MEXIKO: Das Wissen der Maya in Gefahr!

von Doris Braune, Heilpraktikerin, Stuttgart, 09.11.2023, Veröffentlicht in Archipel 330

Die traditionelle Medizin und Geburtshilfe der Maya im mexikanischen Bundesstaat Chiapas sind bedroht. Eine Veranstaltungstournee durch mehrere Länder Europas informierte über diese Situation und suchte den Rückhalt von solidarischen Menschen und Organisationen.*

Vom 12. September bis zum 15. Oktober 2023 reisten zwei Vertreter·innen des indigenen Projektes OMIECH (Organisazion del Medicos Indigenas del Estado de Chiapas) aus San Cristobal de las Casas, Agripino und Micaela Ico Bautista, durch Deutschland, die Schweiz und nach Südfrankreich, um in zwölf öffentlichen Veranstaltungen, zwei Radiosendungen und weiteren Zusammenkünften über die Situation der traditionellen Maya-Medizin und ihre aktuellen Herausforderungen zu informieren und zu sprechen. Die Veranstaltungsorte waren: in Deutschland: Stuttgart, Wiesbaden, Tübingen, Ingersheim; in der Schweiz: Bern, Délemont, Undervelier; in Frankreich: Forcalquier, Limans, Digne-les-Bains, Saint Chaffrey, Marseille. Eingeladen wurden sie von einem breiten Bündnis an Organisationen, von Frauengesundheitszentren in Deutschland, von der Europäischen Kooperative Longo maï, Hebammengruppen, Geburtshäusern, feministische Buchläden, Kulturzentren usw.* Im Rahmen der verschiedenen Veranstaltungen berichtete Micaela Ico Bautista, Mitbegründerin und Koordinatorin des Bereichs der Frauenheilkunde bei OMIECH, vor welchen Herausforderungen die traditionelle Maya-Medizin heute steht.

Besonders bedroht sind dabei die traditionelle Geburtshilfe der Tzeltal-Tzotzil-Maya-Hebammen sowie ihr Pflanzenwissen durch Enteignung von grossen Pharmafirmen. Seit vielen Jahren gibt es Programme der Regierung in Chiapas, um die traditionelle Geburtshilfe der Maya-Hebammen zum Verschwinden zu bringen. So bekommt ein im Hochland geborenes Kind nach einer von einer Maya-Hebamme begleiteten Geburt keinen offiziellen Eintrag ins Geburtsregister und ist dadurch quasi als Mensch nicht existent auf der Welt.

Darüber hinaus werden den indigenen Frauen, die sich vorstellen können, Hebammen zu werden, sogenannte «Qualifikationsprogramme» in den Krankenhäusern angeboten, um als Hebammen zu arbeiten. Diese in den letzten Jahren geschaffenen Zertifizierungsprogramme ignorieren jedoch und berücksichtigen nicht das traditionelle Wissen der Maya-Hebammen und den kulturellen Umgang der indigenen Bevölkerung mit dem eigenen Körper. So berichten die Frauen etwa davon, dass sie im Krankenhaus während der Geburt nackt ausgezogen würden als seien sie Kinder. Letztlich wird aus einer eigenverantwortlichen Maya-Hebamme eine den Anweisungen der Ärzt·innen unterstehende Hilfskraft mit traditioneller Bluse. Gegen diese Abwertung setzt sich OMIECH und ganz speziell die von Micaela Ico Bautista koordinierte «Area de mujeres y parteras» (Bereich Frauen- und Hebammen) ein. Abgesehen davon ist die Vernichtung des traditionellen Maya-Hebammenwissens und -standes lebensgefährlich für die Schwangeren aus dem Hochland, da sie keine Mittel und Möglichkeiten haben, den zum Teil stundenlangen Weg in die Stadt San Cristobal anzutreten, und somit ist ohne die traditionelle Geburtshilfe der Maya-Hebammen das Leben der Frauen und ihrer Kinder gefährdet.

Was geht uns das an?

Sowohl die Geburtshilfe als auch die Frauenheilkunde unterliegt in Europa einem Medizinkonzept, das sehr effizient und technokratisch ausgerichtet ist. So endet fast ein Drittel aller Geburten in Deutschland mit einem Kaiserschnitt. Eine Zahl, die auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als viel zu hoch angemahnt wird, denn der Kaiserschnitt sollte eigentlich das letzte Mittel sein, wenn das Leben von Mutter oder Kind bedroht ist. Die mühsam erkämpfte sanfte Geburtshilfe durch freie Hebammen, die zu Hausgeburten kommen oder in Geburtshäusern praktizieren, wurde durch astronomische Versicherungsgebühren und weitere Einschränkungen der freien Hebammentätigkeit zunehmend behindert. Als Ergebnis können wir sehen, dass «Gewalt unter der Geburt» von immer mehr Menschen beklagt wird. Bei unserer letzten Veranstaltung dankte eine Teilnehmerin Micaela und sagte, dass sie, die durch einen Kaiserschnitt geboren wurde, seitdem zwischen den Welten lebe. Durch die Veranstaltung habe sie zum ersten Mal ein Gefühl von Verbundenheit gespürt. Die technokratisch ausgerichtete Geburtshilfe ignoriert die epigenetischen Folgen ihrer invasiven Geburtshilfe. Wir fordern die Anerkennung der Geburtshilfe der traditionellen Maya-Hebammen mit und ohne Zertifikate! Ein Offener Brief soll die Regierung von Chiapas dringend dazu auffordern, die für die ganze Welt wichtige Erfahrung und das Wissen der traditionellen Maya- Hebammen zu achten und die Weitergabe an die nächsten Generationen zu unterstützen und nicht durch aus der westlichen Medizin stammende Zertifizierungsprogramme zu behindern bzw. zu eliminieren. Der Erhalt und die Wertschätzung der Geburtshilfe traditioneller Maya-Hebammen muss garantiert werden!

Doris Braune, Heilpraktikerin, Stuttgart

Bitte um Spenden: www.betterplace.org/de/projects/121708-maya-hebammen-reise-nach-europa

  • Die Veranstaltungen fanden mit der Unterstützung folgender beteiligter Personen und Organisationen statt: Doris Braune und Mathilde Berguerand, Anne-Kathrin Ziebandt, Ute Gleich, FF*GZ Stuttgart e.V., MüZe Süd e.V.; Württembergischer Kunstverein WKV; Frauengesundheitszentrum Sirona Wiesbaden, Lachesis Verein für Frauengesundheit, Evangelische Akademie Bad Boll, Geburtshaus Tübingen, Verein Geborgen geboren e.V. Tübingen, Fem FM & Amokfisch im Freien Radio Stuttgart, Engagement Global, Brot für die Welt, Bürgerstiftung Stuttgart, Europäische Kooperative Longo maï in Basel und Limans, Hebammenprojekt Bern; Hebammen aus Frankreich, Casa Colorada Marseille, Millebabord, Melipona, Mouvement d'Echange Libre pour Notre Avenir (Bewegung des freien Austauschs für unsere Zukunft), Les sentiers du bien-naître, Begleitung bei der Geburt, - Agathe, Armoise & Salambandre -, Körper und Politik, Europäisches Bürger·innen Forum, Radio Zinzine, Freundeskreis Cornelius Koch, Kollektiv Mutvitz13 (Netzwerke zur Unterstützung und zum Verkauf von zapatistischem Kaffee), OMIECH/ Mexiko