewöhnliche Geschichten, zum Beispiel von Leuten, die es zu Fuss, quer durch die Front aus einem besetzten Gebiet, bis tief in die Ukraine geschafft haben.

David hat uns ins Machno-Pub in der Innenstadt eingeladen. Es war interessant zu sehen, wie die alternative Szene der vom Krieg gezeichneten Grossstadt Dnipro ihren Sonntagabend in einer angesagten Bar verbringt. Diese ist voller Erinnerungen an «Vater Machno», den Anführer der ukrainischen Anarchist·innen während der Revolution von 1917 bis 1921. Ich würde nicht behaupten, dass Machnos Ideen im politischen Diskurs der heutigen Ukraine eine grosse Rolle spielen, aber auf jeden Fall wird er an vielen Orten verehrt. Während unseres Aufenthalts in Dnipro hatten wir Glück, die Sirenen gaben zwar einige Male Alarm, aber wir erlebten keine direkten Treffer durch Raketen oder Drohnen. Das änderte sich knapp eine Stunde nach unserer Abreise am Morgen des 1. Dezembers, als die Stadt von zwei ballistischen Raketen getroffen wurde. Es gab vier Tote, darunter ein Kind, und Dutzende Verletzte.

Kramatorsk

Am dritten Tag sind wir in Kramatorsk angekommen. Diese graue (aber im Sommer auch grüne) Industriestadt, die vor dem Krieg 200.000 Einwohner·innen zählte, ist seit 2014 der Sitz der Verwaltung der Oblast Donbas. Die Front liegt derzeit etwa 25 km entfernt. Die Russen und Trump wollen, dass die Ukraine das stark befestigte Kramatorsk und die umliegenden Gebiete kampflos abgibt – eine aus ukrainischer Sicht absurde Forderung. Bei der Anreise sieht man zahlreiche frisch ausgehobene Gräben, die mehrere Meter breit und tief sind und sich in dem vorwiegend flachen Land bis zum Horizont erstrecken. Die Gräben sind mit Stacheldraht gefüllt, ein militärischer Durchbruch scheint unvorstellbar. In der Stadt selbst sind nur die Tankstellen mit Netzen geschützt. Unsere Eindrücke von Kramatorsk waren gemischt. Einerseits ist die Stadt lebendig, die Trolleybusse sind voller Menschen, man sieht auch Familien mit Kindern spazieren gehen, die Geschäfte und Cafés sind geöffnet. Nach Schätzungen unserer Gesprächspartner·innen in der Stadt leben hier noch immer etwa 100.000 Menschen. Aber der Krieg hinterlässt hässliche Spuren. Ganze Häuserblocks sind durch Raketenbeschuss in Schutt und Asche gelegt. Die Sirenen heulen ununterbrochen, niemand scheint sich darum zu kümmern. Auch niemand achtet auf das dumpfe Geräusch und die Vibrationen des nahen Artilleriebeschusses, höchstens schaut man in die Richtung, aus der das Donnern kommt. Wir hatten Glück während unseres etwa 24-stündigen Besuchs, denn nur kurz nach unserer Abreise begannen massive Bombardierungen. Zwei Kampfdrohnen trafen im Abstand von einer halben Stunde ein Gebäude und töteten zwei Rentnerinnen.

« Vsi Porutsch » (Alle zusammen)

Unsere Freundin Anna Nahorna (sie organisiert unter anderem «Mental Health Camps» für Kriegsopfer aus der Region Charkiw) hat uns empfohlen, Svitlana Zouyeva von der Organisation «Vsi Porutsch» zu treffen. Svitlana hat uns am Sitz ihrer Organisation in Kramatorsk herzlich empfangen. Das Lokal ist mit unzähligen Kartons humanitärer Hilfe überfüllt, es sind vor allem Medikamente und Hygieneartikel. Man kommt fast nicht durch. Während unseres anderthalbstündigen Treffens kamen und gingen ständig Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ein und aus. «Vsi Porutsch» zählt etwa 80 Freiwillige, vor allem in Kramatorsk, und hat auch Niederlassungen in Lwiw und Riwne im Westen der Ukraine. Die Organisation wurde 2014 gegründet und ist seit 2022 offiziell registriert. Die Hauptaktivitäten sind auch hier die Evakuierung von Menschen (auch mit gepanzerten Fahrzeugen) und humanitäre Hilfe für Zivile und Soldaten, vor allem mit Medikamenten. Unter den Freiwilligen sind ein paar Ausländer·innen, zum Beispiel Andrzyk aus Polen, der seit 2022 in Kramatorsk ist. Andere kommen und gehen, wie zum Beispiel ein Mann aus Australien. Als er zwischen zwei Aufenthalten in Kramatorsk nach Australien zurückkehrte, hat er zwei Krankenwagen für die Evakuierung bettlägeriger Menschen organisiert. Dieser Freiwillige spricht weder Ukrainisch noch Russisch und kommuniziert mit den Einheimischen über die Übersetzungs-App auf seinem Handy, was für niemanden ein Problem zu sein scheint. Svitlana freut sich über die gute Zusammenarbeit der verschiedenen NGOs in Kramatorsk; einmal monatlich finden Koordinationstreffen statt.

Als sie über die Evakuierung älterer Menschen aus der Umgebung von Kramatorsk in den Westen der Ukraine spricht, sieht man, wie ihr Blick aufleuchtet. Es scheint, als kenne sie zu jeder Person eine persönliche Geschichte. Für sie ist es wichtig, dass auch nach der Flucht alles gut läuft, dass sich diese Menschen in einer unbekannten Umgebung und fremden Kultur willkommen und wohl fühlen. Eine Psychologin betreut die Menschen während ihrer Abreise. Es gibt Menschen, die während der Bombardierungen ihre Dokumente verloren haben, sie benötigen Hilfe, um neue zu bekommen. Es gibt auch Probleme mit Haustieren, vor allem bei der Wohnungssuche. Viele Vermieter·innen akzeptieren keine Tiere.

Svitlana hat ihre Familie in die Stadt Chmelnyzkyj im westlichen Zentrum der Ukraine umgesiedelt. Sie freut sich über den freundlichen Empfang durch die Einheimischen. Es gibt dort schon eine Art Siedlung von Leuten aus Kramatorsk, auch dies ist hilfreich. Leerstehende Häuser wurden renoviert, um die Geflüchteten unterzubringen.

Verdrängte Gefahr

Die vielen Kinder, die sich weiterhin in Kramatorsk aufhalten, bereiten Svitlana Sorgen. Das Leben wird immer gefährlicher: FPV-Drohnen und Drohnen mit Glasfasersteuerung fliegen ungehindert über die Stadt und töten nach Belieben. Ebenso beunruhigend ist die Anwesenheit von immer noch etwa 2000 Menschen mit Behinderung. Wie kann man sie im Notfall schnell evakuieren? Die Gefahr besteht darin, dass man sich, wenn man in einer Stadt lebt, die bombardiert wird, daran gewöhnt und den Detonationen kaum noch Beachtung schenkt. Wir haben 2024 das benachbarte Drouzhkivka besucht. Bis damals war diese kleine Stadt, die für ihr Porzellan und ihre Sonnenblumenkerne-Halva bekannt ist, vom Krieg weitgehend verschont geblieben. Die Front war dabei schon damals recht nahe. Jetzt wird Druzhkivka täglich bombardiert. Die Militärbehörde hat Familien mit Kindern aufgefordert, das Gebiet umgehend zu verlassen. Aber es gibt Familien, die sich mit ihren Kindern in Kellern verstecken. Ein häufiger Grund dafür ist, dass die Väter Angst haben, am ersten Kontrollpunkt von der Armee eingezogen zu werden. Die Angst ist berechtigt, denn Kontrollpunkte gibt es überall und die Rekrutierung läuft auf Hochtouren. «Vsi Porutsch», das sind auch die Reparaturteams, die nach den Bombardierungen durch Gleitbomben oder Drohnen ausfahren und die zerborstenen Fenster mit OSB-Platten verschliessen. Ältere Menschen verstehen oft nicht, dass die Hilfe kostenlos ist. Svitlana und ihr Team freuen sich auf Freiwillige aus dem Ausland, es gibt jede Menge zu tun und sie betreuen die Leute, die sich hier engagieren wollen gerne.

In Kramatorsk haben wir auch unsere Freunde vom «Tato Hub» wieder getroffen, einer weiteren Freiwilligeninitiative, mit der Genia und Nastya schon mehrmals zusammengearbeitet haben. Ursprünglich war das Tato-Hub (Tato ist ukrainisch für Papa) eine Idee von Vätern, die sich mehr mit ihren Kindern beschäftigen wollten. Seit dem Krieg ist daraus eine humanitäre Organisation geworden. Denis, einer der Freiwilligen, erzählt, dass sie sich jetzt hauptsächlich um die Kinder aus den Dörfern in der Nähe von Kramatorsk kümmern. Die Schulen sind seit Jahren geschlossen. Tato-Hub bringt die Kinder an sicheren Orten zusammen und hilft ihnen, die Lücken des Fernunterrichts zumindest teilweise zu schliessen. Zugleich erhalten die Kinder ein Minimum an sozialem Kontakt zurück.

Jürgen Kräftner, Dezember 2025

Zweiter Teil des Reiseberichts im nächsten Archipel

Begleitende Gedanken

Die Begriffe, die in Westeuropa im Zusammenhang mit der Ukraine derzeit am häufigsten verwendet werden, sind wahrscheinlich Kriegsmüdigkeit, Desertion, Korruption, Friedensverhandlungen und Gebietsabtretungen. Das trägt dem anhaltenden Widerstandswillen der meisten Ukrainerinnen und Ukrainer nicht Rechnung. Die Mehrheit der Bevölkerung ist nicht bereit, Russland Zugeständnisse zu machen, und fordert Gerechtigkeit. Ebenfalls ist es bemerkenswert, dass die ukrainische Zivilgesellschaft auch während des Krieges nicht gelähmt ist. Lebhafte öffentliche Debatten werden geführt und, wo nötig, finden auch Protestaktionen und Demonstrationen statt, so im vergangenen Sommer, als Demonstrationen gegen die Entmachtung der Antikorruptionsbehörden den Präsidenten zu einer politischen Kehrtwende zwangen. Und in vielen Kreisen wächst die Erkenntnis, dass die junge Generation der Ukraine einen grossen Vorsprung gegenüber Gleichaltrigen in den meisten anderen europäischen Ländern hat, wenn es darum geht, die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern. Diese jungen Menschen mussten schmerzlich erkennen, dass ihnen, ohne ihr Zutun, keine der Grundfreiheiten und Menschenrechte garantiert sind, ganz im Gegenteil. Ihre Eltern und Grosseltern haben ihnen vom Holodomor[1] erzählt, viele wissen, dass die grössten ukrainischen Dichter·innen und Denker·innen vom sowjetischen Regime ermordet wurden, sie haben von dem Verbrechen von Tschernobyl gegen die ukrainische Bevölkerung gehört. Sie haben vielleicht schon persönlich die Periode des Rechts des Stärkeren in den 1990er Jahren und die daraus resultierende Oligarchie erlebt, spätestens seit dem Maidan 2013-2014 wissen sie, dass es sich lohnt, für eine freie Gesellschaft auf die Strasse zu gehen, und sie wissen, dass ihr imperialistischer Nachbar den ukrainischen Freiheitswillen um jeden Preis brechen will. Diejenigen, die Freundinnen und Freunde im Westen haben oder dort einige Zeit verbracht haben, erkennen den Unterschied. Bereits mehrere Generationen von Westeuropäer·innen kennen nichts anderes als Frieden und mehr oder weniger stabile demokratisch-liberale Verhältnisse. Dieser Komfort führt dazu, dass sie denken, dass die Grundfreiheiten demokratischer Gesellschaften, die auf Menschenrechten basieren, ohne besondere Anstrengungen Bestand haben werden. Eine pazifistische, auf Dialog basierende Haltung würde dementsprechend ausreichen, um sicher zu sein, dass der Lärm des Krieges sie niemals nachts aufwecken würde. In diesem Zusammenhang finde ich es wichtig, dass junge (oder weniger junge) Menschen aus anderen Ländern für eine gewisse Zeit die vielfältigen Formen der Solidarität erleben, die in den Frontgebieten der Ukraine gelebt werden.

Jürgen Kräftner

  1. Ausrottung durch Hunger in der Sozialistischen Sowjetrepublik Ukraine und im Kuban (in Russland, aber damals überwiegend von Ukrainer·innen bewohnt) in den Jahren 1932 und 1933, die nach Schätzungen von Historiker·innen zwischen 2,6 und 5 Millionen Todesopfer forderte. Der Holodomor wird von 33 Ländern als Völkermord oder Ausrottung anerkannt. Das Europäische Parlament hat ihn 2008 als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt und befand, dass es sich um eine provozierte Hungersnot und ein «Verbrechen gegen das ukrainische Volk und gegen die Menschlichkeit» handelte, und stufte ihn 2022 als Völkermord ein.